Karfreitagsrituale: Blut, Kreuz und Sühne

Es sind blutige Traditionen: Weltweit geißeln sich Menschen am Karfreitag und lassen sich ans Kreuz schlagen - in Erinnerung an die Leiden Jesu. Offiziell ist die katholische Kirche gegen die Spektakel, sie tut aber wenig dagegen.

Manila/Jerusalem - Es ist ein Ritual auf den Philippinen. Jedes Jahr an Karfreitag lassen sich Menschen freiwillig kreuzigen. So auch in diesem Jahr: 29 Männer und eine Frau haben sich entschieden, die Leiden Jesu am eigenen Leib nachzuempfinden. Dazu wurden sie mit Hammer und Nägeln an Kreuze geschlagen.

Die Philippinen sind kein Einzelfall (siehe Fotostrecke). Auch in anderen Teilen der Welt begehen Christen den Karfreitag mit blutigen Zeremonien. In Mexiko ziehen Hunderte durch die Straßen und geißeln sich dabei gegenseitig. Andere tragen Bündel voller Kakteen auf der nackten Haut. Blutüberströmte Rücken zeugen von den Schmerzen, welche die Gläubigen auf sich nehmen.

Der Karfreitag - ein blutiges Opferfest wie Aschura bei den Schiiten?

Fest steht: Die meisten Christen begehen den Todestag Jesu weniger spektakulär, mit Gottesdiensten, Prozessionen - oder einfach im Kreis der Familie. Daneben gibt es aber auch Gläubige, die ihre Religion aktiv erleben möchten. Und dazu gehören am Karfreitag dann eben auch körperliche Schmerzen.

Nach der ursprünglichen Idee sind die Rituale als Sühne gedacht. Wobei die Zeremonien stets auch Touristen- und Medienspektakel sind. Allein die Kreuzigungen in San Fernando auf den Philippinen, rund 75 Kilometer nördlich der Hauptstadt Manila, ziehen jedes Jahr Tausende Schaulustige an. In Dutzenden anderen Dörfern ziehen junge Männer mit nacktem Oberkörper durch die Straßen und schlagen sich mit Peitschen die Rücken blutig. Die Peitschen sind mit Glasscherben gespickt.

Die katholische Kirche ist offiziell gegen Blutfeiern am Karfreitag. Tatsächlich tut sie aber wenig, um die Menschen davon abzuhalten. Vor allem in der Dritten Welt hat die Kirche ohnehin keine Chance, gegen die fest verankerten örtlichen Riten vorzugehen.

Dabei fasziniert das Ereignis nicht nur Einheimische. Auf den Philippinen war in diesem Jahr auch ein Australier dabei. John Michael, 33, aus Melbourne musste wie die anderen sein Holzkreuz zunächst einen staubigen Berg hinaufschleppen, dort wurden ihm dann 15 Zentimeter lange Nägel in Handflächen und Füße geschlagen. Michael trug dabei eine schwarze Perücke und eine Dornenkrone. Er schrie vor Schmerz, als die Nägel sein Fleisch durchstachen.

Anschließend wurden die Holzkreuze mindestens fünf Minuten unter der sengenden Sonne senkrecht aufgestellt. Michael sagte später im Radio, er habe das Opfer erbracht, weil seine Mutter an Krebs erkrankt sei.

Neben ihm ließ sich eine 18-jährige Frau kreuzigen. Der Bauarbeiter Roland Bautista (38) nahm zum dritten Mal teil. "Ich tue es für meine Familie", sagte der Vater von fünf Kindern. "Damit niemand krank wird und wir unbeschadet durch die schweren Zeiten kommen." Gerade erst hatte er seinen Job in Saudi-Arabien verloren, nun sucht er Trost im religiösen Ritual.

Für Ruben Enaje war es bereits seine 23. Kreuzigung. Er nahm erstmals 1986 teil, nachdem er den Sturz aus einem dreistöckigen Haus überlebt hatte. "Der Herr war gut zu mir und ich mache weiter, solange ich kann."

Wesentlich gemäßigter ging es in Jerusalem zu. Tausende Gläubige aus aller Welt erinnerten mit dem traditionellen Kreuzweg an das Leiden Jesu. Auch hier schulterten einige Pilger Holzkreuze und trugen sie über die 14 Stationen des Kreuzweges bis zur Grabeskirche. Echte Kreuzigungen fanden in Jerusalem aber nicht statt.

An das Symbol des Kreuzes wurde an diesem Freitag jedoch weltweit erinnert. "Unter dem Kreuz können Menschen die Nähe Gottes erfahren und getröstet werden", sagte Volker Jung, der Präsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, in seiner Karfreitagspredigt. Jung erinnerte an die Menschen, die am Karfreitag etwa in Winnenden den "eigenen Schmerz über den furchtbaren Amoklauf mit Gott teilen". Er bezog auch die Erdbebenopfer in Italien in seine Predigt ein. "Im Blick auf das Kreuz haben Menschen immer wieder Kraft gefunden, eigenes unabänderliches Leid mit Hoffnung und Würde zu tragen", sagte Jung.

Das christliche Osterfest fällt in diesem Jahr mit dem jüdischen Pessach-Fest zusammen. Anders als Katholiken und Protestanten feiern die griechisch Orthodoxen den Karfreitag erst in einer Woche.

wal/dpa

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Blutiger Karfreitag: Kreuze, Geißeln, Prozessionen