Kritik an schwulenfreundlichem Signal des Vatikans "Schändlich und vollkommen falsch"

Die katholische Kirche will auf Homosexuelle zugehen, bei einer Synode im Vatikan hatten sich Bischöfe entsprechend geäußert. Konservative Kardinäle halten jetzt empört dagegen.

Papst Franziskus: Zwei Wochen Familiensynode im Vatikan
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Papst Franziskus: Zwei Wochen Familiensynode im Vatikan


Ein Hauch von Reformen umwehte den Vatikan eine Woche lang. Rund 200 Bischöfe aus aller Welt diskutierten auf der Familiensynode, wie man die Lebenswirklichkeit der Menschen mit den katholischen Dogmen besser zusammenbringen könnte. Wie sich etwa die Kirche für wiederverheiratete Geschiedene weiter öffnen lasse und ob gleichgeschlechtliche Beziehungen "positive Aspekte" haben könnten. Reformwillige Teilnehmer wie der italienische Bischof Bruno Forte verspürten gar den "Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils". Forte erlebte eine Kirche, die "voller Sympathie auf die Welt schaut, die nicht die Richterpose einnimmt, sondern die Menschen begleitet in den Erwartungen, Hoffnungen, Freuden und Leiden unserer Zeit."

Nun machen Gegner dieser Entwicklung mobil.

Die Synode sollte klarer herausstellen, dass eine "unauflösliche, glückliche und treue Ehe" das katholische Leitmotiv sei, statt den Blick nur auf "imperfekte familiäre Situationen zu verengen", forderten am Montag etliche "Synodenväter", wie die Konferenzteilnehmer im Kirchenjargon heißen. Und wo denn der Begriff "Sünde" geblieben sei?

Anführer des Protests ist der deutsche Kardinal Gerhard Ludwig Müller, Chef der mächtigen Glaubenskongregation. Der Zwischenbericht des ungarischen Kardinals Peter Erdö sei "unwürdig, schändlich, vollkommen falsch", erregte sich der oberste Glaubenshüter der katholischen Kirche. Von den darin in Aussicht gestellten Änderungen der kirchlichen Regeln bezüglich der Wiederheirat von Geschiedenen, der Paare ohne Trauschein oder gar gleichgeschlechtlicher Paare könne gar keine Rede sein. Alle Stimmen, die sich dagegen ausgesprochen hätten, habe Erdö einfach unterschlagen.

"Das Drama geht weiter"

Auch Kardinal Fernando Filoni, Präfekt der Kongregation zur Evangelisierung der Völker, erklärte sich "überrascht" von dem, was er in den Medien über den Erdö-Bericht gelesen habe. Da sei der Eindruck erweckt worden, als hätte der Papst das alles schon verkündet, als hätte die Synode es beschlossen. Dabei sei es doch nur ein Arbeitspapier, in das "wir unsere Meinungen noch einbringen werden".

Nach den Vollversammlungen der vorigen Woche diskutiert die Synode jetzt in Arbeitsgruppen weiter, die nach Sprachen geordnet sind. Der Erdö-Text kann dabei vertieft, geklärt, verändert, komplett umgeschrieben werden. "Das Drama geht also weiter", stöhnte der philippinische Kardinal Luis Tagle halb im Scherz. Aber zu Scherzen sind Kardinal Müller und seine Freunde gar nicht aufgelegt.

Der Zwischenbericht sei für viele Bischöfe nicht akzeptabel, sagt etwa der Vorsitzende der polnischen Bischofskonferenz, Erzbischof Stanislaw Gadecki. In den Bericht hätten "Spuren einer gegen die Ehe gerichteten Ideologie Eingang gefunden".

Natürlich könne man auch mal über Sonderfälle sprechen, so der Mann aus Posen. "Aber in erster Linie sollten wir doch die Wahrheit präsentieren!" Und nun gebe es plötzlich eine Debatte, ob etwa homosexuelle Paare Verantwortung für Minderjährige übernehmen könnten - "als ob das etwas Akzeptables wäre". Und das sei nur einer der Irrtümer der aktuellen Diskussion: Sie vermittle "den Eindruck, als sei die Lehre der Kirche bisher unerbittlich gewesen und als ginge man jetzt stattdessen dazu über, Barmherzigkeit zu lehren."

