Interview mit Erzbischof Zollitsch "Wir brauchen mehr Frauen in Führungspositionen"

In Fulda haben katholische Geistliche über den neuen Kurs der Kirche beraten. Im Interview lobt der Vorsitzende der Bischofskonferenz die Offenheit von Papst Franziskus. "Nähe ist sein Zauberwort", sagt Robert Zollitsch. Von Revolution könne allerdings keine Rede sein.

Erzbischof Robert Zollitsch: "Wir vermissen Benedikt"
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Erzbischof Robert Zollitsch: "Wir vermissen Benedikt"


Es sind spannende Zeiten für die katholische Kirche, die von Papst Franziskus mit unkonventionellen Auftritten und mahnenden Worten seit Amtsantritt ordentlich auf Trab gehalten wird.

In Fulda haben in den vergangenen Tagen deutsche Bischöfe über das spektakuläre Interview des Pontifex und die neuesten Entwicklungen gesprochen. Über die zukünftige Rolle der Frau in den Gemeinden, aber auch strukturelle Reformen bei der Wahl des neuen Vorsitzenden der Bischofskonferenz, die im März 2014 ansteht.

In den vergangenen sechs Jahren hat diese Aufgabe der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch übernommen. Er ist 75 Jahre alt und wird im März in den Ruhestand gehen. "Wir brauchen mehr Frauen in Führungspositionen", sagt er. Doch die Gleichstellung der Frauen in der katholischen Kirche bleibt ein frommer Wunsch. Denn: Von geweihten Ämtern bleiben sie weiter ausgeschlossen. Priester, Bischöfe und Diakone werden weiter Männer sein.

Den umstrittenen Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst nimmt Zollitsch in Schutz. "Ich unterstütze ihn nach Kräften", sagte der Vorsitzende zum Abschluss der DBK-Herbstvollversammlung in Fulda.

SPIEGEL ONLINE hat Robert Zollitsch zu diesem und anderen drängenden Themen der Kirche befragt. Geantwortet hat er per E-Mail.

SPIEGEL ONLINE: Herr Erzbischof Zollitsch, wie ist die Stimmung auf der Vollversammlung der Bischöfe? Spürt man einen revolutionären Geist, wie er Papst Franziskus zugeschrieben wird?

Zollitsch: Die Stimmung ist gut und wir haben intensiv und lebhaft über das Interview des Papstes diskutiert. Ich sehe jetzt aber nicht einen revolutionären Geist, sondern einen Papst, der ganz der Lehre der Kirche folgt, die Kontinuität zu seinem Vorgänger betont und extrem eindrucksvoll auf die Menschen zugeht. Von diesem Engagement lassen wir Bischöfe uns inspirieren.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass die unkonventionelle Art des neuen Papstes die Kirche verändern wird?

Zollitsch: Mich beeindruckt die Art des Papstes. Nähe ist sein Zauberwort. Nähe zu den Menschen muss auch Auftrag und Verpflichtung für uns sein: Sind wir nah genug bei den Menschen? Oder sind wir in der Gefahr, uns hinter unsere Mauern zurückzuziehen? Der Papst sagt uns ganz klar: Geht raus aus euren Häusern, an die Ränder der Gesellschaft. Das müssen wir verstärkt praktizieren.

SPIEGEL ONLINE: Verzeichnen Sie in den Gemeinden bereits mehr Zulauf wegen des charismatischen Papstes?

Zollitsch: Das lässt sich zahlenmäßig nach einem halben Jahr nicht erheben. Aber da, wo ich in die Pfarrgemeinden komme, spüre ich eine große Dankbarkeit und Begeisterung über diesen Papst. Diesen neuen Schwung müssen wir nutzen!

SPIEGEL ONLINE: Franziskus tritt betont bescheiden auf, fordert eine Kirche der Armen für die Armen. So kritisiert er etwa, wenn Bischöfe oder Priester mit edlen Limousinen unterwegs sind. Für wie groß sehen Sie persönlich den Handlungsbedarf in diesen Dingen?

Zollitsch: Unser Lebensstil muss dem entsprechen, was das Evangelium von uns fordert. Dazu gehören Bescheidenheit und Einsatz für die Armen. Ich meine, wir sollten jetzt keine Debatte über Autos oder Wohnhäuser führen, sondern uns fragen, wo wir authentisch und überzeugend unseren Lebensstil im Einklang mit dem Evangelium leben. Bereits das ist weiterführend.

SPIEGEL ONLINE: Schadet das umstrittene Geschäftsgebaren des Limburger Bischofs Tebartz-van Elst dem Ansehen der katholischen Kirche?

Zollitsch: Man tut dem Bischof von Limburg mehr als Unrecht, wenn man ihn auf "Geschäftsgebaren" reduziert. Der Bischof sucht eine Lösung auf einem Weg, der nicht ganz einfach ist. Ich bin jedenfalls bereit, meinen Beitrag zu leisten, um an einem Weg der Versöhnung in Limburg mitzuwirken.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen die Bischöfe in Zukunft solch eigenmächtiges Finanzgebaren vermeiden? Wird es dazu einen Beschluss geben?

