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Kinder-Massengrab in Irland: Das dunkle Geheimnis der Schwestern von Bon Secours

Von , London

Keltenkreuz im irischen Tuam: "Die Leute reden nicht über den Fund" Zur Großansicht
Getty Images

Keltenkreuz im irischen Tuam: "Die Leute reden nicht über den Fund"

Die Überreste von bis zu 800 Babys sollen in einem Massengrab in Irland liegen - auf dem ehemaligen Gelände eines katholischen Frauenheims. Eine Bürgerinitiative fordert nun die Aufarbeitung der dunklen Geschichte.

Den grausigsten Fund seiner Kindheit wird Barry Sweeney nie vergessen. Er war zwölf Jahre alt und mit seinem Freund Francis in seinem Heimatort Tuam unterwegs. "Da war eine Betonplatte, wo wir immer gespielt haben", erzählte der Ire der "Irish Mail on Sunday". Das hohle Geräusch unter der Platte weckte die Neugier der beiden Jungen. "Wir haben beschlossen, sie aufzustemmen", sagte Sweeney.

Was darunter zum Vorschein kam, sollte ihm noch wochenlang Albträume bereiten: "Der Raum war bis zum Rand voll mit Skeletten."

Das ist nun über 30 Jahre her. Damals sei nichts weiter passiert, erzählte Sweeney der Zeitung. Ein Priester sei gekommen und habe die menschlichen Überreste gesegnet. Nachbarn pflanzten Blumen und ließen Gras über das Massengrab wachsen. Niemand in dem 3000-Einwohner-Ort im Westen Irlands wollte der Sache auf den Grund gehen. Sie sollte sich von selbst erledigen.

796 Einträge im Todesregister

Erst jetzt wird allmählich klar, was für Knochen in dem ausgedienten Abwassertank lagerten. Von 1925 bis 1961 stand auf dem Gelände das St. Mary's Mother and Baby Home, ein Heim für alleinstehende Mütter und ihre unehelichen Kinder. Diese Frauen brauchten eine Zuflucht, da ihre Situation in der damaligen Gesellschaft skandalös war. Selbst die eigenen Familien ließen sie oft fallen. Betrieben wurde das Heim von den Schwestern der Bon Secours, einem katholischen Frauenorden.

Der Alltag in dem Heim war hart, die Babys ausgezehrt und vernachlässigt. Häufig erlagen sie den Folgen von Unterernährung, Masern, Tuberkulose oder Lungenentzündung.

Insgesamt starben mindestens 796 Kinder zwischen null und neun Jahren in dem Heim, so viele Einträge fand die Historikerin Catherine Corless im Todesregister der Region Galway. Bis auf eines könnten sie alle in dem Massengrab verscharrt sein, vermutet Corless. Seit vergangenem Jahr erforscht sie die Vergangenheit der Einrichtung.

"Die Leute sind nicht schockiert, ich verstehe das nicht"

Als Corless die Namen aus dem Todesregister mit den Friedhofsregistern der Gegend abglich, fand sie nur eine einzige offizielle Beerdigung. Daraus folgert sie, dass die anderen Kleinkinder heimlich auf dem Gelände begraben wurden. "Wir können davon ausgehen, dass sie alle in dem Grab liegen", sagte Corless der irischen Nachrichtenseite "TheJournal.ie".

Corless ist Mitglied des Children's Home Graveyard Committee. Die Bürgerinitiative fordert die Ausgrabung der Knochen, um die dunkle Geschichte aufzuklären. Auch sammelt sie Spenden für ein Denkmal mit den Namen der Kinder. Bislang laufe es aber eher schleppend, sagte Corless "TheJournal.ie". "Die Leute reden nicht über den Fund. Sie sind nicht schockiert, ich verstehe das nicht."

Auch die Polizei hat Ermittlungen eingeleitet, nachdem die Verwandte eines 1952 im Heim gestorbenen Jungen eine offizielle Beschwerde wegen einer fehlenden Todesurkunde eingereicht hat. "Er könnte immer noch am Leben sein", sagte die Frau der "Irish Mail on Sunday". Sie wolle feststellen, ob er vielleicht illegal zur Adoption freigegeben worden sei.

Ausgeschlossen ist das nicht. In der Mitte des vergangenen Jahrhunderts wurden viele Kinder den Müttern genommen und Adoptiveltern übergeben, man könnte auch sagen: Sie wurden verkauft, oft in die USA.

Nach und nach arbeiten die Iren die Vergangenheit auf, die Schwestern der Bon Secours haben jedoch schon abgewunken. Der Orden teilte mit, alle in dem Heim tätigen Schwestern seien inzwischen verstorben.

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