Frauen in der katholischen Kirche Führungskraft von Bischofs Gnaden

Eine Studie der katholischen Kirche zeigt, dass die Zahl der Frauen in Leitungspositionen steigt. Kein Grund zu jubeln, findet Agnes Wuckelt von der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands.

Die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands demonstriert auf der Vollversammlung der Bischöfe
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Die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands demonstriert auf der Vollversammlung der Bischöfe

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Die gute Nachricht: Selbst in den traditionell frauenarmen Führungsetagen der katholischen Kirche tut sich etwas. Das geht aus einer auf der Frühjahrstagung der Deutschen Bischofskonferenz vorgestellten Studie hervor. Demnach ist der Anteil der Frauen in oberen Leitungsfunktionen von 2013 bis 2018 um mehr als sechs Prozentpunkte gestiegen - auf knapp 19 Prozent.

Das sei "nicht nichts, aber längst nicht zufriedenstellend", sagte der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode. Der Frauenanteil in Leitungspositionen soll auf ein Drittel oder mehr steigen. Eine verpflichtende Frauenquote planen die Bischöfe bisher nicht. Auch wie der fromme Wunsch strukturell durchgesetzt werden soll, ist noch unklar.

Eines der größten Hindernisse auf dem Weg zu mehr Gleichberechtigung ist laut Agnes Wuckelt von der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands der ausschließlich Männern vorbehaltene Priesterstatus - denn an den sind noch immer viele Leitungsfunktionen geknüpft.

  • kfd/Kay Herschelmann
    Agnes Wuckelt, geboren 1949, ist Theologin und Religionspädagogin. Viele Jahre lehrte sie an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen. Wuckelt ist stellvertretende Vorsitzende der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd).

SPIEGEL ONLINE: In einigen deutschen Bistümern arbeiten deutlich mehr Frauen in Führungspositionen als in anderen. Woran liegt das?

Wuckelt: Die Bistumsleitungen haben den ernsthaften Willen, mehr Frauen zu beschäftigen. Wo dieser Wille fehlt, gibt es auch keine Frauen in oberen Leitungspositionen.

SPIEGEL ONLINE: Der persönliche Wille eines Bischofs ist allerdings eine kaum berechenbare Größe.

Wuckelt: Das stimmt leider. Auf Bistumsebene ist der jeweilige Ortsordinarius in seinen Entscheidungen autonom. Noch nicht einmal der Papst kann ihm hineinreden. Auch die Bischofskonferenz kann ihren Mitgliedern nichts vorschreiben.

SPIEGEL ONLINE: Ist das die größte strukturelle Krux?

Wuckelt: Ja, die Kirche ist in dieser Hinsicht wirklich die letzte Bastion des Absolutismus. Ein Bischof ist Hirte, Leiter und Lehrer des Bistums. Er kann allein nach seiner Vorstellung entscheiden. Um das zu ändern, müsste man das Kirchenrecht umschreiben. Derzeit sind wir auf den guten Willen von Männern wie den Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode angewiesen, der für sich entschieden hat, dass es eine gleichberechtigte Zusammenarbeit von Frauen und Männern in der Kirche geben muss. Andere Bischöfe sehen das nicht so.

SPIEGEL ONLINE: Kardinal Marx hat die Einführung einer Frauenquote ins Spiel gebracht.

Wuckelt: Einige Bischöfe könnten sich vermutlich einer Quote von 30 Prozent oder mehr fügen. Aber auch hier gilt: Jedes Bistum entscheidet selbst, Verweigerer werden nicht sanktioniert. Wie oft habe ich bei Personalentscheidungen den Satz gehört: "Der Bessere wird es." Und der Bessere ist scheinbar immer ein Mann.

SPIEGEL ONLINE: In kirchlichen Leitungspositionen gibt es viele Frauen, die Theologie studiert haben. Fühlen die sich auch intellektuell gedemütigt, weil sie wegen fehlenden Priesterstatus benachteiligt werden?

