Rosenmontag Köln feiert weiter

Sturm, Terrorangst, Sorge vor Übergriffen: Der Rosenmontag in Köln begann unter denkbar schlechten Bedingungen. Doch er endete mit entspannten Jecken, die vor allem eins taten: feiern, feiern, feiern.

Von Claudia Hauser, Köln


Auf dem Kölner Altermarkt wirbelt der Wind den Müll in die Luft, der vom Zoch übrig geblieben ist. Tief "Ruzica" zieht am späten Montagnachmittag dann doch noch über die Stadt hinweg, eine Frau jagt ihrer Erdbeermütze nach, die meisten lassen sich von den Böen geradewegs in die Kneipen wehen.

Im "Einstein" läuft "Cowboy und Indianer" - die Altstadt ist mehr Ballermann als Karneval. Zwei Türsteher regeln den Einlass. In diesem Jahr haben fast alle Kneipen Sicherheitspersonal. Es ist nur eine der vielen Reaktionen auf die Zwischenfälle in der Silvesternacht.

Das Wetter, die Sorge vor sexuellen Übergriffen und Trickdieben: Selten war die Lage an Rosenmontag so ernst, waren die Sicherheitsvorkehrungen so hoch. Doch die Feiernden scheint die Polizeipräsenz nicht zu stören.

"Mich beruhigt das eher", sagt Sabrina, die mit ihren beiden Freundinnen unterwegs ist. Ob sie sich nach den Ereignissen der Silvesternacht nun anders fühlt beim Karneval? "Nein, eigentlich nicht", sagt die 27-Jährige. "Aber wir haben Pfefferspray dabei und sind die ganze Zeit zusammen geblieben - nur zur Sicherheit."

Am Hauptbahnhof und rund um den Dom gehören die vielen Einsatzwagen und Bereitschaftspolizisten seit Silvester zum Kölner Stadtbild. Auch am Rosenmontag werden hier viele Menschen kontrolliert. Oft sind es junge Männer, die nordafrikanisch aussehen. Je sechs Beamte umstellen denjenigen, den sie überprüfen. Es kommt vor, dass er ein paar Meter weiter von den nächsten sechs Polizisten aufgehalten wird.

"So ist das eben"

Auch das ist eine Konsequenz der Silvesternacht. "Wir werden kontrolliert, weil wir ausländisch aussehen", sagt einer, der seinen Ausweis gerade wieder einsteckt. "Aber ja, so ist das eben." Dann sagt er noch, dass er darauf hofft, die Zeiten würden sich wieder ändern.

Ein paar hundert Meter weiter schallt es aus dem "Lapidarium" an der Eigelsteintorburg: "Leev Marie, ich bin kein Mann für eine Nacht." Vor der Kneipe passt Türsteher Ivan Jurcevic, 44, auf. Er ist fast zwei Meter groß und kann den kompletten Raum vom Eingang aus überblicken. "Alles total easy hier", sagt er. "Es gab noch keine einzige Schlägerei. Kölsch-Trinker sind nicht aggressiv." Er lacht. Zeitweise hätten die Leute derart entspannt gefeiert, dass er sich die Zeit in den Imbissen nebenan vertrieben hat. "Ich hab drei Kilo zugenommen."

Türsteher Ivan Jurcevic: Seit Silvester berühmt
SPIEGEL ONLINE

Türsteher Ivan Jurcevic: Seit Silvester berühmt

Viele Gäste erkennen Jurcevic. Er hat es nach Silvester zu einiger Berühmtheit gebracht, weil er mehrere Frauen beschützte, die vom Hauptbahnhof geflüchtet und nach den sexuellen Übergriffen völlig aufgelöst waren. In einem Video, das er auf Facebook teilte, erzählte er als einer der ersten Augenzeugen, was passiert war, und wurde dann von vielen als Held gefeiert, weil er sich drei Tätern in den Weg gestellt und sie vertrieben hatte.

Kurz vor Karneval war noch ein japanischer Fernsehsender in der Stadt, um Jurcevic zu interviewen. Dass an Karneval irgendetwas passieren könnte, daran hat er nie gedacht. "Ganz im Gegenteil, Köln war dieses Mal vorbereitet. Mir war klar, dass nach Silvester der friedlichste Karneval aller Zeiten kommt." Die Panikmache nerve ihn.

Köln feiert weiter

Hinter dem Rudolfplatz haben auch die Wirte der schwul-lesbischen Kneipen ihre Sicherheitsmaßnahmen verschärft. Taschendiebe hatten die Szeneläden immer wieder aufgesucht, die Gäste mit dem Antanztrick bestohlen.

Im "Schampanja" wird Montagabend zu "Kölsche Junge bütze joot" getanzt. Manches Kostüm ist an Tag fünf des Karnevals ein wenig ramponiert. So wie das Schild, das ein Mann auf dem Kopf trägt. "Ich will mit" steht darauf. Er ist als Ersatzhaltestelle verkleidet.

"Was macht ihr denn hier?", fragt ein anderer zwei Frauen, die hier eindeutig in der Unterzahl sind. Eine antwortet: "Ihr riecht alle so gut und es gibt keine Schlange vor dem Frauenklo." Na dann. Köln feiert weiter. Auch an Tag fünf.

Die Organisatoren des Rosenmontagsumzugs hatten schon kurz nach Ende des Zochs eine positive Bilanz gezogen. Und auch Polizeichef Jürgen Mathies zeigte sich mit dem bisherigen Verlauf des Karnevals zufrieden. Am späten Vormittag wollen die Beamten dann detaillierte Zahlen zu den gemeldeten Vorfällen bekannt geben.

Stimmen aus dem Kölner Karneval:

Video: Der Sturm blieb aus, Köln feierte

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.