Katastrophe in Japan: Der Tag, an dem der Schmerz zurückkehrt

Von Heike Sonnberger

Zum Jahrestag von Erdbeben, Tsunami und Atomdesaster flackern in Japan Bilder über die Fernsehgeräte, die viele Menschen dort am liebsten nie wieder sehen würden. In ihren Schmerz mischen sich auch Wut und Hilflosigkeit.  

REUTERS

An dem Tag, an dem ganz Japan der Katastrophe vom 11. März gedenkt, tut Yasuhiro Kikuchi alles, um sie zu vergessen. Der 46-jährige Lehrer ist aus seiner Heimatstadt Ishinomaki geflüchtet und hat sich bei Verwandten in Saitama einquartiert. Das liegt nördlich von Tokio und Kikuchi hatte gehofft, dass ihn seine Erinnerungen nicht bis hierhin verfolgen. "Der Fernseher bleibt aus!", sagt er. In einem Modemagazin habe er stattdessen geblättert und sich den einen oder anderen Drink gegönnt.

Doch die inneren Bilder kann er trotzdem nicht abschütteln. Zu viele Menschen hat der Tsunami vor seinen Augen weggerissen, als er durch Ishinomaki walzte. "Ich konnte überhaupt nichts tun", sagt er hilflos. "Das schmerzt am meisten." Drei Kinder hat er vom Dach eines Hauses gerettet. "Doch auch wenn ich 30 gerettet hätte und einer wäre gestorben, täte es weh." Kikuchi hatte noch Glück im Unglück: Die Flutwellen haben sein Haus und seine private Nachhilfeschule zerstört, doch sein Sohn und seine Frau überlebten.

Im ganzen Land mussten sich am Sonntag Japaner ihren Erinnerungen an das schwere Erdbeben und den Tsunami stellen, die vor genau einem Jahr den Nordosten des Landes verwüsteten. Um 14.46 Uhr Ortszeit begann die Erde zu zittern, teils mehr als 15 Meter hohe Flutwellen rissen Menschen, Häuser, Schiffe und Autos mit sich, zurück blieb eine graue Trümmerlandschaft. Rund 15.800 Menschen starben, mehr als 3000 werden noch immer vermisst. Im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi fiel das Kühlsystem aus, es kam zur Kernschmelze, Zehntausende Menschen flüchteten vor der radioaktiven Strahlung und fristen ihre Tage nun in einheitlichen, engen Behelfsunterkünften. Ob sie je zurück können, ist ungewiss.

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11. März in Japan: Ein Tag voller Schmerz und Wut
Auch Ayako Kimura hätte den Fernseher am ersten Jahrestag der Katastrophe gerne ausgelassen. Doch die 35-Jährige arbeitet für einen kleinen Radiosender, der die Bürger der Stadt Miyako in der nördlichen Provinz Iwate seit dem Desaster mit Informationen versorgt. Auch zum Jahrestag war Miyako Saigai FM auf Sendung. "Der Fernseher läuft ohne Ton nebenbei", sagt Kimura. "Wir wollen die Bilder nicht sehen, aber über den Fernseher erfahren wir am schnellsten, wenn sich ein neues Erdbeben anbahnt."

Die Erde schwanke in letzter Zeit wieder öfter, sagt Kimura. "Doch vielleicht fühlt es sich auch nur so an, weil jetzt wieder März ist." In Miyako haben mehr als 500 Menschen ihr Leben verloren und viele andere ihre Hoffnung. "Wir reden in einer Sendung mit den Menschen in den Behelfsunterkünften", erzählt Kimura. "Sie fragen sich, wo sie in Zukunft leben und wie sie neue Arbeit finden sollen." Im März soll der Wiederaufbauplan für die Stadt beschlossen werden. Doch selbst wenn die neuen Gebäude irgendwann stehen: "Wird man hier je wieder so viele lächelnde Gesichter sehen wie vor dem Tsunami?", fragt sich die Redakteurin.

Insgesamt haben mehr als 340.000 Menschen ihr Zuhause verloren. Darunter ist auch die Schwiegermutter von Wolfgang Behrend. Der Tsunami riss das Haus der 87-Jährigen in dem Städtchen Yamashita fort, sie lebt nun in Sendai. Zum Jahrestag sei sie nicht zurück an den Ort gefahren, wo einst ihr Haus stand. "Sie will das vergessen", sagt Behrend, 63, der viele Jahre lang in Japan gearbeitet hat. Er erzählt, dass im japanischen Fernsehen Warnungen erscheinen, bevor Bilder des Tsunamis gezeigt werden - damit man die Kinder vom Bildschirm wegholen kann.

Der Psychiater Jun Shigemura riet auch Erwachsenen, am Jahrestag nicht zu viel Zeit vor dem Fernseher zu verbringen. "Ich habe den Menschen in den betroffenen Gebieten gesagt, dass sie am besten bei ihren Familien bleiben und für die Opfer zu beten sollen", sagte der Experte für Desasterpsychiatrie.

"Er redet viel, aber er tut nichts."

