Karneval in Köln Alaaf in Zeiten des Alarms

Sturmwarnung, Angst vor sexuellen Übergriffen, Terrorgefahr: Selten war die Lage an Rosenmontag so ernst wie in diesem Jahr. Und nun? Eine erste Bilanz.

Ein Narr und Polizisten in Köln: Feiern unter erhöhten Sicherheitsbedingungen
DPA

Ein Narr und Polizisten in Köln: Feiern unter erhöhten Sicherheitsbedingungen

Von und , Köln


Der betrunkene Hirsch sucht eine Toilette, es scheint dringend. Doch am Security Point vor dem Kölner Dom ist der Karnevalist an der falschen Adresse. Dort hat die Stadt eine Anlaufstelle für Frauen eingerichtet, die sexuelle Übergriffe melden wollen. Es ist eine Lehre aus der Silvesternacht, als im Hauptbahnhof Hunderte Frauen attackiert wurden und nicht wussten, wohin sie sich wenden sollten.

Selten zuvor war Karneval eine so ernste Angelegenheit wie in diesem Jahr. Mit einem Großaufgebot will die Polizei die Jecken schützen - vor Terroristen, Sextätern und Trickdieben. Frohsinn im Alarmzustand. Und als wäre die Lage noch nicht angespannt genug, sorgt am Rosenmontag auch noch das Wetter für zusätzliche Verunsicherung. Sturmböen drohen, heißt es am Morgen. Also sagen die Verantwortlichen in Düsseldorf, Mainz und in vielen anderen Städten die Umzüge lieber ab. Bloß kein Risiko - das ist die Devise.

In einem vertraulichen Einsatzerlass hat das nordrhein-westfälische Innenministerium die Marschrichtung vorgegeben. Darin heißt es, Karneval werde "zum Einsatz aller verfügbaren Kräfte der Bereitschaftspolizei sowie der Alarmeinheiten führen". Es müsse daher eine größtmögliche Verfügbarkeit gewährleistet werden, Urlaub sei nur "unter Anlegen eines strengen Maßstabes in begründeten Ausnahmefällen zu genehmigen". Zusätzlich forderte man Hundertschaften anderer Bundesländer an und schickte Auszubildende auf die Straße. "Für uns gilt dieses Jahr eine Null-Fehler-Toleranz", sagt ein hochrangiger Beamter. "Es darf absolut nichts schiefgehen."

Das Milieu der Täter beeindrucken

Kölns Gleichstellungsbeauftragte Christine Kronenberg (l.) am Security Point für Frauen
Kendra Stenzel

Kölns Gleichstellungsbeauftragte Christine Kronenberg (l.) am Security Point für Frauen

Groß ist die Sorge, dass dem Rechtsstaat nach den Attacken in der Neujahrsnacht erneut die Kontrolle über die Straße entgleiten könnte. Den NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD), der bereits den Kölner Polizeipräsidenten entlassen musste, könnten neuerliche Ausschreitungen den Job kosten.

Mit Razzien, sogenannten Gefährderansprachen und vorsorglichen Platzverweisen versuchte die Kölner Polizei daher im Vorwege, das Milieu der mutmaßlichen Täter von Silvester nachhaltig zu beeindrucken. Offenbar durchaus mit Erfolg.

So kommt auch das Bundeskriminalamt (BKA) in seiner vertraulichen Gefährdungsbewertung "Karneval 2016" zu dem Schluss, dass sexuelle Übergriffe zwar einkalkuliert werden müssten. Jedoch "dürften die umfangreich getroffenen Maßnahmen zumindest einen erheblichen Teil potenzieller Täter von einem vergleichbaren Agieren abhalten".

Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen gingen in diesem Jahr auch nur wenige Gefahrenhinweise im Zusammenhang mit der Möglichkeit eines terroristischen Anschlags ein. Die Mehrheit hatte nach Einschätzung des BKA ohnehin "keinen realen Hintergrund", sondern folgte lediglich dem Zweck, "eine Drohkulisse" aufzubauen. Oder die vermeintlichen Tipps fielen laut BKA gleich "in den Bereich Karnevalsscherze".

Am Bahnhof tanzen und trommeln Syrer

Omar Masfaka: "Was an Silvester passiert ist, macht auch uns Angst"
Kendra Stenzel

Omar Masfaka: "Was an Silvester passiert ist, macht auch uns Angst"

Als am Montagnachmittag die ersten Zugwagen den Kölner Bahnhofsvorplatz erreichen, zieht eine Gruppe Syrer die Aufmerksamkeit der Karnevalisten auf sich. Tanz, Gesang, Trommeln - der Ort, der noch vor wenigen Wochen Angstraum für Frauen war, soll zum Platz freundlicher Begegnungen werden, wie Omar Masfaka, 20, vom Bildungszentrum für internationale Menschenrechte in Wuppertal sagt.

