Missbrauchsbericht der Bischofskonferenz Die ganze Wahrheit ist das nicht

Tausende Betroffene, mehr als 1600 Täter: Was ist von der großen Missbrauchsstudie der katholischen Kirche zu halten? Aufklärer und Opfervertreter geben Antworten.

Katholische Geistliche (Symbolfoto)
AFP

Katholische Geistliche (Symbolfoto)

Von


Am 25. September soll die hochumstrittene und lang erwartete Missbrauchsstudie der katholischen Kirche in Fulda vorgestellt werden. Dem SPIEGEL liegt eine Zusammenfassung der Ergebnisse vor. Demnach wurden mehr als 38.000 Personal- und Handakten aus 27 deutschen Diözesen untersucht und ausgewertet.

Das Resultat: Zwischen 1946 und 2014 sollen 3677 überwiegend männliche Minderjährige Opfer sexueller Übergriffe durch Priester, Diakone und Ordenspriester geworden sein. Die Zahl der Täter wird auf 1670 beziffert.

Die Veröffentlichung des gesamten Berichts steht noch aus, doch schon jetzt zeichnet sich ab: Die darin ausgewiesenen Zahlen können allenfalls eine Idee davon geben, wie groß das Ausmaß sexueller Übergriffe in der katholischen Kirche in Deutschland seit 1949 ist. Ein Grund sind die Umstände, unter denen die Studie entstanden ist.

  • Die Autoren hatten laut eigenem Bekunden "keinen Zugriff auf Originalakten der katholischen Kirche". Sämtliche Archive wurden von Diözesan-Personal nach Indizien und Missbrauchsfällen durchforstet, die Ergebnisse später dem Forschungsgremium um Harald Dreßing vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim und Dieter Dölling vom Kriminologischen Institut der Universität Heidelberg übergeben. Dabei handelte es sich um anonymisierte Dokumente, die laut Einschätzung der Kirchenmitarbeiter Missbrauchsfälle dokumentierten.

"Der Täterseite die Datenanalyse zu übertragen, geht gar nicht", sagt der Kriminologe Christian Pfeiffer. "Damit macht sich die Kirche unglaubwürdig". Pfeiffer war 2011 mit der Durchführung der Studie beauftragt, aber später von der Aufgabe entbunden worden, nachdem er sich über mutmaßliche Zensur durch die Kirche und Intransparenz beschwert hatte.

  • Die Verfasser der Studie verhehlen nicht, dass in mindestens zwei Bistümern Akten manipuliert und vernichtet wurden. Von einer vollständigen Erfassung der Unterlagen in allen 27 Diözesen kann also keine Rede sein. Zudem wurden offenbar die Tatzeiträume nicht einheitlich untersucht.

"Einige Bistümer haben sehr gründlich gearbeitet, andere nicht", sagt Matthias Katsch, Mitbegründer des "Eckigen Tischs" zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs. Er hat die Entstehung der Studie als Beirat mitverfolgt. In der Studie heißt es explizit, die Haltung der 27 Diözesen in Deutschland zur Problematik des sexuellen Missbrauchs sei "sehr heterogen".

"Die beteiligten Wissenschaftler haben alles darangesetzt, mit ihren beschränkten Mitteln etwas aus den Daten herauszuholen", sagt Katsch. Aber der Missbrauchsbericht könne unter den gegebenen Umständen nur ein Ausschnitt des Hellfelds sein. "Es ist das absolute Minimum dessen, was man erwarten kann. Man sieht eben immer nur das, wonach man sucht."

  • Sexualstraftaten, die in Ordensgemeinschaften verübt wurden - etwa im Canisius-Kolleg oder dem Benediktinergymnasium Ettal - sind nicht in den Bericht eingeflossen. Dasselbe gilt für Vorfälle in Kinderheimen, die von der Kirche betrieben werden, oder Übergriffe von kirchlichen Seelsorgern in nichtkirchlichen Einrichtungen. Auch die 500 Opfer körperlicher und sexueller Gewalt bei den Regensburger Domspatzen blieben außen vor.
  • Auf Berichte von Sexualstraftaten in deutschen Diözesen, die direkt der Glaubenskongregation in Rom gemeldet wurden, hatten die Wissenschaftler keinen Zugriff.

