Rosenmontagszug in Köln "Der Karneval war schon immer schlüpfrig"

Die Macher des Kölner Rosenmontagszuges sind kreative Leute - doch in diesem Jahr präsentieren sie einen Wagen, der schon mal im Einsatz war. Warum ist das so? Und wieso wird der Fall Edathy kein Thema? Antworten von Zugleiter Christoph Kuckelkorn.

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Köln - Der kommende Montag ist ein ganz besonderer in Köln. Dann soll Vitali Klitschko eine tragende Rolle im Rosenmontagszug übernehmen. Der ukrainische Oppositionspolitiker und ehemalige Schwergewichtsweltmeister im Boxen nimmt sich auf einem Prunkwagen den russischen Präsidenten Wladimir Putin zur Brust. Das Festkomitee Kölner Karneval hat die fertigen Wagen der Öffentlichkeit präsentiert. Die meisten spielen mit dem Motto "Zokunf - Mer spingkse wat kütt" (Zukunft - wir schauen mal, was kommt).

Im Interview spricht Christoph Kuckelkorn, 49, Bestattungsunternehmer und seit 2005 Leiter des Kölner Rosenmontagszuges, über die speziellen Herausforderungen für die Wagenbauer.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kuckelkorn, das gab es ja noch nie in der Geschichte des Kölner Rosenmontagszuges. Sie bauen einen Motivwagen, der schon mal mitgefahren ist, haargenau nach. Gehen Ihnen die Ideen aus?

Kuckelkorn: Nein, definitiv nicht. Wir haben uns intensive Gedanken gemacht, weil sich am Rosenmontag zum fünften Mal der Einsturz des Stadtarchivs jährt. 2010 hatten wir einen Wagen zu dem Unglück, der die drei Affen zeigt - einer sieht nichts, einer hört nichts, einer sagt nichts. Der eine stand für die Stadt Köln, der zweite für die Kölner Verkehrsbetriebe, der dritte für die Gutachter. Und dann gab es noch den Elefanten, also den U-Bahn-Bauer, der die Katastrophe aussitzt. Nach fünf Jahren hat sich an dieser Situation nichts verändert, es gibt immer noch niemanden, der Farbe bekennt. Deshalb haben wir es für das größtmögliche politische Statement gehalten, diesen Wagen noch einmal zu bauen.

SPIEGEL ONLINE: Was macht für Sie einen guten Wagen aus?

Kuckelkorn: Er muss ein Thema haben, das die Leute bewegt. Und er muss mit dem großen Pinsel gezeichnet sein. Das heißt: Die Zuschauer müssen die Botschaft innerhalb weniger Sekunden begreifen. Wie bei unserer Star-Wars-Figur Yoda, die den Geißbock Hennes, das Maskottchen des 1. FC Köln, mit einer Rakete in die erste Liga katapultiert.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Tabus bei der Themenauswahl oder der Gestaltung?

Kuckelkorn: Ja, sicher. Das unterscheidet uns zum Beispiel von Düsseldorf, wo der Tabubruch fester Bestandteil des Rosenmontagszuges ist. Wir achten darauf, keine religiösen Gefühle zu verletzen und im Bereich des guten Geschmacks zu bleiben. Die Kirche machen wir natürlich trotzdem zum Thema. Ein Wagen macht sich über die finanzielle Zukunft angesichts von Kirchenaustritten Gedanken. Da wird dann mit gesponsertem Kölnisch Taufwasser gesegnet oder eine Beicht-Happy-Hour angeboten.

SPIEGEL ONLINE: Die Edathy-Affäre ist das beherrschende innenpolitische Thema, bei Ihnen findet es aber nicht statt.

Kuckelkorn: Unsere Wagenbauphase beginnt im November. Und um unsere Planungen umzuschmeißen, müssen Themen schon Knaller sein. In der Bundespolitik bieten sich da gerade wenige echte Profilierungen an. Der Bereich ist in diesem Jahr schwierig zu persiflieren. Anders sieht es international aus - mit dem US-Präsidenten als Darth Vader oder Klitschko und Putin im Clinch.

SPIEGEL ONLINE: Sind aktuelle politische Ereignisse wie gerade in der Ukraine eine besondere Herausforderung für die Wagenbauer?

Kuckelkorn: Auf jeden Fall. Zumal wir uns immer die Möglichkeit lassen, in letzter Minute einen Wagen noch mal umzubauen oder sogar komplett neu zu gestalten.

SPIEGEL ONLINE: Sie präsentieren einen Wagen mit dem Namen "Popp Kultur 2214", der den Sex zwischen Mann und Frau als elektronischen Akt via Kabelverbindung zeigt. Haben Sie in diesem Jahr mehr Mut zu Freizügigkeit?

Kuckelkorn: Der Karneval hat ja immer schon schlüpfrige Themen aufgegriffen. Wir haben uns mal Bilder von Rosenmontagszügen aus den Siebzigern angeschaut. Die waren wesentlich provokanter und mutiger. Da haben wir uns gedacht: Das können wir ruhig auch mal machen. Der Wagen versucht eine provokante Antwort auf die Frage zu geben, wie es mit den zwischenmenschlichen Beziehungen in Zukunft weitergeht.



