Kampf um katholisches Familienbild Hardliner-Allianz macht Druck auf den Papst

Die katholische Kirche ringt um ihren Umgang mit Homosexuellen und wiederverheirateten Geschiedenen. Viele deutsche Gläubige wünschen eine Liberalisierung. Doch vor der Familiensynode im Oktober erheben sich nun die Traditionalisten weltweit.

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Papst Franziskus: Druck von konservativen Katholiken
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Papst Franziskus: Druck von konservativen Katholiken


Die Welt ist aus den Fugen. So sehen es zumindest katholische Laienorganisationen, Lebensrechtsgruppen und Familienverbände, die sich zu einem dramatischen Appell zusammengetan haben. "Eine sexuelle Revolution, die vom Zusammenschluss mächtiger Organisationen, politischer Kräfte und Medien vorangetrieben wird, bedroht die Existenz der Familien", heißt es darin.

Das Oberhaupt der katholischen Weltgemeinschaft möge jetzt endlich für Klarheit sorgen und letztinstanzlich bestätigen, "dass geschiedene, wiederverheiratete Katholiken nicht zur heiligen Kommunion zugelassen werden können und dass homosexuelle Partnerschaften den Geboten Gottes und dem Naturrecht widersprechen."

Eine diesbezügliche "Ergebene Bitte an Seine Heiligkeit Papst Franziskus" haben nach Angaben der Organisatoren bislang eine halbe Million Gläubige unterschrieben. Darunter sind über hundert Bischöfe, aber auch lateinamerikanische Generäle, polnische Politiker, Professoren, Grafen, Herzöge und sogar der Exil-König von Ruanda, Kigeli V. Vermutlich wird die Zahl der Unterzeichner noch kräftig steigen. Denn der Streit um die "Unauflöslichkeit der Ehe" wird für die katholische Kirche wohl das brisanteste Thema dieses Herbstes werden. Eine nicht repräsentative Umfrage unter mehr als 10.000 Katholiken, überwiegend aus Deutschland, hatte ergeben, dass die Mehrheit der Befragten sich für eine Liberalisierung zentraler aktueller Streitpunkte ausspricht.

Im Oktober treffen sich Bischöfe aus aller Welt im Vatikan, um die Frage weiter zu diskutieren, die sie schon im vorigen Jahr nicht klären konnten: Wie bringt man die katholische Lehre über das Familien- und Sexualleben mit der Lebenswirklichkeit heutiger Gesellschaften zusammen?

Basis der neuerlichen Debatte wird das Schlussdokument der Synode 2014 sein, das in der Vatikansprache Latein sogenannte Instrumentum Laboris. Dazu kommen Meinungen und Vorschläge aus den Ortskirchen rund um den Globus. Alles zusammen ist reichlich diffus, bringt wenig Klarheit, aber weckt doch Hoffnungen bei vielen Gläubigen, die bislang vom Empfang der Sakramente, der Buße und der Eucharistie ausgeschlossen sind. Sie müssen sich als Katholiken zweiter Klasse fühlen.

Das Dilemma des Papstes

Vor allem der deutsche Kardinal Walter Kasper hatte sich für "neue Wege" im Umgang mit diesem Problem ausgesprochen und damit die Synode des vorigen Jahres geprägt. Man könne doch zum Beispiel darüber nachdenken, so eine seiner Anregungen, geschiedenen Katholiken, die sich neuerlich verheiraten wollen, nach einer Bußzeit zwar keine zweite kirchliche Trauung, aber immerhin die Zulassung zur Kommunion in Aussicht zu stellen.

Papst Franziskus hat Kasper öffentlich gelobt und auch selbst davon gesprochen, "Türen zu öffnen" und "diesen Menschen eine brüderliche Aufnahme in der Kirche zu bieten". Aber was das genau heißen mag, hat er nicht gesagt. Kann er auch schwerlich. Denn er hat ein Problem: Das, was die Betroffenen erwarten, kann er kaum durchsetzen. Und das, was allenfalls ginge, hilft den Betroffenen nur wenig.

In der Bibel steht, Jesus habe gesagt: "Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen." Damit hat er in katholischer Deutung die Ehe für "unauflöslich" erklärt und Paare, die sich trotzdem scheiden lassen, in Probleme mit der Kirche gestürzt. Die neue Ehe ist nämlich nicht kirchlich abgesegnet. Das geht nur, wenn die erste für nichtig erklärt wird - was selten passiert.

Die wiederverheirateten Eheleute begehen nach dieser Sichtweise nicht eine einmalige Sünde, sie verharren vorsätzlich in einem "Lebenswandel, der objektiv Sünde ist", so der Erzbischof von Toronto, Thomas Collins. Darum könne ihnen auch nicht vergeben werden wie anderen Sündern, etwa reuigen Mördern.

"Ein Spalt innerhalb der Kirche"

Der heutige Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller 2013: Anführer der Traditionalisten
DPA

Der heutige Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller 2013: Anführer der Traditionalisten

Dieses jahrhundertealte Familienbild sehen die katholischen Dogmatiker in Gefahr. Seit Jahrzehnten schon sei ihr Weltbild "der hedonistischen Propaganda der sexuellen Revolution ausgesetzt", wie die Autoren der "Ergebenen Bitte" an Papst Franziskus schreiben. Jetzt habe sich sogar "innerhalb der Kirche ein Spalt aufgetan", zwischen den Rechtgläubigen und jenen Priestern, die "die Lehren Christi über eheliche Treue und die Unauflöslichkeit der Ehe" infrage stellten.

Zu den Anführern des Traditionalisten-Flügels gehören zum Beispiel die deutschen Kardinäle Gerhard Ludwig Müller, Chef der Glaubenskongregation, und Walter Brandmüller ebenso wie die Italiener Carlo Caffara und Velasio De Paolis; und einer schreitet mit besonderer Lautstärke immer voran: US-Kurienkardinal Raymond Leo Burke.

Der hatte sich schon bei der vorigen Synode mächtig aufgeregt. In der von Kasper befeuerten Debatte werde ja sogar das, was Jesus selbst gelehrt und angeordnet habe, "infrage gestellt". Man müsse solche "unnützen Diskussionen [...] über Wahrheiten, die sich nun einmal nicht verändern lassen" gar nicht führen, sagt Burke.



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