Katholische Kirche Bischof Mixa buhlt um Sektierer

Der umstrittene Bischof Walter Mixa hat 30 Anhänger der sektiererischen Glaubensgruppe "Marienkinder" gefirmt und damit in die Kirche zurückgeholt. Dabei galt die Gruppe katholischen Kritikern noch vor einigen Jahren als verdächtig, ihr Anführer gar als "Psychopath".

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Hamburg - Manchmal ändern sich die Dinge nur langsam. Mehr als 350 Jahre brauchte die katholische Kirche, bis Papst Johannes Paul II. Galileo Galilei rehabilitierte. Manchmal aber ändern sich die Dinge vergleichsweise schnell - so wie in der Diözese Augsburg. Dort firmte der umstrittene und als erzkonservativ geltende Bischof Walter Mixa im vergangenen September 30 Mitglieder der sektiererischen Glaubensgruppe "Marienkinder" - obwohl das Bistum Augsburg noch im Jahr 2000 ausdrücklich auf die bizarren Umtriebe hingewiesen hatte.

Damals veröffentlichte das Referat für Religions- und Weltanschauungsfragen des Bischöflichen Seelsorgeamtes Augsburg ein Papier, das die abstrusen Aktivitäten der "Marienkinder" auflistete.

So hatte die Gruppe anlässlich einer "Anti-Computer-Aktion" vor elektronischen Rechnern gewarnt: "Das Tier der Apokalypse ist der Computer", hieß es auf einem "Marienkinder"-Flugblatt, oder, in schlichter Gleichung "Computer = 666 = Satan".

Der Führer der Gruppe galt dem Bistum als "Psychopath"

Die Anhänger der "Marienkinder", so heißt es in dem Schreiben der katholischen Seelsorger, hätten Probleme mit der Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils, die Neuerungen in der Liturgie würden "völlig ignoriert". Die Menschenrechte würden als "satanisch" bezeichnet, und auch die Demokratie gelte "Marienkindern" als "Prinzip des Teufels".

Der 2001 verstorbene Führer der Gruppe, Josef Zanker, wurde vom Bistum gar als "gefährlicher Psychopath" eingestuft - bereits 1985 waren Zanker und der zweite Marienkinder-Anführer, der Pfarrer Johannes Maria Bauer, vom damaligen Augsburger Bischof Josef Stimpfle exkommuniziert worden.

Inzwischen, so scheint es, haben sich die Marienkinder in den Augen ihrer katholischen Brüder jedoch von Grund auf gewandelt - so sehr, dass Bischof Mixa 30 von ihnen durch die Firmung zurück in die Kirche holen konnte. Eine Annäherung, die sich im Schatten der Debatte über den Umgang der katholischen Kirche mit der Piusbruderschaft fast unbemerkt vollzogen hat.

Die "Marienkinder", die sich selbst stets als römisch-katholisch bezeichneten, hatten sich durch ihre Ablehnung des Zweiten Vatikanischen Konzils und ihre Beschimpfung der Bischöfe als "Knechte Luzifers" mit der Kirche überworfen. Die Anhänger der Gruppe, die seit 1983 zunächst als eine Art Großfamilie in der Stadtmühle im bayerischen Mindelheim zusammenlebten und 1994 nach Bad Wörishofen umsiedelten, wo sie unter anderem eine Spedition betreiben, erwarteten einen dritten Weltkrieg - zunächst für das Jahr 1999, dann für die Jahre 2000 bis 2006. Zeitweise sollen den "Marienkindern" bis zu 200 Mitglieder angehört haben.

Annäherung nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit

Immer wieder berichteten Aussteiger, wie Anführer Zanker sich absoluten Gehorsam sicherte: durch Schlafentzug, brutale Prügelstrafen, Beichtzwang, finanzielle Ausbeutung. Mehrfach wurde gegen ihn wegen gefährlicher und lebensbedrohlicher Körperverletzung ermittelt, 1996 verurteilte ihn das Amtsgericht Memmingen zu drei Jahren Haft.

