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Karneval im Rheinland: Küssen, tanzen, feiern - und vorsichtig sein

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Jecke: Sie wollen doch nur feiern Zur Großansicht
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Jecke: Sie wollen doch nur feiern

Das Rheinland fiebert dem Höhepunkt der Karneval-Saison entgegen. Doch neben all der Vorfreude: Die Angst vor Terror oder sexuellen Übergriffen ist überall Thema.

"Du", sagt meine Tochter zu meinem Sohn, "fährst am Donnerstag aber nicht nach Köln, oder?"

Der Satz an sich ist rheinische Normalität: Wenn Fastelovend naht, spricht man sich ab. Wer wird wann und wo mit wem feiernd zu finden sein? In diesem Jahr jedoch hat er einen mahnenden Unterton. Sohnemann versteht sofort: Nee, er habe andere Pläne.

"Ist das bei euch ein Thema?" frage ich und ernte ungläubige Blicke.

"Was glaubst du denn?" fragt meine Tochter. "Millionen von Menschen auf den Straßen, dicht an dicht. Kannst du dir vorstellen, was da los wäre, wenn etwas passiert?"

"Mer losse uns dat Fiere nich vermiese", hört man dieser Tage von vielen. Nach der katastrophalen Kölner Silvesternacht, nach Terroranschlägen und Fehlalarmen aber eben auch: Dieses Jahr will ich vorsichtig sein. Nicht mitten hinein ins Gedränge.

Karneval - eine Art rheinisches Silvester

Vorsicht und Karneval passen eigentlich nicht so recht zusammen: Straßenkarneval ist wild und laut, überall Musik und ja, das alles ist auch versoffen. Vor den Kneipen steht man oft 30, 40 Minuten Schlange. Das Körpergefühl vor den Bühnen auf den lebendigen Plätzen der Veedel und in den berstenden Kneipen und Brauhäusern erinnert an die U-Bahn von Tokio zur Stoßzeit. Nur dauert die hier schon mal zehn, zwölf Stunden.

Politischer Motivwagen für den Kölner Rosenmontagszug: Die Züge gehören zum Straßenkarneval, aber sie machen sein Wesen nicht aus Zur Großansicht
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Politischer Motivwagen für den Kölner Rosenmontagszug: Die Züge gehören zum Straßenkarneval, aber sie machen sein Wesen nicht aus

Dann die Züge. Man schätzt, dass rund 1,5 Millionen Menschen von außen zureisen, wenn Köln kocht. Wenn das Wetter schön ist, tummeln sich bis zu zwei Millionen Menschen feiernd auf den Straßen.

Und das ist ja nur Köln: Der Karneval in den Mittel- und Kleingemeinden im Umland wird keinen Deut weniger wild gefeiert, ist oft sogar lustiger. Es gibt Dorfzüge, wo nicht nur Kamelle fliegen, sondern vom Zug aus auch frischgezapftes Kölsch und Bratwürstchen verteilt werden. Am Ende landen dann alle im Gemeindesaal oder einer großen Wirtschaft.

Wer es darauf anlegt, wirft sich von Donnerstag bis zum folgenden Dienstag nonstop in diesen Feier-Mahlstrom. Sehr viele müssen dafür nicht einmal Urlaub nehmen: Regionale Mittelständler schließen über Karneval, auch die Schulen sind dicht. Karneval ist Urlaub vom Normaluniversum.

Wie erklärt man das Fremden?

Doch in diesem Jahr lassen sich die Sorgen nicht so leicht verdrängen. Die übergriffigen Verbrecher von Silvester sind noch immer irgendwo unterwegs. Tausende Flüchtlinge, denen der pappnasige Trubel völlig fremd sein dürfte, werden sich in der Stadt bewegen. Sie treffen auf Hunderttausende außerordentlich kontaktfreudige, maskierte Teutonen, die "Bütze, danze, fiere" wollen - küssen, tanzen, feiern.