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Seite 1
frubi 25.02.2014
1.
Zitat von sysopDPADie Macher des Kölner Rosenmontagszugs sind kreative Leute - doch in diesem Jahr präsentieren sie einen Wagen, der schon mal im Einsatz war. Warum ist das so? Und wieso wird der Fall Edathy kein Thema? Antworten von Zugleiter Christoph Kuckelkorn. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/karneval-in-koeln-christoph-kuckelkorn-ueber-wagen-fuer-rosenmontagszug-a-955598.html
Ich fühle mich als gebürtiger Rheinländer vielen Gepflogenheiten verbunden aber das Karnevals- und Schützenwesen war mir immer schon Fremd. Bei den Schützen versammeln sich die alten Brauchtumsfetischisten, die am liebsten in einer Uniform schlafen und im Jahr 1936 leben würden. Und der Karneval ist in den Altstädten der bekannten Ballungsräumen zu einem großen Herpes-Austausch-Programm verkommen. Ich gönne diesen Menschen ihren spaß aber für mich ist Karneval absolut nichts. Wenn ich mich an diesen Tagen als riesen Penis verkleide und fremde Frauen angrabsche, ist das in Ordnung und wird nicht sanktioniert. Das selbe sollte man mal in der Woche darauf probieren. Verhaftung und Anzeige wären die Folge. Ich würde mir nur mal wünschen, dass absolut kein Alkohol an diesen Tagen zu kaufen wäre. Gar keiner. Dann wäre das ganze eine ziemlich langweilige Veranstaltung aber an Karneval haben selbst die prüdesten Spießer um 12:00 Uhr einen sitzen und es werden alle Hemmungen abgestreift. Von mir aus. Wieso nicht öfter? Terminiertes Sodom und Gomorra. Aber von den selben Menschen, die dann um 13:00 Uhr nicht mehr wissen wo vorne und hinten ist, wird man doof angeschaut wenn man mit einem Joint durch die Stadt läuft.
anders-artig 25.02.2014
2.
Zitat von frubiIch fühle mich als gebürtiger Rheinländer vielen Gepflogenheiten verbunden aber das Karnevals- und Schützenwesen war mir immer schon Fremd. Bei den Schützen versammeln sich die alten Brauchtumsfetischisten, die am liebsten in einer Uniform schlafen und im Jahr 1936 leben würden. Und der Karneval ist in den Altstädten der bekannten Ballungsräumen zu einem großen Herpes-Austausch-Programm verkommen. Ich gönne diesen Menschen ihren spaß aber für mich ist Karneval absolut nichts. Wenn ich mich an diesen Tagen als riesen Penis verkleide und fremde Frauen angrabsche, ist das in Ordnung und wird nicht sanktioniert. Das selbe sollte man mal in der Woche darauf probieren. Verhaftung und Anzeige wären die Folge. Ich würde mir nur mal wünschen, dass absolut kein Alkohol an diesen Tagen zu kaufen wäre. Gar keiner. Dann wäre das ganze eine ziemlich langweilige Veranstaltung aber an Karneval haben selbst die prüdesten Spießer um 12:00 Uhr einen sitzen und es werden alle Hemmungen abgestreift. Von mir aus. Wieso nicht öfter? Terminiertes Sodom und Gomorra. Aber von den selben Menschen, die dann um 13:00 Uhr nicht mehr wissen wo vorne und hinten ist, wird man doof angeschaut wenn man mit einem Joint durch die Stadt läuft.
forumgehts? 25.02.2014
3. Schland
Zitat von sysopDPADie Macher des Kölner Rosenmontagszugs sind kreative Leute - doch in diesem Jahr präsentieren sie einen Wagen, der schon mal im Einsatz war. Warum ist das so? Und wieso wird der Fall Edathy kein Thema? Antworten von Zugleiter Christoph Kuckelkorn. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/karneval-in-koeln-christoph-kuckelkorn-ueber-wagen-fuer-rosenmontagszug-a-955598.html
wird eben immer moralischer. Nächstes Jahr werden wir den ersten politisch korrekten Karneval haben: Spenden statt Spott.
anders-artig 25.02.2014
4. Merkel....
Das Bild mit Merkel als "Buzz Lightyear" finde ich klasse. Allerdings: "Bis zur Unendlichkeit und noch viel weiter" - mit Merkel als Bundesmutti? Oh, Gott - bitte lieber nicht! ;-)
Toecutter 25.02.2014
5. Also ...
... man kann dem Kölner Karnevals-Umzug viel vorwerfen, aber bestimmt nicht, dass er kreativ und witzig ist. Kein Wunder, dass die vor ein paar Jahren versucht haben Jaques Tilly aus Düsseldorf wegzulotsen. Hatte aber Gott sei Dank nicht geklappt. Der wäre mit der Kölner "Selbst-Zensur" auch nicht klargekommen.
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