Die Firmung der "Marienkinder" durch Bischof Mixa im September 2008 sorgte damals für wenig Aufsehen, erst am 28. Februar berichtete die Mindelheimer Zeitung unter der Überschrift "Die geräuschlose Annäherung der Marienkinder" über den Vorgang. Selbst der katholischen Nachrichtenagentur (KNA) entging diese Meldung.

Während die Aufhebung der Exkommunikation der vier Bischöfe der Piusbruderschaft Titelseiten füllte und eine heftige Debatte auslöste, vollzog sich die Annäherung in Bayern fast geräuschlos und nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit.

Christoph Goldt, Sprecher von Bischof Walter Mixa, versteht die nun entstandene Aufregung um den Vorgang in Bayern nicht, spricht von einer "Dramatisierung oller Kamellen" - und will keine Parallele zu der Annäherung des Vatikans an die Piusbruderschaft erkennen. "Die einzige Gemeinsamkeit ist, dass es sich auch um einen Prozess der Wiedereingliederung handelt."

Eine "himmelschreiende Naivität"

2007 seien die Marienkinder wieder an die katholische Kirche herangetreten, seither bemühe man sich um eine Annäherung. Warum sich die Marienkinder vor rund zwei Jahren zu diesem Schritt entschlossen, sagt Goldt nicht. Ende März 2007 gab es ein Treffen zwischen zwei Vertretern der Marienkinder und verschiedenen Gesandten der katholischen Kirche. Damals konstatierte Mixas Sprecher Goldt, die Mitglieder der umstrittenen Glaubensgemeinschaft stünden "außerhalb der katholischen Kirche".

Inzwischen scheint das - zumindest für die 30 Firmlinge, die im vergangenen Herbst das Sakrament empfangen haben - anders zu sein. Inwieweit sich die Marienkinder bis heute von ihren alten Glaubensansätzen losgesagt haben, ist unklar. Goldt verweist darauf, dass es sich bei den Anhängern "nicht um eine homogene Gruppe handele" und nur jeder einzelne nach seinen Glaubensüberzeugungen gefragt werden könne. "Ich gehe davon aus, dass der Bischof nur solche Menschen gefirmt hat, die auf dem richtigen Weg sind und unsere Glaubensinhalte anerkennen."

Die Anerkennung des II. Vaticanums sei eine unabdingbare Voraussetzung, "von der wir nicht herunterkommen wollen und können". Inwieweit die Marienkinder das Zweite Vatikanische Konzil tatsächlich akzeptieren, lässt er offen - und spricht stattdessen von einem "Weg, auf den sich die Marienkinder gemacht haben".

"Faktisch legitimiert der Bischof durch die Firmung in ethischer Sicht die Lebensweise und die Auffassung der Menschen, denen er das Sakrament spendet", sagt der Küng-Schüler und Kirchenrechtler Hermann Häring. Die Kirche verstecke sich bei der Prüfung des Glaubens hinter formellen Fragen. "Sie fragen: 'Nimmst du den Glauben und die Ordnung der Kirche an?' Flapsig gesagt: 'Sagst du ja zu dem Laden?'. Der Rest ist für sie zweitrangig."

Die Kirchenoberen seien so froh, dass sie "mehr Schäfchen" hätten, dass sie nicht kritisch fragten. Viele Kirchenführer versuchten vor allem, "Leute ins Boot" zu holen, von denen sie nichts zu befürchten hätten und die sie stabilisierten. Es sei eine "himmelschreiende Naivität" zu glauben, dass sich eine demokratische Gesinnung von selbst einstelle, sobald die Menschen offiziell Mitglied der Kirche seien. "Man kann auch mit dem Wort Vergebung Schindluder treiben und Politik machen", sagt Häring.