Die Mängel des Berichts resultieren laut Katsch aus dem extremen Geheimhaltungsbestreben der Bistümer. "Sie wollten gern das Ausmaß der sexuellen Übergriffe kennen, aber keine Schuldzuweisungen." Katsch appelliert an Politik und Gesellschaft, mehr Transparenz einzufordern: "Wir brauchen nicht nur einen direkten Aktenzugang, sondern eine wirklich unabhängige Untersuchung."

"Den ganzen Bericht als Makulatur abzutun, halte ich für ungerecht", sagt der Missbrauchsaufklärer und ehemalige Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin, Klaus Mertes. "Es ist ein richtiger Schritt auf einem Weg, der noch lange nicht zu Ende ist." Es gebe keinen Anlass, an der Seriosität des Forschungskonsortiums zu zweifeln - auch nicht an seiner Unabhängigkeit. Statistiken könnten helfen, die Dimensionen der Verbrechen zu verdeutlichen.

Interessant ist etwa die auffällige Diskrepanz des Täteranteils in verschiedenen Gruppen des Klerus: So betrug der Anteil der Beschuldigten bei den Diözesanpriestern 5,1 Prozent, während es bei den hauptamtlichen Diakonen nur 1,0 Prozent waren. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass der Zölibat Missbrauch zumindest begünstigt, angesichts der Tatsache, dass Diakone verheiratet sein dürfen.

Ansonsten spiegeln die Ergebnisse der Zusammenfassung vieles, was aus Berichten von Überlebenden schmerzlich bekannt ist: So waren der Studie zufolge 51,6 Prozent der Betroffenen beim ersten Missbrauch jünger als 13 Jahre. 83 Prozent der Taten wurden planmäßig begangen, am häufigsten in der Privat- oder Dienstwohnung der Beschuldigten. In mehr als 60 Prozent der dokumentierten Fälle wurde keine Strafanzeige gestellt.

Papst beruft Gipfeltreffen in Rom ein

Rund ein Viertel der eingeleiteten kirchenrechtlichen Verfahren endete ohne Sanktionen. Ein bevorzugtes Mittel waren Versetzungen der Beschuldigten. Schweigen und Vertuschung sind den Autoren der Studie zufolge möglich, weil "ein autoritär-klerikales Amtsverständnis dazu führt, dass ein Priester, der sexualisierte Gewalt ausgeübt hat, eher als Bedrohung des eigenen klerikalen Systems angesehen wird und nicht als Gefahr für weitere Kinder oder Jugendliche."

Nach dem jüngsten Missbrauchsskandal in den USA hat sich Papst Franziskus erneut wortreich für die Verbrechen an Kindern entschuldigt - und für Februar die Leiter der Bischofskonferenzen zu einem Gipfeltreffen nach Rom beordert.

Den Worten müssen laut Pater Mertes Taten folgen. "Es sind die strukturellen Probleme der Kirche, die es zu beheben gilt." Das Dilemma sei offenkundig: "Jeder Missbrauchsbericht, der von der katholischen Kirche selbst kommt oder von ihr initiiert wurde, ist schon allein deswegen unglaubwürdig. Die Struktur der Aufarbeitung ist nicht verdachtsresistent."

Nur die Unabhängigkeit der Aufklärung - einschließlich der Aufklärung des Versagens der Verantwortlichen, wie dies im Pennsylvania-Bericht der Fall gewesen sei - garantiere einen Anspruch auf Glaubwürdigkeit. "Spätesten beim Thema des Institutionsversagens kommt die Kirche nun an die Grenzen der Selbstaufklärung."

Im Video: Missbrauchsskandal (SPIEGEL TV vom 21.03.2010)

SPIEGEL TV
TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.