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Katholische Kirche: Bischöfe lassen Missbrauch erforschen

Vertuschen, dementieren, wegsehen - das schien lange Zeit die Strategie der katholischen Kirche beim Thema sexueller Missbrauch durch Geistliche zu sein. Nun öffnet die Bischofskonferenz externen Wissenschaftlern ihre Akten. Auf die unabhängigen Prüfer wartet eine Menge Arbeit.

Kriminologe Pfeiffer (l.), Bischof Ackermann: "Ungeheuerliche Vorfälle" Zur Großansicht
DPA

Kriminologe Pfeiffer (l.), Bischof Ackermann: "Ungeheuerliche Vorfälle"

Hannover - Es ist der Versuch, Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen: Die katholische Kirche will für detaillierte Untersuchungen zum sexuellen Missbrauch durch Priester und Ordensleute Wissenschaftlern Zugriff auf Personalakten gewähren. Die Initiative wurde am Mittwoch offiziell in Bonn vorgestellt.

Es sei eine Vereinbarung über zwei Forschungsprojekte getroffen worden, sagte Bischof Stephan Ackermann am Mittwoch in Bonn. Er ist Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für alle Fragen im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch an Minderjährigen im kirchlichen Bereich.

Durch die unabhängigen Experten solle nicht nur formal Datenmaterial erhoben, sondern auch die Ursachen "für die ungeheuerlichen" Vorfälle erforscht werden. Die Forschungsprojekte haben bereits Mitte April begonnen und werden von Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) und von Norbert Leygraf von der Universität Duisburg-Essen geleitet.

Die Untersuchung ist in Europa beispiellos. Nach SPIEGEL-Informationen werden die Bischöfe dazu dem KFN in allen 27 Diözesen Zugriff auf sämtliche Personalakten der vergangenen zehn Jahre gewähren, zusätzlich in neun der 27 Bistümer sogar bis ins Jahr 1945 zurück.

Vernichtung von Akten dürfte Untersuchung erschweren

Bisher gibt es keine unabhängige Erfassung der Missbrauchsfälle, die sich in den Reihen der katholischen Kirche ereignet haben. Nun werden Kirchenmitarbeiter unter Aufsicht eines KFN-Teams, bestehend aus pensionierten Staatsanwälten und Richtern, die Akten auf Hinweise zu sexuellen Übergriffen durchsuchen. In einem zweiten Schritt soll das KFN-Team die Verdachtsakten auswerten. Vorgesehen ist, allen noch erreichbaren Opfern einen Fragebogen auszuhändigen, in dem sie Angaben zu Vorfällen machen können.

Zudem sind bei Interesse auch noch ausführliche Interviews geplant - ebenso mit Tätern, die dazu bereit sind. Mit der Studie will die Bischofskonferenz ermitteln, unter welchen Umständen es zu den Taten gekommen ist, wie die Kirche damit in der Vergangenheit umging und welche Schlüsse sich ziehen lassen, um neue Fälle zu verhindern.

In einer weiteren Studie wird eine Psychiatergruppe um Leygraf eine Auswertung von rund 50 Fällen vorlegen, in denen Priester und Ordensleute unter dem Verdacht des sexuellen Missbrauchs vor Gericht standen und dafür psychiatrisch untersucht wurden.

Schon jetzt steht fest, dass die Arbeit mitunter schwierig werden dürfte: So wurde im Dezember 2010 bekannt, dass die Kirche Missbrauchsfälle offenbar systematisch vertuschte. Rechtsanwältin Marion Westphal hatte die Missbrauchsfälle der Jahre 1945 bis 2009 im Bistum München und Freising untersucht. Sie kam zu dem Schluss: "Wir haben es mit umfangreichen Aktenvernichtungsaktionen zu tun."

Der Kriminologe und KFN-Direktor Christian Pfeiffer sagte der "Zeit", sexueller Missbrauch sei unter Priestern nicht weiter verbreitet als in anderen Teilen der Bevölkerung. Es gebe sogar "Anhaltspunkte, dass die Priester im Vergleich zu Männern ihrer Altersgruppe unterrepräsentiert sind". Ob der Zölibat, das Eheverbot für katholische Geistliche, Missbrauch begünstige oder ihn im Gegenteil sogar unwahrscheinlich mache, lasse sich gegenwärtig noch nicht sagen, meinte Pfeiffer.