Viele, die sich am Sonntag das TV-Programm zum Jahrestag anschauten, empfanden neben Schmerz auch Wut. "Das ging gar nicht", schimpfte Terumi Hangai über die Rede von Regierungschef Yoshihiko Noda im Nationaltheater in Tokio, die im ganzen Land übertragen wurde. "Er redet viel, aber er tut nichts." Der 50-jährige Hangai setzt sich seit dem Atomunfall in Fukushima dafür ein, dass die Bevölkerung in Sachen Radioaktivität besser aufgeklärt wird. Regierungschef Noda hatte versprochen, sein Bestes dafür zu tun, damit die Menschen in Fukushima bald wieder in ihre derzeit noch kontaminierten Heimatorte zurückkehren können.

Auch der kürzlich am Herzen operierte japanische Kaiser Akihito hielt eine Ansprache. Die Katastrophe dürfe nicht vergessen werden, mahnte der 78-Jährige. Denn die Erinnerungen daran sollten der nächsten Generation helfen, sich besser auf solche Desaster vorzubereiten.

Am Montag will Privatlehrer Kikuchi wieder nach Ishinomaki zurückkehren, wo die Orte auf ihn warten, an denen sich ihm die inneren Bilder eingeprägt haben, die ihn seither verfolgen. Sein Haus hat er repariert und auch eine neue Schule wurde im letzten Jahr gebaut. Doch zu seinen 30 Schülern gehört nun ein Junge, der am 11. März beide Eltern verloren hat. "Auch wenn er eines Tages wieder in einem schönen Haus wohnt - sein Herz ist zerbrochen."

Japan ein Jahr nach dem Super-GAU

Im Ausnahmezustand: Erdbeben, Tsunami, Fukushima - ein Jahr nach der Dreifach-Katastrophe berichtet SPIEGEL ONLINE in einer Serie aus der Unglücksregion.

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1. was damals für Deutsche interessant war
mundi 11.03.2012
Zitat von sysopEs sind Erinnerungen, die weh tun: Zum Jahrestag von Erdbeben, Tsunami und Atomdesaster flackern in Japan Bilder über die Fernsehgeräte, die viele Menschen dort am liebsten nie wieder sehen würden.
Bei uns gab es nur Frontberichte über den Zustand eines beschädigten Kernkraftwerkes.
2. Und hoffentlich werden die ...
--_Der_Kleine_Prinz_-- 11.03.2012
... Menschen weltweit das tun, was der japanische Kaiser sich wünscht: Diese Katastrophe und ihre Opfer nicht vergessen um kommende Generationen darauf vorzubereiten. Wenn wir die Opfer ehren wollen, so ganz sicher am Besten damit, dass wir dafür sorgen, dass Naturkastrophen nie wieder solche fürchterlichen Opferzahlen mit sich bringen.
3. Nichts dazugelernt? Zwingt endlich die
zeitmax 11.03.2012
Verantwortlichen und Profiteure samt Familien , genau im engsten Umfeld dieser AKW´s zu wohnen! (Statt dessen will die Regierung aus dem ebenfalls mit Fall out verseuchten Tokio 400 km in den Süden umziehen...)
4. .
tororosoba 11.03.2012
Zitat von zeitmaxVerantwortlichen und Profiteure samt Familien , genau im engsten Umfeld dieser AKW´s zu wohnen! (Statt dessen will die Regierung aus dem ebenfalls mit Fall out verseuchten Tokio 400 km in den Süden umziehen...)
1. Tokio ist nicht verseucht 2. Die Regierung will nicht umziehen 3. 400 Km südlich von Tokio ist offenes Meer 4. In Deutschland wütet die EHEC-Seuche 5. Nichts davon hat mit dem Artikel zu tun
5. Falsch! Tokio ist verseucht
zeitmax 11.03.2012
Zitat von tororosoba1. Tokio ist nicht verseucht 2. Die Regierung will nicht umziehen 3. 400 Km südlich von Tokio ist offenes Meer 4. In Deutschland wütet die EHEC-Seuche 5. Nichts davon hat mit dem Artikel zu tun
1.Laut Erhöhte Strahlung in Tokio - Radioaktive Hotspots ängstigen Bewohner - Panorama - sueddeutsche.de (http://www.sueddeutsche.de/panorama/erhoehte-strahlung-in-tokio-radioaktive-hotspots-aengstigen-bewohner-1.1167319) 2.Regierung zieht um: der Regierungssitz soll ins Tokyoter Umland verlegt werden - Embjapan.de (http://www.embjapan.de/forum/der-regierungssitz-soll-ins-tokyoter-umland-verlegt-werden-t3418.html) 3 Der Rest hat wirklich nichts mit dem Artikel zu tun, Falschmelder
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SPIEGEL TV Magazin Spezial

Sonntag, 11.03.2012, 22.35 Uhr - 00.00 Uhr, RTL

Für diese Reportage ist Maria Gresz mit mehreren Kollegen ins Katastrophengebiet gereist. Der 75-minütige Film wird am ersten Jahrestag des Bebens bei RTL als eine SPIEGEL-TV-Magazin-Sondersendung gezeigt.