Gemeinsam mit zwei Dutzend syrischen Frauen und Männern will er ein Zeichen setzen: "Was an Silvester passiert ist, macht auch uns Angst. Und es macht uns Angst, wie viele Deutsche uns nun ansehen", so Masfaka. "Wir wollen zeigen, wer wir sind, dass wir nichts mit diesen Angriffen zu tun haben und dass wir Seite an Seite mit den Deutschen und der Polizei stehen."

1850 Beamte sind laut dem Kölner Polizeipräsidenten Jürgen Mathies über den Tag hinweg im Einsatz. Die Karnevalisten spüren die verstärkte Präsenz, von Verunsicherung wollen viele nichts wissen:

Anabel Guisado Trocoli und Giulia Rösler

"Klar ist das nach Silvester in Köln ein komisches Gefühl. Deswegen auch die Strumpfhose unterm Rock, falls irgendwer auf die Idee kommt, unsere Beine anzufassen. Betrunkene Männer gibt es an Karneval in Köln ja genug. Aber wir fühlen uns hier wirklich geschützt, dass hätten wir vorher nicht gedacht. Die Stimmung ist locker und ausgelassen. Überall stehen Polizisten bereit, das gibt ein gutes Gefühl. Wir gehen auf jeden Fall noch trinken."

Maria Wiese und Kristina Kurz

"Wir haben so viel an, da fasst uns hier niemand an. Nein, nur Spaß. Viele Leute haben geraten, Karneval nicht in Köln zu verbringen. Aber das ist doch Quatsch. Wir sind komplett angstbefreit. Gerade an Rosenmontag wird gerade in Köln sicher nichts passieren."

Senta Leyrer, Wolfgang Bübner, Monika Hürtgen, Petra Beurschgens und Silvia Bübner

"Als Vereinsmitglieder feiern wir natürlich seit Donnerstag. Es ist in diesem Jahr auf jeden Fall leerer als sonst, vermutlich wegen der Silvester-Vorgeschichte, aber auch wegen des Wetters. Wir machen uns keine Sorgen, wir sind immer in der Clique unterwegs. Außerdem ist die Sicherheit hier wirklich gut. Aber es ist wichtig, dass die Menschen für das Thema Übergriffe sensibilisiert werden und darüber sprechen. Nach Karneval ist dann aber auch gut, da kann man das wieder etwas runterfahren."

Janine Edelmann und Christoph Grommes

"Karneval ist Karneval. Wenn wir anfangen würden, uns von so etwas wie Silvester einschränken zu lassen, dürften wir das Haus nicht mehr verlassen. Der richtige Kölner lässt sich den Karneval eh nicht nehmen. Und wo soll denn an Rosenmontag hier etwas passieren? Man sieht ja mehr Polizisten in Gelb als Besucher. Nein, wir feiern ganz normal - und alle anderen auch, so wie es ausschaut."

Matthias Kemper und Victor Obando

"Ich vertraue darauf, dass es an Rosenmontag nirgendwo in Deutschland sicherer ist als in Köln. Da liegt doch der komplette Fokus auf der Stadt. Außerdem ist so viel Polizei und extra Security im Einsatz, da sollte man sich wirklich nicht zu viele Sorgen machen. Wir genießen die Zeit lieber, bevor wir wieder nach Stuttgart zurückfahren."

Die Teenie-Gemeinde

"Wir sind aus Sachsen mit 18 Leuten angereist. Angst haben wir gar nicht. Wir freuen uns vor allem auf Kamelle. Und auf den Merkel-Wagen. Wir haben extra vorher in der Zeitung geguckt, was für Wagen beim Zug mitfahren. An Karneval sollte man auch wirklich nur Karneval feiern."

Christina Schmied, Verena Schmied, Linda Renner, Andrea Sachenbacher (v.l.)

"Aus Köln ist keine von uns, wir kommen alle aus Oberbayern. Nach Silvester ist es schon komisch, hier zu sein. Sonntagabend waren wir am Hauptbahnhof, das war echt ein bisschen gruselig, da bekommt man schon Angst. Aber hier ist so viel Polizei unterwegs, da fühlt man sich sicherer."

Thea Melzer

"Ich besuche heute zwei Freundinnen, die in Köln wohnen. Ich selbst bin aus Oberberg, da ist Karneval etwas anderes. So viel Polizei auf den Straßen zu sehen, ist schon komisch. Meine Eltern haben vorab natürlich gefragt, ob das sein muss, dass ich hier feiere. Aber Eltern sagen das ja irgendwie immer. Wirklich Sorgen mache ich mir nicht. Auch bei anderen habe ich hier von Angst noch nichts gemerkt."

