Missbrauchsbeauftragter "Es sind nicht nur Einzelfälle oder Einzeltäter"

In den USA sollen sich Hunderte Priester an Minderjährigen vergangen haben. Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung kritisiert nun auch die katholische Kirche in Deutschland.

St.-Joseph-Kirche in Hanover, Pennsylvania
REUTERS

St.-Joseph-Kirche in Hanover, Pennsylvania


Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung hat der katholischen Kirche eine unzureichende Aufklärung von Fällen sexuellen Missbrauchs vorgeworfen. "Aufarbeitung wird wohl noch zu oft als Gefahr für die eigene Institution gesehen", sagte Johannes-Wilhelm Rörig den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Diese Haltung mache deutlich, wie sehr Institutionen- und Täterschutz noch immer vor Opferschutz stehe. "Es darf nicht mehr nur um den Schutz und das Ansehen der Kirche gehen", sagte Rörig. Für eine entsprechende Studie der Deutschen Bischofskonferenz hätten leider nicht alle Bistümer ihre Archive geöffnet.

Um Missbrauchsfälle in Deutschland aufzuarbeiten, hatte die Deutsche Bischofskonferenz 2014 das Forschungsprojekt "Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz" in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse sollen dem Bericht zufolge am 25. September im Rahmen der Herbstvollversammlung der deutschen Bischöfe in Fulda vorgestellt werden.

Johannes-Wilhelm Rörig (Archivbild)
DPA

Johannes-Wilhelm Rörig (Archivbild)

"Es sind nicht nur Einzelfälle oder Einzeltäter - es sind immer auch strukturelle Probleme, die sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen ermöglichen", sagte Rörig. "Diesen Strukturproblemen muss sich die katholische Kirche auch in Deutschland stellen."

Rörig nannte die jüngst bekannt gewordenen Missbrauchsfälle im US-Bundesstaat Pennsylvania "ein weiteres grausiges Beispiel" dafür, mit welcher Ohnmacht Kinder der immensen sexuellen Gewalt katholischer Ordensträger ausgesetzt gewesen seien. Es sei daher wichtig, dass in jedem Bistum und in jedem Orden aufgearbeitet werde - "auch proaktiv und nicht erst, wenn Betroffene sich zu Wort melden".

Im Video: Missbrauchsopfer brechen ihr Schweigen

Der Skandal in den USA hatte weltweit Entsetzen ausgelöst. Zu dem Bericht aus Pennsylvania, nach dem sich mehr als 300 Priester in den vergangenen 70 Jahren an mindestens tausend Kindern vergangen haben, gebe es lediglich zwei Worte, teilte der Vatikan zuletzt mit: "Scham und Bedauern."

Die in einem Bericht der Staatsanwaltschaft angeführten Missbrauchsfälle seien "kriminell und moralisch verwerflich", sagte Vatikan-Sprecher Greg Burke. Den Opfern sei ihr Stolz und ihr Glauben geraubt worden. "Der Heilige Stuhl behandelt die Arbeit der Ermittlungsbehörden von Pennsylvania und den Bericht, den sie vorgelegt haben, mit großer Ernsthaftigkeit. Der Heilige Stuhl verurteilt eindeutig den sexuellen Missbrauch von Minderjährigen", sagte Burke.

Pennsylvanias Generalstaatsanwalt Josh Shapiro zufolge geht es um sexuellen Missbrauch bis hin zu Vergewaltigung und gezielte Vertuschung. Die Vorwürfe erstrecken sich auf sechs der acht Diözesen in Pennsylvania. Shapiro sprach vom bisher umfassendsten in den USA veröffentlichten Bericht zu Kindesmissbrauch innerhalb der Kirche.

Die Dunkelziffer der Opfer könnte deutlich höher liegen, glauben die Ermittler. Berichte von Kindern seien verloren gegangen, viele würden aus Angst immer noch schweigen. Betroffene, die sich zu Wort melden, berichteten von einem jahrzehntelangen Leiden, das nicht nur ihr Leben, sondern auch das ihrer Familien massiv beeinflusste.

mxw/dpa/AFP

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