Katastrophe in Fukushima Tokios Angst vor der Wolke

Zieht eine radioaktive Wolke nach Tokio? Die Menschen in Japans Hauptstadt misstrauen den Beruhigungsversuchen der Regierung - die Metropole liegt nur 240 Kilometer von den Katastrophen-Meilern entfernt. Um im Falle einer Massenpanik flüchten zu können, kaufen sie Fahrradläden leer.

AFP/ Yomiuri Shimbun

Aus Tokio berichtet SPIEGEL-Reporter Thilo Thielke


Tokio - Auf den Straßen Tokios herrscht eine gespenstische Leere. Viele Geschäfte sind geschlossen, öffentliche Gebäude verwaist. Wo sich sonst der Verkehr staut, üben Taxifahrer neue Geschwindigkeitsrekorde. Es ist Tag zwei nach dem verheerenden Erdbeben, Tag eins nach der Explosion und möglicherweise einer Kernschmelze im Atomkraftwerk Fukushima 1.

Die Menschen sind verunsichert. Viele trauen ihrer eigenen Regierung nicht. Offiziell heißt es, die radioaktive Belastung sei überschaubar. Die nukleare Wolke ziehe aufs Meer. In einem Radius von zwanzig Kilometern wurden bereits mehr als 200.000 Menschen evakuiert. Zwanzig Kilometer, das ist kein besonders großes Gebiet. Die Megastadt Tokio - in der Metropolregion leben mehr als 34 Millionen Menschen - liegt gerade einmal etwa 240 Kilometer entfernt. Was passiert, wenn der Wind dreht? Was passiert, wenn sich eine zweite Explosion in Fukushima ereignet?

Die Gefahr einer solchen Katastrophe besteht, das räumt auch die japanische Regierung ein. Im Reaktor 3 von Fukushima ist das Kühlsystem ausgefallen. Eine Kernschmelze kann dort stattgefunden haben. Mit dem Ausfall des Kühlsystems begann die Tragödie auch im Reaktor 1, bevor es zur Explosion kam. Derzeit versuche man im Reaktor 3, die Luft aus dem Reaktordruckbehälter entweichen zu lassen, erklärte Kabinettssekretär Edano auf einer Pressekonferenz am Sonntag. Eine Explosion sei nicht auszuschließen. Der Druck in dem Reaktor steigt immer weiter.

In Tokio verhalten sich die Menschen ruhig. Doch Anzeichen für eine große Verunsicherung sind nicht zu übersehen. In den wenigen Geschäften, die geöffnet sind, stehen die Menschen Schlange vor den Lebensmittelregalen. "Es ist zum Verzweifeln", sagt der 80jährige Osamu Yamamori, "das Fleisch ist überall ausverkauft, nur noch ein wenig Gemüse habe ich bekommen." Der alte Mann ist verängstigt. In seiner Generation ist die Erinnerung an die amerikanischen Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki anders als bei den Jungen immer noch lebendig. Die Angst vor atomarer Strahlung und ihren Folgen sitzt tief.

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Flucht aus Fukushima: Von den Strahlen vertrieben
Aber nicht nur die Lebensmittelgeschäfte profitieren von der aufkeimenden Unruhe. Auch die Fahrradläden tätigen in diesen Tage gute Geschäfte. "Seit dem Erdbeben machen wir 30 bis 40 Prozent mehr Umsatz als sonst", sagt der Verkäufer Motayuki Tanaka in Tokios Nishi-Ogikubo-Bezirk, "in einigen Filialen sind die Fahrräder schon komplett ausverkauft." Die Menschen fürchteten sich vor einer Massenpanik und endlosen Verkehrsstaus.

Noch immer erschüttern Nachbeben in Tokio die Erde. Am Sonntagmorgen wankten Hochhäuser in der Stadt ."Die Leute haben Angst, der Verkehr könnte zusammenbrechen, wenn es zu einer noch größeren Katastrophe kommt", so Fahrrad-Verkäufer Tanaka. Während in Tokio die Straßen leer sind, herrscht auf den Landstraßen zum Teil das reine Chaos, weil die wichtigen Schnellstraßen gesperrt sind.

Im Moment jagt eine Schreckensmeldung die nächste. "Wir haben gehört, dass die Wahrscheinlichkeit eines weiteren Erdbebens bei 70 Prozent liegen soll", sagt ein Schweizer Fotograf. Er ist mit einer Japanerin verheiratet. Derzeit packt die Familie gerade ihre Koffer. Erstes Ziel soll die Stadt Nagoya sein, danach wollen sie sich vielleicht bei Verwandten in Osaka in Sicherheit bringen.