Jonas Bohm, Malte Meier

"Also um Übergriffe machen wir uns jetzt keine Gedanken. Uns fasst ja keiner an. Wenn, dann wäre Terror eine größere Angst. Da kann auch die Polizei nicht viel ausrichten. Wir haben Tüten dabei, da hätte auch sonst was drin sein können, das hat niemand kontrolliert. Aber Sorgen haben hier nichts zu suchen - höchstens vor dem Sturm."

Sandra Ziessow

"Wir sind über einen Wachdienst im Karneval unterwegs. Bisher war es wider Erwarten wirklich ruhig und schön. Keine großen Prügeleien. Heute sind wir für eine der Tribünen zuständig und kontrollieren, auch mit Blick auf Terrorgefahr. Natürlich gucken wir uns diesmal die Leute mehr an, gucken öfter in die Taschen. Falls uns da etwas auffällt, melden wir es der Polizei. Aber soweit ist wirklich alles komplett in Ordnung."

Schon kurz nach Abschluss des Rosenmontagszugs ziehen die Organisatoren eine erste Bilanz: Es sei alles gut und glücklich verlaufen, die Stimmung sei toll gewesen, sagt Zugleiter Christoph Kuckelkorn. Der befürchtete schwere Sturm blieb aus.

Ein Polizeisprecher sagt am Nachmittag, bisher habe es keine besonderen Vorkommnisse gegeben.

Von Weiberfastnacht bis zum frühen Rosenmontagmorgen hatten die Ordnungshüter in der Domstadt nach eigenen Angaben insgesamt 352 Personen in Gewahrsam genommen und 62 Menschen festgenommen. "Bislang fertigten die eingesetzten Beamten 542 Strafanzeigen", hieß es in einer ersten Bilanz. Hinzu kämen 45 angezeigte Sexualdelikte - von der sexuellen Beleidigung bis hin zur Vergewaltigung.

Für Polizeichef Mathies hat sich das "Konzept des konsequenten Eingreifens" bewährt. Eine ausführliche Bilanz soll am Dienstag vorgestellt werden.

Mit Material von dpa

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Seite 1
Phil2302 08.02.2016
1.
Ich war an Altweiber abends in Düsseldorf und habe dort das massive Polizeiaufgebot beobachten können. Das fand ich sehr positiv, ich habe mich sehr sicher gefühlt. Also ein großes Lob an die Polizisten!
mikechumberlain 08.02.2016
2.
Zitat von Phil2302Ich war an Altweiber abends in Düsseldorf und habe dort das massive Polizeiaufgebot beobachten können. Das fand ich sehr positiv, ich habe mich sehr sicher gefühlt. Also ein großes Lob an die Polizisten!
Nur mal so, vor 40 Jahren haben wir für einen Faschingsumzug in Frankfurt 2 Streifenwagen gebraucht. Einer am Anfang und einer am Ende. Passiert ist trotzdem nix.
brotmann 08.02.2016
3. Problem gelöst
Wer hätte gedacht, dass es so einfach ist. Wir müssen das Polizeiaufgebot bei Großereignissen in den nächsten Jahrzehnten bloß vervielfachen (und hin und wieder mal eins wegen Sturmwarnung absagen). Tolle Aussichten.
bimmer 08.02.2016
4. Und die Wetterfrösche...
...haben - mal wieder - versagt! Seit in Italien Erdbebenforscher zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt wurden (weil sie ein Erdbeben nicht *vorhergesehen* haben!), werden die Wetterwarnungen immer übertriebener! So wurde dann ein Sturm an die Wand gemalt, den es gar nicht gab! Während in Köln sogar die Sonne schien, muss wohl wenige Kilometer nördlich in Düsseldorf ein Monsun mit Hurrikan-Winden sein Unwesen getrieben haben... Deutschland schafft sich (auf allen Ebenen) ab.
outsider-realist 08.02.2016
5.
Zitat von bimmer...haben - mal wieder - versagt! Seit in Italien Erdbebenforscher zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt wurden (weil sie ein Erdbeben nicht *vorhergesehen* haben!), werden die Wetterwarnungen immer übertriebener! So wurde dann ein Sturm an die Wand gemalt, den es gar nicht gab! Während in Köln sogar die Sonne schien, muss wohl wenige Kilometer nördlich in Düsseldorf ein Monsun mit Hurrikan-Winden sein Unwesen getrieben haben... Deutschland schafft sich (auf allen Ebenen) ab.
Ihre Wahrnehmung in allen Ehren. In Frankfurt waren starke Sturmböen, die etliche Plakatwände umgeworfen haben und einige Frauen zur Verzweiflung brachten-was ihre Frisuren angeht. Die Wettervorhersage war absolut korrekt. Was andere daraus machen ist jedem selbst geschuldet.
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