"Unnütze Diskussionen"

Auf gleicher Linie liegt US-Kurienkardinal Raymond Leo Burke. Warum signalisiere man wiederverheirateten Geschiedenen, sie könnten womöglich demnächst zur Kommunion zugelassen werden, fragte Burke, wenn sich das doch mit der Lehre von der Unauflösbarkeit der Ehe gar nicht vereinbaren ließe? Bei vielen Diskussionen der vergangenen Tage sei ja sogar das, was Jesus selbst gelehrt und angeordnet habe, in Frage gestellt worden. Statt solche "unnützen Diskussionen" zu führen, "über Wahrheiten, die sich nun einmal nicht verändern lassen", möge die Kirche lieber katholischen Familien in aller Welt helfen, "die sich trotz aller Schwierigkeiten nicht von dem lösen wollen, was das Evangelium lehrt".

Beschlossen wird auf der römischen Synode ohnehin nichts. Am Samstag dürfen die Teilnehmer einen neuen Text absegnen ("Relatio Sinodi"), der möglicherweise dem Papst übergeben wird oder auch nicht. Weiter diskutiert wird dann auf der nächsten Synode in einem Jahr.

Deshalb seien die nun geweckten Erwartungen ja auch "unrealistisch", so Kardinal Wilfried Fox Napier aus dem südafrikanischen Durban. Sie drückten aus, "was Menschen gerne hätten, aber nicht das, was wirklich geschehe". Themen wie Ehe und Familie, Scheidung und Homosexualität seien zudem keine Fragen, über die eine Synode befinden könne. Das sei "eine Frage der gesamten Kirche". Im Klartext: Nicht die Synode entscheidet, sondern Papst Franziskus. Wenn er will.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 23 Beiträge
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HerrderRinge4711 15.10.2014
1. Nicht anders zu erwarten
Wer erwartet, dass über 100 Personen in ihren Beratungen zu kontroversen Themen nach einer Woche alle einer Meinung sind, der ist mehr als naiv. Natürlich gibt es Stimmen die sich gegen den Bericht positionieren, so wie es bereits viele positive Stimmen gab, dieser Bericht ist leider sehr einseitig, aber interessant wird erst das Abschlussbericht am Samstag, und noch viel mehr was im kommenden Jahr in den Diözesen und Gemeinden im Umgang mit den Beratungen der Synode geschieht und wie diese weiter diskutiert werden werden. Die ordentliche Bischofssynode nächstes Jahr wird erst mit finalen Entscheidungen aufwarten, so war es von Anfang an geplant, wer sich jetzt also wundert, dass die jeweiligen Positionen der einzelnen "Lager" auch nach außen kommuniziert werden ist sehr naiv.
stefanmargraf 15.10.2014
2. Gehet hinweg, Ultras.
Sonst verschwindet die ganze Kirche. Mittelalter ist vorbei, wenigstens die Christen sollten sich weiterentwickeln koennen.
kleppy 15.10.2014
3. Nahezu 500 Jahre zu spät
Es ist einfach unglaublich, wie sich eine Kirche hinstellen kann und von Gott geschaffene Schwule ausgrenzt. Alles was jetzt die katholische Kirche vielleicht ändern könnte, hat Luther vor nahezu 500 Jahren gemacht. Jeder Katholik hat es ganz einfach, er kann evangelisch werden, der liebe Gott ist derselbe. Warum überhaupt einer Kirche angehören?
deglaboy 15.10.2014
4. Der Heilige Geist
Hoffen wir, dass der Heilige Geist zum ersten Mal Rom besucht und der katholischen Kirche beisteht. Sonst ist vorbei mit lustig.
ernstmoritzarndt 15.10.2014
5. Überzogene Forderungen
Die Synode hat sich erstmals ernsthaft mit den Problemen der geschiedenen Kirchenglieder, der gleichgeschlechtlichen Partnerschaften ernsthaft auseinandergesetzt. Da ist Bewegung hineingekommen und man sollte jetzt in Ruhe die Entwicklung abwarten. Natürlich wird sich die Kirche mit dem Dogma von der Unauflöslichkeit der Ehe versus Zulassung geschiedener und neu verheirateter Kirchenglieder auseinandersetzen müssen. Das braucht Zeit. Wie heißt es so schön: Rom ist nicht an einem Tage erbaut worden. In bezug auf Kardinal Müller wird man wohl anmerken müssen, daß seine Zeit vielleicht abgelaufen ist.
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