Amerikanische Forschungsergebnisse legten nahe, dass der gesellschaftliche Trend der sexuellen Liberalisierung ein Beitrag zur Bekämpfung von sexueller Gewalt im Milieu der Kirche sei. "Priester, die dort unter Verletzung des Zölibats sexuelle Kontakte suchten, hatten es so zunehmend leichter, erwachsene Partner zu finden. Dies hat offenbar dazu beigetragen, das Risiko von Kindern und Jugendlichen zu verringern, dass sich Priester an ihnen vergingen."

ulz

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insgesamt 19 Beiträge
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1. .
hermesgolf 13.07.2011
Zitat von sysopVertuschen, dementieren, wegsehen - das schien lange Zeit die Strategie der katholischen Kirche*beim Thema sexueller Missbrauch durch Geistliche zu sein. Nun öffnet die Bischofskonferenz externen Wissenschaftlern ihre Akten. Auf die unabhängigen Prüfer wartet eine Menge Arbeit. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,774152,00.html
1. die untersuchung hat nur den zweck, den herr pfeiffer auch schon erklärt hat, dass kath. priester nicht überproportional an missbrauch beteiligt sind. dieses ergebnis zu befördern, dazu wird die systematische aktenvernichtung beitragen. 2. um einen umfassenden einblick in die "qote" zu erhalten, müsste herr ratzingen schon die akten aus der glaubenskongregation herausgeben. schließlich sind _alle_ fälle dieser einrichtung (schriftlich) mitgeteilt worden, s. das vertuschungssekret "de delictis gravioribus" aus 2001 bzw seine vorgänger. 3. eine psychologische untersuchung hat 2001 schon herr drewermann, psychiater + priester, auf 900 seiten durchgeführt. sie ist jedenfalls unnötig, wenn sie dessen anspruch unterschreitet.
2. Beifall
spiegel-hai 13.07.2011
Zitat von sysopVertuschen, dementieren, wegsehen - das schien lange Zeit die Strategie der katholischen Kirche*beim Thema sexueller Missbrauch durch Geistliche zu sein. Nun öffnet die Bischofskonferenz externen Wissenschaftlern ihre Akten. Auf die unabhängigen Prüfer wartet eine Menge Arbeit. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,774152,00.html
finde ich gut. Geradezu beispielhaft. Sollte für Schulbehörden und Sportverbände eine Anregung sein.
3. mittelbare täterschaften
hermesgolf 13.07.2011
Zitat von spiegel-haifinde ich gut. Geradezu beispielhaft. Sollte für Schulbehörden und Sportverbände eine Anregung sein.
hoffentlich klatschen sie auch noch, wenn man die beteiligung der "täter hinter den tätern" beleuchtet/aufdeckt. denn dort sind ja die eigentlichen strippenzieher der vertuschung besser: der fortsetzung der verbrechen zu finden. oder gehört das gar nicht zur fragestellung? (warum fragen journalisten sowas nicht? man hat den eindruck, die sind tatsächlich so "dumm" wie j. fischer behauptet?)
4. mittelbare täterschaften
hermesgolf 13.07.2011
Zitat von spiegel-haifinde ich gut. Geradezu beispielhaft. Sollte für Schulbehörden und Sportverbände eine Anregung sein.
hoffentlich klatschen sie auch noch, wenn man die beteiligung der "täter hinter den tätern" beleuchtet/aufdeckt. denn dort sind ja die eigentlichen strippenzieher der vertuschung besser: der fortsetzung der verbrechen zu finden. oder gehört das gar nicht zur fragestellung? (warum fragen journalisten sowas nicht? man hat den eindruck, die sind tatsächlich so "dumm" wie j. fischer behauptet?)
5. Die wahren Ursachen kann sich jeder ausmalen
Maynemeinung 13.07.2011
Zitat aus dem Artikel: "Amerikanische Forschungsergebnisse legten nahe, dass der gesellschaftliche Trend der sexuellen Liberalisierung ein Beitrag zur Bekämpfung von sexueller Gewalt im Milieu der Kirche sei." Früher waren Journalisten einmal darauf stolz, das Gewäsch von Soziologen, den Jargon von Juristen und das Fachchinesisch von Wissenschaftlern ins Deutsche zu übersetzen. Der Satz oben zeigt, dass sich SPON von dieser guten Tradition verabschiedet. Schade. Denn was ist hier gemeint? Die Gesellschaft ist freier geworden - vor allem in sexuellen Dingen. Den Priestern stehen trotz Zölibat zum Triebausgleich inzwischen andere Partnerinnen als die alternde Haushälterin zur Verfügung. Und deshalb lassen sie die Ministranten jetzt in Ruhe. Was umgekehrt heißt, dass der zuvor offenbar häufiger vorkommende Missbrauch von Kindern seine Ursache in der sexuellen Not vieler Priester gehabt haben dürfte. Wenn die Forschung ergeben sollte, dass dies die wahren Ursachen sind, wird die katholische Kirche Mittel und Wege finden, diese unangenehme Wahrheit zu unterdrücken.
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