Kölns Polizeipräsident Jürgen Mathies (rechts), Bürgermeisterin Henriette Reker: Entschlossen, eines der größten Massenspektakel des Kontinents sicher über die Bühne zu bringen Zur Großansicht
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Kölns Polizeipräsident Jürgen Mathies (rechts), Bürgermeisterin Henriette Reker: Entschlossen, eines der größten Massenspektakel des Kontinents sicher über die Bühne zu bringen

Die Stadt hat in diesem Jahr das Polizeiaufgebot verdoppelt - bis zu 2000 Beamte sollen präsent sein, die Polizisten schieben Zwölf-Stunden-Schichten. Auch die Stadtverwaltung setzt fast 400 Leute ein, die Komitees des Kölner Karnevals haben 200 eigene Sicherheitsleute mobilisiert.

Teil des Sicherheitskonzepts sind auch Absprachen mit den Rausschmeißern der großen Klubs und Kneipen, die man vorab ins Boot holte. Security-Spots für Frauen sollen für zusätzliche Sicherheit sorgen. Denn "die Weltöffentlichkeit", weiß Bürgermeisterin Henriette Reker, "wird sehr genau hinsehen, wie Köln diese Herausforderung managt".

Das klingt nervös, obwohl jeder versichert, genau das nicht zu sein. Kölns Polizeipräsident Jürgen Mathies spricht von einer "abstrakt hohen Gefährdungslage für einen Anschlag" und meint: Man könnte sich vorstellen, dass der Karneval den einen oder anderen Irren reizen könnte.

Zugleich ist keineswegs ausgemacht, wer da am Ende vor wem geschützt werden muss. Sozialeinrichtungen, die in der Region Flüchtlingsheime betreiben, empfehlen ihren Bewohnern seit Wochen, zumindest Rosenmontag nicht auf die Straße zu gehen. Junge Männer werden über mögliche kulturelle Irritationen und Missverständnisse informiert: Diese Leichtbekleideten, so der Tenor, wollen gar nichts von dir - die wollen nur küssen, tanzen, feiern.

Verjeckung - die ultimative Integration

Die allgemeine Aufregung war auch zu besichtigen, als die Caritas am Dienstag zu einer "Unterrichtsstunde 'Karneval für Anfänger'" lud: Es tauchten mehr Kamerateams und Journalisten auf als Ausländer. Wer auch nur so aussah, als wäre er schon einmal im Ausland gewesen, wurde sofort interviewt. Wer dunkelhaarig ist und Zeichen karnevalesker Freude zeigte, fand sich in Sekunden von Kameras umringt.

"Karnevalsanfänger" im Caritas-Unterricht: Mehr Journalisten als Ausländer Zur Großansicht
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"Karnevalsanfänger" im Caritas-Unterricht: Mehr Journalisten als Ausländer

"Das haben wir so nicht gewollt", sagte eine der Caritas-Mitarbeiterinnen. Was sie wollten: eine fröhliche Probe-Karnevalsfeier. Mit Laien-Gruppen, Beteiligung vom örtlichen Gymnasium und 120 Karnevalisten, die den deutlich weniger präsenten Fremdlingen mal ganz praktisch erklären sollten, was im Kölner Karneval eine Rakete ist: "Und jezz Stufe Eiiiiinnnnnnssssss….!"

Keine Spur von "Passt auf, wenn", "Auf keinen Fall dies und das" oder "Was man alles nicht tun sollte". Stattdessen: Pappnasen und Trommeln und Samba und Willi-Ostermann-Lieder und die obligatorische Karnevals-Mucke. Die rund 200 Teilnehmer der "Unterrichtsstunde" standen sichtlich verblüfft mindestens sechs TV-Kamerateams gegenüber, sieben oder acht Radio- sowie einem guten Dutzend Print- und Online-Reportern und rund zwanzig Fotografen.

Jetzt steht zu hoffen, dass die ganze Aufregung für die Katz sein wird.

Wenn alles gut geht, wird es wieder Hunderte Tonnen Süßigkeiten regnen, fünf Millionen Liter Kölsch werden fließen, es werden Ehen entstehen und Ehen vergehen, es wird gelacht werden und getanzt und geküsst, bis der Nubbel wieder brennt und am Aschermittwoch alles vorbei ist.

Mehr wollen wir doch gar nicht: büzze, tanze, fiere.

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