Karnevalssorgen Hassmails und Sicherheitsbedenken

Weil sie Rechtspopulisten satirisch aufs Korn nehmen, werden Mainzer Büttenredner bedroht und mit Hassmails und Massenfaxen bedacht. Für die Kabarettisten steht fest: Humor ist, wenn man weitermacht.

Kabarettist Lars Reichow von der TV-Fastnachtssitzung "Mainz bleibt Mainz wie es singt und lacht"
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Kabarettist Lars Reichow von der TV-Fastnachtssitzung "Mainz bleibt Mainz wie es singt und lacht"


Am Freitag heißt es wieder "Mainz bleibt Mainz" auf der traditionellen-Fastnachtssitzung. Doch in diesem Jahr ist vieles anders als sonst. Mehrere Büttenredner berichten, sie seien für ihre kritischen Bemerkungen über Rechtspopulisten in einem bisher nicht bekannten Ausmaß beschimpft worden.

Der Kabarettist Lars Reichow sagte, er bekomme zahlreiche E-Mails, in denen er bezichtigt werde, im Dienste der etablierten Parteien wie SPD und CDU zu stehen, gar von Bundeskanzlerin Angela Merkel finanziert zu sein. "Sie sind Staatskabarettist, von Merkel bezahlt", sei geschrieben worden. Er sei, so heiße es in den Zuschriften, für den "Untergang Deutschlands" mitverantwortlich.

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Karneval in Köln und Mainz: Das sind die Motivwagen

Reichow nimmt seit 2013 an der ARD-Sendung "Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht" teil und steigt in diesem Jahr als "Anchorman der Fastnachtsthemen im Elften" in die Bütt.

Bis es soweit ist, muss er sich mit jeder Menge Querulanten herumschlagen. Er habe immer wieder 20 bis 30 Seiten lange Faxe erhalten, die offensichtlich dazu dienen sollten, sein Faxgerät zu blockieren. "Das ist eine Holzvernichtungsmaßnahme", sagt er. Die Nummern habe er inzwischen sperren lassen.

Mehrere Absender hätten geschrieben, sie gehörten der AfD an. Reichow vermutet unter ihnen "alte, zornige Menschen". Die Angreifer trauten sich nicht, die Beschimpfungen offen auszusprechen. Keiner von diesen traue sich in die Bütt. "Sie haben ihr Recht auf Widerrede verwirkt, wenn sie nicht aufstehen können", findet Reichow.

Reichow will sich auf keinen Fall einschüchtern lassen. Er ist entschlossen, sich nicht zum Schweigen bringen zu lassen - mit Kritik an allem, was ihn politisch ärgere: "Ich werde nicht aufhören."

"Wir beobachten Sie"

Auch Andreas Schmitt, langjähriger "Obermessdiener" und zudem Sitzungspräsident bei "Mainz bleibt Mainz", sowie Hans-Peter Betz alias "Guddi Gutenberg" haben nach Berichten des SWR und der "Allgemeinen Zeitung" ähnliche Erfahrungen wie Reichow gemacht. Betz sagt, ihm sei vieldeutig angekündigt worden: "Wir beobachten Sie."

Der Präsident des Mainzer Carneval-Vereins (MCV) verspricht den Büttenrednern Unterstützung: "Der Narr muss die Gelegenheit haben, Wahrheiten zu sagen, ohne beleidigend zu werden", sagte Reinhard Urban bei der Präsentation der Motivwagen, darunter auch ein "Wut-Zwergenaufstand" mit Parolen wie "Das Beet ist voll" oder "Gegen fremde Blumen in meinem Garten".

"In der Fastnacht gilt grundsätzlich die Narrenfreiheit", stellte der Parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Fraktion im Mainzer Landtag fest. Androhungen von Gewalt oder andere Gesetzeswidrigkeiten seien in keinem Fall eine angemessene Reaktion, so Jan Bollinger. Allerdings solle "ein bestimmtes Niveau natürlich auch von Satire nicht unterschritten werden", so die Einschätzung des AfD-Politikers.

Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) sagte der "Huffington Post": "Wer diejenigen angreift, die uns in der Fastnacht die gegenwärtigen Verhältnisse scharfzüngig und mit Humor vor Augen führen, demaskiert sich selbst als Gegner der offenen Gesellschaft."

Am Donnerstag beginnen die tollen Tage - unter strengeren Sicherheitsvorkehrungen denn je. Als Reaktion auf Terroranschläge wie in Berlin werden vielerorts Fahrzeugsperren eingesetzt.

In Mainz werden Spezialeinsatzkräfte und Hubschrauber in Bereitschaft gehalten. An neuralgischen Plätzen wie vor dem Mainzer Hauptbahnhof wird eine Videoüberwachung eingerichtet.

In Köln dürfen am Karnevalssonntag und an Rosenmontag keine Lastwagen über 7,5 Tonnen in die Innenstadt fahren. "Bei drohenden Gefahren werden wir konsequent einschreiten", kündigte Polizeipräsident Jürgen Mathies an. Auch Düsseldorf hat ein Lastwagen-Fahrverbot verhängt.

In Düsseldorf und Köln will die Polizei zudem Beamte mit Maschinenpistolen einsetzen. Es gebe zwar keine Hinweise auf eine konkrete Gefährdung, aber ein abstraktes Sicherheitsrisiko. Eine Herausforderung für den Straßenkarneval wird das Wetter. Zwar wird es mit Temperaturen um zwölf Grad Celsius mild. Der Deutsche Wetterdienst rechnet aber an Weiberfastnacht mit Regen und Sturmböen zwischen 80 und 100 Kilometer in der Stunde. Damit könnte es ähnlich kritisch werden wie vergangenes Jahr an Rosenmontag, als Karnevalszüge wegen des Sturms abgesagt wurden.

Doreen Fiedler und Peter Zschunke, dpa



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