Wuckelt: Das ist belastend, vor allem wenn die Frauen wissenschaftlich höher qualifiziert sind. Weiheamt und Leitung sollten nicht so eng miteinander verquickt sein, dass sie zum Ausschlusskriterium für Frauen und Laien werden. Deshalb müssen wir in der Kirche Leitung neu definieren.

SPIEGEL ONLINE: Befürchten katholische Kleriker, dass Frauen mit mehr Leitungsfunktionen auch rigoroser das Diakonat und das Priestertum einfordern werden?

Wuckelt: Es gibt diese Befürchtung: Wenn wir ihnen den kleinen Finger geben, wollen sie den ganzen Arm. Viel schädlicher ist es aber, wenn Frauen über Muttersein definiert werden. Selbst wenn eine Frau biologisch keine Mutter sein kann, dann wird sie zur spirituellen Mutter. Wer ein solches Frauenbild hat, kann sich nicht vorstellen, dass eine Frau überhaupt eine leitende Funktion einnimmt - geschweige denn mit geweihten Priestern Mitarbeitergespräche führt.

SPIEGEL ONLINE: Was muss sich ändern?

Wuckelt: Es wäre zu wenig, wenn Frauen einfach das täten, was die Männer in kirchlichen Führungspositionen bisher getan haben. Die Strukturen der Kirche müssen sich ändern. Das Miteinander in der Kirche muss sich verändern. Es sollte nicht patriarchalisch-hierarchisch sein, sondern ein gemeinsames Aushandeln, ein Ausloten, ein Analysieren alter Strukturen, um sie beiseitelegen und dann kreativ neu gestalten zu können.

SPIEGEL ONLINE: Ein Grund für die geringe Zahl von Frauen in Führungspositionen ist, dass die Kirche als Arbeitgeber so unattraktiv ist.

Wuckelt: Sicher, hier dominieren Männer, die die alleinige Entscheidungsbefugnis und oft wenig Interesse an einem dynamischen Miteinander haben. Geweihte Männer, die keine familiären Verpflichtungen haben und sich ganz ihrem Amt widmen können. Sie haben Gehorsam geschworen und sich zu absoluter Verfügbarkeit verpflichtet - eine solche berufliche Anforderung ist nicht attraktiv für Frauen, die zum Beispiel neben dem Beruf auch eine Familie haben möchten.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Einfluss könnte ein größerer Frauenanteil auf den Kampf gegen Missbrauch in der Kirche haben?

Wuckelt: Einen positiven. Wir wissen, dass auch Frauen in der Kirche Täterinnen geworden sind. Aber Frauen haben aufgrund ihrer Sozialisation ein anderes Verhältnis zur Sexualität, sie nutzen sie seltener als Machtinstrument. Ein Priester oder Bischof besitzt aufgrund seines Amtes Autorität, auch spirituelle. Studien haben gezeigt, dass kirchliche Missbrauchstäter diesen besonderen Status ausnutzen.

SPIEGEL ONLINE: In der evangelischen Kirche gibt es offen lesbische Pfarrerinnen, eine Frau war schon Ratsvorsitzende der EKD. Wird es jemals etwas Vergleichbares in der katholischen Kirche geben?

Wuckelt: Eine Generalsekretärin der Deutschen Bischofskonferenz wäre zum Beispiel denkbar, das ginge auch jetzt schon. Aber wir kommen immer an die kirchenrechtliche Grenze, dass nur ein getaufter Mann auch Priester sein kann. Es wäre schon viel getan, wenn all jene Leitungspositionen für Frauen geöffnet würden, die nicht an den Priesterstatus gebunden sind.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Schlupflöcher für Frauen im System?

Wuckelt: Es gibt Alternativen, zum Beispiel die generelle Würdigung der diakonischen Arbeit vieler Frauen, aber auch die sakramentale Diakoninnenweihe. In unserem Verband gibt es bereits jetzt ausgebildete geistliche Begleiterinnen, die Gottesdienste leiten, allerdings mit Ausnahme des Abendmahls beziehungsweise der Eucharistie.



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