Bloß raus aus dem Moloch Tokio, der so nah am Epizentrum des letzten Bebens liegt und so nah an den beschädigten Kernkraftwerken.

Die deutsche Botschaft in Tokio warnt derweil alle Landsleute vor unnötigem Aufenthalt in Tokyo/Yokohama und den direkt betroffenen Krisengebieten im Nordosten: Sie mögen "prüfen, ob ihre Anwesenheit in Japan derzeit erforderlich ist und, wenn dies nicht der Fall sein sollte, ihre Ausreise aus dem Land in Erwägung zu ziehen", heißt es.

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insgesamt 58 Beiträge
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kurtwied, 13.03.2011
1. Spon konstruiert Angst.
Na, klar ... "Die Wolke" :) 100% des Radioaktiven Material ist in dem Reaktor. Für ein paar Minuten ist durch den Dampf an einigen Stationen die Messung hochgegangen - und jetzt wieder normal. Man glaubt sogar, deshalb, dass es ein Messfehler war. Man überlegt noch, ob 10.000 Tote zu beklagen sind, und SPON konstruiert eine Gefahr, durch die Wolke - etwas, was weder von BBC, CNN oder einem japanischen Sender getan wird.
shokaku 13.03.2011
2.
Zitat von kurtwiedNa, klar ... "Die Wolke" :) 100% des Radioaktiven Material ist in dem Reaktor. Für ein paar Minuten ist durch den Dampf an einigen Stationen die Messung hochgegangen - und jetzt wieder normal. Man glaubt sogar, deshalb, dass es ein Messfehler war. Man überlegt noch, ob 10.000 Tote zu beklagen sind, und SPON konstruiert eine Gefahr, durch die Wolke - etwas, was weder von BBC, CNN oder einem japanischen Sender getan wird.
Logisch. In England, den Staaten und Japan stehen ja auch keine Landtagswahlen an.
PMKnecht, 13.03.2011
3. Twitter
Deswegen sollte man seine Informationen auch lieber aus erster Hand holen: http://mobile.twitter.com/TimeOutTokyo
joesaar 13.03.2011
4. Falsch
Zitat von shokakuLogisch. In England, den Staaten und Japan stehen ja auch keine Landtagswahlen an.
In Japan ist Landtag(Prefektur) und Städtewahlen in diesem Jahr.
revilot 13.03.2011
5. Angsttreiberei!
Was soll ich nur von der "Berichterstattung" durch SPON hier halten? Ich war bisher in den Foren nicht aktiv, nur ein regelmässiger Mitleser aber frage mich ernsthaft was in der Vergangenheit an Berichten hier genauso falsch dargestellt wurde, wie diese Berichte hier über Japan teilweise! Da wird geschrieben es ist Tag zwei nach dem Beben und es herrscht eine gespenstische Leere. Shinjuku war voll mit Leuten, nur am Samstag hatten Läden zu für Reparaturen und Sicherheitsprüfungen und aufgrund des Bahnchaos. Fahhradläden wurden leergekauft? Bei mir gegenüber sind 3 Läden, in den Kaufhäusern wie Muji etc. gibt es Fahrräder und bei keinem gab es einen Ansturm darauf noch sind diese ansatzweise ausverkauft?! In den wenigen Geschäften, die geöffnet sind wird geschrieben? Also Shinjuku waren alle offen, da wurden Klamotten gekauft, Elektronik angeschaut und die grossen Kaufhäuser waren ebenfalls gut gefüllt. Schlangen bei Lebensmittelläden habe ich keine grösseren gesehen als sonst und ich kaufe hier seit 3 Wochen täglich meinen Krams im Supermarkt ein. Ich rede hier von Shinjuku. Soweit ich Bekannte höre und lese sieht es in Shibuya und Roppongi heute nicht anders aus. Warum wird dies hier also so extrem falsch bzw. unbedingt dramatischer dargestellt als es ist? Klar ist die Sorge und Verunsicherung zu spüren, wir haben selbst eine grosse Verwandtschaft und Familie hier in Tokyo wohnen. Naja, vielleicht ist es im Bezirk Nishi-Ogikubo-Bezirk wo der Fahrradverkäufer herkommt ja anders ..... BTW viele haben am Samstag schnell ein Fahrrad gekauft da sie weder mit Bahn noch Taxi nach Hause konnten und es zum laufen zu weit war. Wir selbst mussten 3 1/2 Stunden laufen ehe wir zu Hause waren. Glaube da hat keiner daran gedacht dieses zu kaufen um im Falle einer Panik o.ä. mit dem Radl nach Osaka zu gehen .... gruss
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