Karneval in Rio "So viele Jungs küssen wie möglich!"

Bevor die großen Paraden starten, lassen es die Brasilianer auf Hunderten Straßenfesten schon richtig krachen. Hier wird heute schon gezeigt, was morgen wichtig ist: Prächtige Kostüme, knappe Bikinis - und ganz viel Zuneigung für den Nächsten.


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Karneval in Brasilien: Warmlaufen vor der Mega-Fete
Rio de Janeiro - "Ich bin Tausende von Kilometern gefahren, um meinen ersten Karneval in Rio zu erleben", sagt die 18-jährige Taline Pereira aus Nordostbrasilien, im rosafarbenen Top und Minirock geradezu schlicht gewandet für Rio-Verhältnisse. Das Programm für die kommenden Tage hat die Studentin schon festgelegt: "Ich will so viele Jungs küssen wie möglich!" Ob der Junge hübsch sein müsse? Nicht wirklich: "Wenn da eine Energie spürbar ist, spielt es keine Rolle, ob er süß ist oder nicht."

Mit den traditionellen Straßenfesten der "Blocos" hat der Karneval in Rio seinen ersten Höhepunkt erreicht. Vor den festlichen Samba-Paraden am Sonntag und Montag kamen bei den größten der insgesamt 650 Straßenfeste bis zu eine Million Menschen zusammen.

Jeder Bloco hat dabei seinen eigenen Charakter. Einige werden überwiegend von Jugendlichen, andere von Homosexuellen besucht. Es gibt sogar einen Bloco für Journalisten. Und überall sind Touristen unterwegs - rund 700.000 sind eigens zum Karneval nach Rio gekommen. Gemeinsam ist allen Festen, dass der Alkohol in Strömen fließt, die Kleidung knapp ist - und überall hemmungslos Zärtlichkeiten ausgetauscht werden.

Der 17-jährige Lucas de Souza nimmt es pragmatisch: "Wenn ein Mädchen mich zurückweist, hat sie bestimmt eine Freundin, die es nicht tut." Aber Achtung: Wer eine Frau beim Küssen unsittlich berührt, bekommt die rote Karte gezeigt - oder riskiert eine Ohrfeige.

"Geht doch in ein Zimmer"

Angesichts der karnevalstypischen Lust an der Lust wollen die Behörden in diesem Jahr 55 Millionen Kondome unter die Leute bringen. Ausländische Touristen haben so ihre Probleme mit dem öffentlichen Ausbruch von massenhafter Zärtlichkeit. "Ich mag Zuneigung, aber wenn ich das hier sehe, sage ich: 'Geht doch in ein Zimmer'", meint die 33-jährige Australierin Destine Georgio.

Auch die ältere Generation hat so ihre Zweifel. Die 65-jährige Maria Helena Meurer aus dem Stadtteil Ipanema schaut sich das Treiben beim Bloco "Vem ni mim que sou Facinha" (Komm zu mir, ich bin einfach) an und schimpft: "Dieses Spiel mit dem Küssen gab es nicht, als ich jung war. Wir haben auch herumgespielt, aber mit Respekt."

So dauerte es auch mehr als einen Karneval, bis Maria Helena den Mann ihres Lebens gefunden hatte: "Er hat mich sieben Jahre lang hofiert, ehe wir geheiratet haben, und das habe ich als Jungfrau getan. Versuchen Sie mal, in dieser Menge eine zu finden."

In diesem Jahr wird die erst siebenjährige Julia Lira Karnevalskönigin sein - und damit die jüngste der Geschichte. Sie darf den Platz einnehmen, der normalerweise nur sexy Models oder berühmten Schauspielerinnen vorbehalten ist - was sogleich eine hitzige Diskussion unter Kinderschutzexperten entfachte, ob das Kind diesem sexualisierten Ambiente ausgesetzt werden dürfe.

Der Vater des Mädchens, Leiter der Sambaschule Viradouro, versprach öffentlich, zusammen mit seiner Frau die ganze Zeit auf seine kleine Tochter aufzupassen. Immerhin wird die Parade etwa 80 Minuten dauern, das Kind damit lange Zeit der Hitze und dem bunten Treiben ausgesetzt sein.

Bradley Brooks, apn

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