Faszination Swimmingpool-Fotos Die Nassforscherin

Zehn Jahre lang hat die US-französische Fotografin Karine Laval Swimmingpools in der ganzen Welt beobachtet. Heraus kam ein Spiegelbild unserer Gesellschaft - und ein perfekter Sommerspaß.

Karine Laval

Von , New York


Anfangs hatte sie Angst vorm Wasser. Als Karine Laval ein kleines Kind war, warf ihr Vater sie ins tiefe Ende eines Swimmingpools. "Ich sehe heute noch vor mir, wie ich aus seinen Armen rutschte und er hinterher sprang", sagt sie. "Er wollte mir wohl das Schwimmen beibringen. Für mich war das furchterregend."

Diese Erinnerung dürfte Laval nicht allein haben. Doch für die Fotografin war es der Beginn einer lebenslangen Faszination. Immer wieder zog es sie zu den Pools, Seen und Meeren der Welt, auf der Suche nach Genuss und Gefahr, nach Glamour und Graus. Einmal wäre sie fast ertrunken, beim Surfen im Sturm vor Long Island. Trotzdem kehrte sie zurück.

Und stets hatte sie am Wasser ihre Kamera dabei. Erst eine Kodak Retina, ein Geschenk ihres Großvaters, mit der sie die ahnungslosen Nachbarn beäugte, eine "Spionin mit dem Fotoapparat". Später eine Minolta und schließlich eine Rolleiflex, die sie bis heute benutzt.

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17  Bilder
Foto-Faszination Pool: Leben am Wasser

Laval, 47, geboren in Meudon-la-Forêt, einem Vorort von Paris, fotografiert, seit sie denken kann: "Diese mysteriösen Apparate, dieses Verfahren, mit einer simplen Kiste Fotos zu machen, das fand ich alles magisch." Lange dokumentierte sie die geografische Odyssee ihrer Familie - Europa, Afrika, Karibik, hin und her. 1997 landete sie in New York, wo aus dem Hobby eine Berufung wurde.

Seither hat Laval Karriere gemacht als Fotografin und Künstlerin, ihre oft experimentellen Werke - Fotos, Videos, Installationen - wurden weltweit ausgestellt, darunter im Centre Pompidou und dem Museum of Modern Art. Doch ihr neuestes Projekt ist von allen zweifellos das aufwendigste und persönlichste:

Swimmingpools.

Damit passt es auch perfekt in diesen heißen Sommer: "Poolscapes" heißt das Buch mit mehr als hundert Aufnahmen von Pools und denen, die sich darin und daran tummeln. Entstanden sind sie über zehn Jahre, in mehreren Ländern - und sie offenbaren all die komplexen, widersprüchlichen Gefühle, die Pools verursachen.

Exhibitionismus und Voyeurismus. Geselligkeit und Einsamkeit. Protz und Scham. Freude und Leid. Die Fotos wecken Erinnerungen, auch an die dunklen, unterschwelligen Gruselmomente des Lebens: "Die Angst vor dem Tod, die Anziehungskraft der Gefahr, unserer persönliche Verwandlung, wenn wir älter werden", sagt Laval.

Swimmingpools sind seit jeher viel mehr als nur Becken, in die man eintaucht, um sich abzukühlen. Sie sind Treffpunkte, Laufstege, Sportstätten, Statussymbole. In den USA, aber auch anderswo, reflektieren sie den American Dream, den Klischeetraum vom egalitären Luxus - oder auch dessen eiskalte Kehrseite.

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30  Bilder
Foto-Shooting am Swimmingpool: Ab in die Fluten!

Deshalb liebt auch Hollywood Pools. Billy Wilders "Boulevard der Dämmerung" begann mit einer Leiche im Becken, Faye Dunaway ließ sich frühmorgens mit ihrem Oscar am Pool des Beverly Hills Hotels ablichten (und heiratete den Fotografen später).

Karine Lavals Poolreise begann 2002. Damals fuhr sie zum Urlaub nach Barcelona, lag - wo sonst - am Pool und probierte ihre neue Rolleiflex aus. Wie einst als Kind beobachtete sie die Menschen sicher durch den Sucher, ohne die Kamera zu bewegen. Das Becken wurde zur Bühne, die Leute traten auf und ab, "das alles erinnerte mich ans Theater".

Ein Laborfehler machte die grellen Farben und Kontraste noch greller. Das gab den Fotos einen surrealen, "fast übernatürlichen" Effekt, der "das Theatralische des Orts verstärkte". Laval liebte das Missgeschick und hatte eine neue Obsession gefunden.

Sie begann weitere Pools zu fotografieren, zuerst vor allem öffentliche Schwimmbäder in Europa, die in ihrer Kindheit eine so große Rolle gespielt hatten. Diese Kindheit erkundet Laval nun über ihre Bilder selbst neu. Später, als die Rezession einschlug, reiste sie nach Kalifornien, um dort leere Pools als Symbole des Immobiliencrashs abzubilden, des austrocknenden Wohlstands Amerikas.

Bei den frühen Fotos war sie noch passive Beobachterin. Später agierte sie zusehends als forsche Regisseurin der Szenen. Hier zeigte sich ihr wachsendes Selbstbewusstsein, aber auch, "dass ich mich schnell langweile und immer was anderes suche".

Die jüngsten Aufnahmen, entstanden in der idyllischen Strandenklave Fire Island bei New York, ähneln denn auch impressionistischen Gemälden. Oder - was Laval allzu oft hört - David Hockneys Pop-Art-Bildern, bei denen Körper und Wasser verschmelzen.

"Poolscapes" von Karine Laval
Karine Laval

"Poolscapes" von Karine Laval

Laval sitzt in ihrem hellen Haus in Brooklyn und blättert durch die Seiten. Das Buch ist in penibler Handarbeit gedruckt, im Göttinger Steidl Verlag. "Es war wie ein Geschenk an mich selbst", erinnert sie sich an den Tag, als die ersten Exemplare ausgeliefert wurden.

Angst vor dem Wasser hat Laval längst nicht mehr.



insgesamt 2 Beiträge
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sametime 28.07.2018
1. Ganz schön unscharf
Schöne Motive, aber man sieht auch sehr deutlich, wie sich die Kameratechnik weiterentwickelt hat. Analog ist eben nicht besser als digital, wie manche meinen.
rungrang 28.07.2018
2. Falsche Sichtweise
Wer heute behauptet, analoge Kameras wären besser, der hat die letzten Jahre verschlafen. Man muss sich sowieso wundern, wie bei den enormen Möglichkeiten aktueller Kameras noch so viel Mist produziert werden kann. Es geht hier aber doch nicht ums Material, sondern ums Produkt. Ich finde ihre Perspektiven und den Blick fürs Motiv genial, wiewohl ich die Bilder nicht so sehr mag. Alles scharf und in die Mitte dürfte kaum Frau Lavals 'Anspruch' sein. Ihre Bilder bieten Raum zum träumen, Platz für Fantasie und darum viele Möglichkeiten, sich mit ihrem Werk auseinderzusetzen. Für sie dürfte es am Ende ebenfalls auf den Prozess, die Einmaligkeit, Frust Ärger, Spannung (die sofortige Kontrolle fehlt ja) ankommen, wie auf das fertige Produkt. Mit einem aktuellen High Tech Monster wäre alles anders und vielleicht auch beliebiger.
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