Katholische Hardliner: Wie die Piusbrüder gegen Juden, Muslime und Schwule hetzen

Von Peter Wensierski

Die Holocaust-Leugnung des Bischofs Richard Williamson ist kein einfacher Ausrutscher - er und seine Weggefährten predigen seit Jahrzehnten Hass gegen Juden, Muslime und Homosexuelle. Ihre Schriften gewähren einen erschreckenden Einblick in die Geisteswelt der katholischen Hardliner.

Der Tatort, die Kirche Notre-Dame de Lourdes, ist der heiligen Muttergottes geweiht. Jeden Sonntag um 10 Uhr wird hier von den Piusbrüdern die Messe auf Latein gefeiert, nach altem katholischen Ritus. Der freundliche Bau steht auf einem kleinen Hügel in der Rue McManamy von Sherbrooke, einem Ort in Kanada, nahe der Grenze zum US-Staat New Hampshire.

Holocaust-Leugner Williamson (in Frankfurt am Main 2007): "Vatikan hat seine Seele an den Liberalismus verkauft"
REUTERS

Holocaust-Leugner Williamson (in Frankfurt am Main 2007): "Vatikan hat seine Seele an den Liberalismus verkauft"

Das unscheinbare Gotteshaus wurde im April 1989 Schauplatz eines ungeheuren Sündenfalls, der sich nun wiederholt hat. Hier wurde die katholische Kirche zum ersten Mal klar darüber informiert, dass Bischof Richard Williamson ein notorischer Holocaust-Leugner ist.

Bei einer heiligen Messe kam der Bischof zunächst auf die Juden, dann auf die Gaskammern, schließlich auf Auschwitz zu sprechen. Wörtlich sagte er: "Dort wurden keine Juden in den Gaskammern getötet!" Dann rief Williamson den gläubigen Katholiken zu: "Das waren alles Lügen, Lügen, Lügen! Die Juden erfanden den Holocaust, damit wir demütig auf Knien ihren neuen Staat Israel genehmigen."

Anschließend holte der Geistliche zum Rundumschlag aus und fasste seine Welt- und Kirchensicht mit den Worten zusammen: "Die Juden erfanden den Holocaust, Protestanten bekommen ihre Befehle vom Teufel, und der Vatikan hat seine Seele an den Liberalismus verkauft."

Immerhin: Ein Kirchgänger sprang damals auf, verließ den Gottesdienst und ging zur Polizei, um Williamson anzuzeigen. Der "Toronto Star" berichtete über den Vorfall und konfrontierte den damaligen Erzbischof von Halifax, James Hayes, mit Williamsons Holocaust-Leugnung.

Der Erzbischof wiegelte ab und versuchte, den Vorfall herunterzuspielen. Der Skandal zog jedoch weitere Kreise, wenn auch die Anzeige versandete, weil Williamson sich einige Zeit in Québec nicht mehr sehen ließ. In Kanada unterhält die Piusbruderschaft 26 Kirchen, eine Grundschule sowie eine eigene High School. Weit über tausend Anhänger besuchen regelmäßig die Messen. Williamson zog weiter durch Europa und Amerika, wo die Piusbrüder über hundert Kirchen und Kapellen sowie 24 Schulen verfügen.

Warnung vor der "jüdischen Weltherrschaft"

Holocaust-Leugner Williamson hat weltweit - auch außerhalb von Predigten - seine antisemitische Gesinnung seit 20 Jahren immer wieder offengelegt. Genug Zeit für den Vatikan, sich davon zu distanzieren.

Im Juni 2000 beispielsweise heißt es in Williamsons in mehreren Ländern erscheinendem monatlichen "Brief an Freunde und Wohltäter": "Seit 2000 Jahren haben die Juden nichts unversucht gelassen, die katholische Kirche zu unterwandern und Christus aus dem Christentum zu entfernen." Im Oktober 2001 schreibt Williamson im katholischen Magazin "Die Geißel der Sünde": "Im Mittelalter waren die Juden schwach gegenüber den Christen, aber über die Jahrhunderte wurden die Katholiken immer schwächer im Glauben, besonders seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil." Und dann warnt er im Ton der Rechtsextremisten: "So kommen die Juden immer näher und näher ihrem Ziel, der jüdischen Weltherrschaft."

Zudem ist klar: Williamson ist kein Einzelfall. Piusbruder Emmanuel Herkel meint in seinem Pamphlet "Kommt der Antichrist?", nachzulesen an prominenter Stelle auf den Web-Seiten der amerikanischen Piusbrüder, "Der Antichrist wird jüdisch sein ... Der Teufel wird nicht versäumen, von ihrer Blindheit Gebrauch zu machen, um sie dem Antichristen unter ihnen unterzuschieben. Christus, den sie zurückwiesen, ist die Wahrheit. Somit wird sich der Fluch von St. Paul den Juden zuwenden ..."

