Katastrophe von Duisburg: Polizei wirft Love-Parade-Veranstalter Versagen vor
Nach Tagen des Hickhacks gibt es endlich erste Antworten. Nordrhein-Westfalens Innenminister hat in einer beispielhaften Pressekonferenz zu skizzieren versucht, was zum Duisburger Desaster führte. Demnach machte vor allem der Veranstalter Fehler über Fehler - dieser reagierte verhalten auf die Vorwürfe.
Düsseldorf - Der Innenminister hatte erst wenige Minuten gesprochen, da horchten die Journalisten auf. "Die Stimmung ist die", sagte Ralf Jäger (SPD), und man hörte in diesem Augenblick sehr deutlich, dass er aus dem Ruhrgebiet stammt, "dass nicht gesagt wird, was wirklich passiert ist. Was dazu geführt hat, dass wir Tote und Verletzte zu beklagen haben." Pause. Atmen. "Und um es klar zu sagen, ich teile Ihre Einschätzung."
Der SPD-Politiker Ralf Jäger, seit nicht einmal zwei Wochen Innenminister in Düsseldorf, hatte als Oppositionspolitiker nicht den Ruf, Konfrontationen unbedingt zu vermeiden. "Jäger 90" nannte man ihn, in Anspielung auf den lange geplanten Düsenflieger der Bundeswehr, weil er so häufig die Regierung Rüttgers ins Visier nahm. An diesem Mittwochnachmittag steuerte der bekennende Duisburger aber ein neues Ziel an.
Jäger erhob auf einer ungewöhnlich offenen Pressekonferenz heftige Vorwürfe gegen die Veranstalter der Love Parade. Die Lopavent GmbH habe die Vorgaben ihres eigenen Sicherheitskonzepts nicht eingehalten, so der Innenminister. Dadurch habe sich die Lage in den Tunneln und auf der Rampe derart zugespitzt, dass der Veranstalter die Polizei zu Hilfe rufen musste.
Unerträglich sei die Tatsache, "dass Verantwortung von Seiten des Veranstalters und der Stadt abgeschoben wird und zwar bevor alle Fakten bekannt sind", sagte der SPD-Politiker. Der Lopavent-Geschäftsführer Rainer Schaller, der auch die Fitnessstudiokette McFit betreibt, reagierte am Mittwoch verhalten auf die Vorwürfe des Ministers. Diese müssten nun "sehr genau geprüft" werden, teilte er mit. Jägers Darstellung werfe "viele Fragen auf". Inwieweit auch das Verhalten der Polizei die Situation mitverursacht habe, "wird die Staatsanwaltschaft herausfinden", so Schaller. Diese sei im Besitz des vollständigen Videomaterials der sechs Kameras im Tunnel- und Eingangsbereich.
Am Montag hatte Schaller seinerseits Vorwürfe gegen die Polizei erhoben und unter anderem gesagt, zur Katastrophe hätte deren verhängnisvolle Anweisung geführt, die Tunnel zu öffnen.
Dem traten der Innenminister und der Inspekteur der Polizei, Dieter Wehe, nun entschieden entgegen. In Wahrheit sei es den Ordnern nicht gelungen, die Tunneleingänge zu schließen, als es auf der Rampe zu voll wurde.
Die um 15.30 Uhr zu Hilfe gerufenen Beamten hätten dann versucht zu verhindern, was den überforderten Security-Leuten nicht gelungen sei, so Jäger: "dass die Menschen erdrückt werden". Die von den Beamten gebildeten Menschenketten hätten dem massiven Druck der teilweise aggressiven Raver jedoch nicht mehr standhalten können.
Polizei zu Hilfe gerufen
Gleichzeitig sei der Weg auf das Festgelände immer noch blockiert gewesen, weil die Menschen nicht weitergegangen seien, so Wehe. Nach dem Sicherheitskonzept der Veranstalter hätten aber Ordner - sogenannte Pusher - die Besucher dazu bringen sollen, auf die Freifläche zu gehen. Als die Situation außer Kontrolle geraten sei, habe der Veranstalter auch dort die Polizei zu Hilfe gerufen, sagte der Inspekteur.
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Keine vertrauensvolle Zusammenarbeit
Innenminister Jäger betonte, die Verantwortung für die Geschehnisse auf dem Festgelände und damit für die Toten trage allein der Veranstalter. Dies verhalte sich ähnlich wie die Aufsicht in Stadien bei Fußballspielen. Die Verantwortung für die Genehmigung der Love Parade habe wiederum die Stadtverwaltung.
Wehe wies darauf hin, dass Lopavent und die Stadt Duisburg von der Polizei im Vorfeld auf Sicherheitsbedenken im Bereich des Tunnels hingewiesen worden seien. Der Polizei sei jedoch erst am Tag der Love Parade auf Nachfrage die Erlaubnis für die Veranstaltung ausgehändigt worden, sagte Wehe. Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit der Behörden "stelle ich mir anders vor", sagte Jäger.
In der zweiseitigen Genehmigung war die maximale Auslastung des Geländes auf dem Duisburger Güterbahnhof auf 250.000 Personen begrenzt und die Unterschreitung der sonst üblichen Breite und Länge der Rettungswege erlaubt worden, wie SPIEGEL ONLINE bereits am Sonntag enthüllt hatte.
"Gefühle nicht verletzen"
Auf Duisburgs Oberbürgermeister Sauerland wächst der Druck ebenfalls. Der CDU-Politiker will einem Zeitungsbericht zufolge nicht an der geplanten Trauerfeier am Samstag teilnehmen. Sauerland wolle "die Gefühle der Angehörigen nicht verletzen und mit seiner Anwesenheit nicht provozieren", sagte ein Sprecher der Duisburger Stadtverwaltung.
Die Zeitung "Rheinische Post" zitierte zudem Polizeikreise, dass auch Sicherheitsbedenken zur Absage geführt hätten. Es seien Morddrohungen gegen Sauerland ausgesprochen worden. Sauerland wird angegriffen, weil er die Love Parade nach Duisburg holte und das Riesenfest genehmigen ließ.
Bisher sind 13 Frauen und acht Männer an ihren Verletzungen gestorben. Sie waren zwischen 18 und 38 Jahre alt. Mehr als 500 Menschen wurden verletzt. Am Mittwoch lagen noch 25 Menschen in Krankenhäusern. Die Massenpanik von Duisburg ist das schwerste Unglück in Nordrhein-Westfalen seit fast 40 Jahren.
Den Gedenkgottesdienst für die Toten werden der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck und der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Nikolaus Schneider, leiten. Er ist auch amtierender Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.
jdl/Reuters/AFP/apn
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- Große SPIEGEL-TV-Dokumentation: Die Geschichte der Katastrophe
- Themenseite: Alles zur Massenpanik auf der Love Parade
- Rechtsstreit: Wer juristisch haftbar ist (Legal Tribune Online)
- Erklärung des Duisburger OBs
- Protokoll des Kulturausschusses vom 19.12.2009
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