Ein leidiges Thema - und ein symbolischer Akt

Begleitet werden die Marienkinder auf ihrem Weg zurück in die Kirche von Pater Walter Huber, einem Geistlichen der ultrakonservativen Petrusbruderschaft. Die Petrusbruderschaft wurde 1988 von Anhängern der Piusbruderschaft gegründet, die sich nicht mit der Bischofsweihe Lefebvres einverstanden erklärten. "Die Petrusbruderschaft vertritt die Ideologie der Piusbruderschaft, eines ihrer wichtigsten Anliegen ist es, die Messe auf Lateinisch halten zu können", sagt Theologe Häring.

Huber trifft die Marienkinder einmal in der Woche in ihren Räumlichkeiten im Gewerbegebiet in Bad Wörishofen. Seit Anfang 2008 bietet er Gespräche an und steht für Beichten zur Verfügung, an den Sonntagen liest er die Messe. "Im Großen und Ganzen kann ich sagen, dass sie sich gut in die Kirche eingliedern", sagt Huber SPIEGEL ONLINE. Die Mehrheit der Marienkinder habe sich der katholischen Kirche inzwischen angepasst. "Das Zweite Vatikanische Konzil sehen sie im Lichte der Tradition der anderen Konzilien und erkennen es an", sagt Huber.

Die Wiedereingliederung der Marienkinder scheint ein leidiges Thema zu sein, in Augsburg sieht man sich mit vielen - nach eigener Meinung - unzutreffenden Aussagen konfrontiert, und auch Pater Huber spricht nicht gern öffentlich über die Entwicklungen in Bad Wörishofen.

"Es ist für alle Bischöfe eine Herausforderung, für die Einheit im Glauben und die Einheit der Gläubigen zu sorgen", sagt Bischofsprecher Goldt. Man versuche nun, den Marienkindern den Glauben der katholischen Kirche näherzubringen. Goldt spricht von Menschen, die "abseits gestanden" haben, von Menschen, die man "abholen" müsse, jetzt, wo sie sich auf den Weg zurück zur Kirche gemacht hätten, von Heilung, Vergebung, Versöhnung. Die Firmung durch Bischof Mixa sei ein symbolischer Akt gewesen: "Ein Zeichen, dass der oberste Hirte sagt: 'Ich sorge mich um euch.'"

Eine "neue theologische Ausrichtung"

Welche Gründe oder Ereignisse dazu geführt haben, dass die Marienkinder die Nähe zur katholischen Kirche gesucht haben, dazu sagt Goldt nichts.

Nur einer hat sich in der Vergangenheit zu den Motiven der Marienkinder geäußert: In einer sonntäglichen Gemeindeansprache erklärte der zuständige Wörishofener Stadtpfarrer Rudolf Gaißmayer am 18. März 2007, Bischof Mixa habe in Abstimmung mit ihm, dem Seelsorgeamt, einem Seelsorgeteam und dem Konvent der Dominikanerinnen einen "Weg der Glaubenserneuerung und Glaubensläuterung mit der Gemeinschaft der Marienkinder beschlossen".

Die Ansprache wurde damals von der Lokalzeitung dokumentiert. Seit Zankers Tod und seit die apokalyptischen Voraussagungen nicht eingetreten seien, sei eine "neue und andersgeartete theologische und religiöse Ausrichtung der Marienkinder vorhanden".

Der Pfarrer formulierte auch das Ziel des Diskurses: Man wolle "schiefe und falsche Glaubensvorstellungen" bei den "Marienkindern" erkennen und "die wesentlichen Inhalte des katholischen Glaubens neu ins Bewusstsein" heben.

Die Marienkinder wollten die Vorgänge gegenüber SPIEGEL ONLINE nicht kommentieren. "Meist ist das, was man sagt, ohnehin falsch. Darum werden wir uns der Stimme enthalten", hieß es in Bad Wörishofen.

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