1997 äußern sich die beiden Piusbrüder Michael Crowdy und Kenneth Novak im Pius-Magazin "Angelus" einmal ganz grundsätzlich: "Das Judentum ist generell feindlich gegenüber allen Nationen, in besonderer Weise gegenüber christlichen Nationen." Dann verlangen sie, Juden müssten zum Christentum konvertieren. "Christentum und Judentum sind unausweichlich verurteilt, überall aufeinanderzuprallen, ohne Versöhnung oder Vermischung. In der Geschichte repräsentiert dies den ewigen Kampf von Lucifer gegen Gott, von Dunkelheit gegen Licht, von Fleisch gegen Geist."

"Frankreich überschwemmt von Arabern, Deutschland von Türken"

Diese antijüdische Propaganda ist keine isolierte extremistische Position innerhalb des Weltbildes der Piusbruderschaft, sie geht vielmehr einher mit antiislamischen Parolen, Hasstiraden gegen Homosexuelle und Diskriminierung von Frauen. Die Holocaust-Leugnung von Williamson ist kein Ausrutscher, für den man sich mal eben schnell entschuldigen kann, sie ist eine deutlich sichtbare Blüte in einem weltanschaulichen Sumpf, mit dem die gesamte katholische Kirche unter Benedikt XVI. und teils schon unter seinem Vorgänger Johannes Paul II. stärker belastet ist, als ihr lieb ist.

Der deutsche Pius-Chef, Pater Schmidberger, warnt ständig vor einem Vormarsch des Islam in Deutschland. In dem Brief, den er kurz vor Weihnachten an die deutschen Bischöfe schickte, heißt es: "Was dem Islam im 16. und 17. Jahrhundert mit Waffengewalt nicht gelungen ist, das schafft er heute in der nachkonziliaren Ära auf friedlichem Wege. Er besetzt Europa, Frankreich wird überschwemmt von Arabern, Deutschland von Türken, England und Skandinavien von Pakistanern. In England wird beispielsweise alle zwei Monate eine neue Moschee eröffnet. In Deutschland gab es vor 50 Jahren eine Handvoll islamischer Zentren, heute sind es über 2000. Und daran ist das schönredende Konzil nicht unschuldig."

"Frauen, die Frau sein wollen"

Die Türken, so Schmidbergers Schreiben, würden Deutschland mehr und mehr als Kolonie betrachten. "Erster Punkt: Eroberung von ganzen Stadtvierteln! Zweiter Punkt: Eindringen in die Stadtverwaltungen! Dritter Punkt: Kinder! Einer von den Moslems sagte: Wir werden die Deutschen im Wochenbett überwinden!"

Schmidberger stachelt zum Handeln an: "Ja, sollen wir da weiter die Hände in den Schoß legen, oder sollen wir reagieren? Oder was sollen wir tun?".

Kein deutscher Bischof widersprach oder hat sich bislang von Schmidberger und der Piusbrüderschaft wegen ihres militanten Antiislamismus distanziert. Über die Rolle der Frau in der deutschen Gesellschaft hatte sich Schmidberger eher nebenbei ausgelassen: "Wir brauchen heute Männer, die Männer sein wollen, Frauen, die Frauen sind und Frau sein wollen, das heißt Gehilfin des Mannes und Mutter der Kinder."

Das neueste Januarheft 2009 des "Mitteilungsblattes für den deutschen Sprachraum", herausgegeben von der Stuttgarter Pius-Zentrale, gibt einen Einblick in die seltsam antisemitische Geisteswelt der Piusbrüder, bis hinein in die Basis ihrer Anhängerschar: Im Heft ist der Reisebericht eines Piusbruders nach Israel abgedruckt.

"Der Jude will sich nicht bekehren lassen"

Sein Interesse gilt vor allem der "Kreuzfahrer-Architektur". Auch der Bruder selbst spielt dann ein bisschen den Kreuzritter und geht mit seiner Soutane ins Herz des jüdisch-orthodoxen Zentrums - wohl wissend, dass dies eine religiöse Provokation ist. O-Ton des deutschen Paters und Israel-"Pilgers" Andreas Steiner: "Der Jude will nicht recht einsehen, was ich hier mache. Sich bekehren lassen will er auch nicht."

Williamson hielt im Juni 2008 vor 14-jährigen Firmlingen in München eine Rede, für die ein islamischer Geistlicher wohl sofort unter Observation der bayerischen Staatsschützer gekommen wäre.

Er prophezeite dem angehenden Pius-Nachwuchs: "Das Leben, so wie wir es heute kennen", gehe "dem Ende" entgegen. Viele hätten aber noch nicht verstanden, worum es bei den Traditionalisten gehe.

Williamson verriet es den auserwählten Jugendlichen: "Es kommt vielleicht zum Martyrium. Vielleicht wird sogar unser Blut notwendig sein, um die Reinigung der Kirche zu vervollkommnen. Es ist schon möglich, dass die bösen Mächte, die heute herrschen, einen Sündenbock suchen werden. Und die Traditionalisten, als 'Fundamentalisten' bezeichnet, werden dieser Sündenbock sein. Dann kommen wir alle ins Gefängnis."

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