Zollitsch: Für die Finanzen in einem Bistum ist allein das Bistum zusammen mit den dort jeweils zuständigen Gremien verantwortlich.

SPIEGEL ONLINE: Sollte in Zukunft der Einfluss der Kirchengemeinde auf Personalien größer sein?

Zollitsch: Kirchengemeinden sind in vielen Bistümern bei der Auswahl des Personals beteiligt. Das gilt auch für die Stellen in der Pastoral und Seelsorge. Gerade die Gemeindevertreter werden dazu ja bei einer Personalsuche angehört.

SPIEGEL ONLINE: Bemerken Sie ein selbstbewussteres Auftreten der liberalen Kräfte in der Kirche, seit Franziskus im Amt ist?

Zollitsch: Ich stelle einen Schwung in der Kirche fest, der alle begeistert. Mir liegt es fern, in konservativ und liberal zu differenzieren. Als Kirche sind wir Gemeinschaft, und diese Gemeinschaft dürfen wir mit Papst Franziskus erleben.

SPIEGEL ONLINE: Der deutsche Papst Benedikt XVI. ist seit gut einem halben Jahr im Ruhestand. Was fehlt seit seinem Rücktritt?

Zollitsch: Wir freuen uns über Franziskus und wir vermissen Benedikt. Mich freut, dass beide einen guten Kontakt haben und zwei Autoren von einer Enzyklika sind, was es so in der 2000-jährigen Kirchengeschichte noch nicht gab. Es gilt, das große theologische Erbe von Benedikt weiterhin lebendig zu halten.

SPIEGEL ONLINE: Welche strukturellen Reformen braucht die katholische Kirche?

Zollitsch: Ich nenne beispielhaft nur eine: Wir müssen schauen, wie wir noch mehr Frauen in kirchlichen Führungspositionen etablieren - damit meine ich nicht eine Weihe. Darüber haben wir in Fulda gesprochen und uns die Selbstverpflichtungen vergegenwärtigt, die wir im Frühjahr eingegangen sind. Wir brauchen mehr Frauen in Führungspositionen, auch in der Kirche.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es eine theologische Neuorientierung?

Zollitsch: Die Theologie muss Vorhandenes bewahren und gleichzeitig, wie es das Zweite Vatikanische Konzil sagt, die "Zeichen der Zeit" erkennen. Es geht nicht um ein Anbiedern an den Zeitgeist, aber die Theologie muss verständlich und menschendienlich sein.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie ein neues Konzil befürworten?

Zollitsch: Nein. Wir müssen erst den noch nicht gehobenen Schatz des letzten Konzils in unserer Kirche zur vollen Blüte bringen.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von einer möglichen Intervention in Syrien?

Zollitsch: Papst Johannes Paul II. sagte: Krieg ist immer eine Niederlage der Menschheit. Eine militärische Intervention in Syrien würde die Lage derzeit noch schlimmer machen. Wir brauchen Verhandlungen und einen verstärkten Einsatz der internationalen Staatengemeinschaft.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass Sie es bedauern, dass die FDP nicht in den Bundestag gekommen ist?

Zollitsch: Die katholische Kirche hat konstruktive Beziehungen auch zur FDP und immer wieder bin ich Philipp Rösler bei Spitzengesprächen begegnet. Sie hätte uns als politische Kraft im Bundestag gutgetan.

Die Fragen stellten Annette Langer und Birger Menke

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bikersplace 27.09.2013
1. "Wir brauchen mehr Frauen in Führungspositionen"
Zitat von sysopDPAIn Fulda haben katholische Geistliche über den neuen Kurs der Kirche beraten. Im Interview lobt der Vorsitzende der Bischofskonferenz die Offenheit von Papst Franziskus. "Nähe ist sein Zauberwort", sagt Robert Zollitsch. Von Revolution könne allerdings keine Rede sein. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/katholische-kirche-erzbischof-zollitsch-zur-bischofsversammlung-a-924857.html
finde ich eine gute Idee - eine Päpstin oder Kardinälin könnte ich mir sehr gut vorstellen - also fangt an....
hello07 27.09.2013
2. Am Besten ist, die Geistlichen...
...halten sich aus Wirtschaft und Politik gänzlich raus...! Gründet einen e.V. und gut ist es!
punkorrekt 27.09.2013
3. Na, wenn das so ist....
Wie wär's mit einer katholischen Bischöfin, Herr Zollitsch?
hello07 27.09.2013
4. Endlich eine Päpstin...?
...oder bleibt es beim Wasser predigen und Wein trinken...?
wurzelbär 27.09.2013
5. Mein Anstand verbietet es mir
das zu schreiben, was ich denke, das damit gemeint ist. "Wir brauchen mehr Frauen in Führungspositionen", so kann man auch Probleme lösen!
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