Antimissbrauchskonferenz im Vatikan "Die Geduld der Gläubigen ist erschöpft"

Im Vatikan wollen Bischöfe aus aller Welt erörtern, wie sie Kindesmissbrauch bekämpfen können. Prominente deutsche Katholiken fordern einen Neuanfang. Drei von ihnen erklären hier ihre Motive.

Petersdom in Rom
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Petersdom in Rom

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Vier Tage lang wird Papst Franziskus in Rom mit den Leitern der Bischofskonferenzen über Missbrauch in der katholischen Kirche sprechen. Mehr als hundert Würdenträger aus aller Welt werden ab diesem Donnerstag Plenarsitzungen und Workshops besuchen, diskutieren, Gespräche mit Missbrauchsopfern führen.

Es werden Bischöfe kommen, in deren Heimatländern Kinderehen legitim sind oder Homosexualität mit dem Tode bestraft wird. Sie stammen aus Regionen, in denen sexueller Kindesmissbrauch anders wahrgenommen wird als etwa in Deutschland. Es wird eine der großen Herausforderungen der Konferenz sein, solchen globalen Unterschieden Rechnung zu tragen und dennoch kirchliche Standards im Umgang mit Missbrauch zu formulieren.

Wieviel Freiheit wird der Papst den nationalen Bischofskonferenzen dabei einräumen? Wird er eine Dezentralisierung, eine Emanzipierung von Rom bei strukturellen Reformen zur Vermeidung von Missbrauch vorantreiben?

In Deutschland ist die Lage nach Veröffentlichung der Missbrauchsstudie im Herbst 2018 angespannt. In den katholischen Gemeinden gärt es. In einem offenen Brief an den Chef der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, haben Theologen und Laien die Dringlichkeit struktureller Reformen angemahnt. Eine Antwort blieb ihnen der Kardinal schuldig.

Auf SPIEGEL ONLINE erklären drei der Unterzeichner, was sich ihrer Meinung nach in der katholischen Kirche ändern muss, damit Missbrauch nachhaltig eingedämmt wird.

Jesuitenpater Klaus Mertes
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Jesuitenpater Klaus Mertes

Jesuitenpater Klaus Mertes machte ab 2010 Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche öffentlich. Er leitet heute das Kolleg Sankt Blasien.

"Die meisten Katholiken, die ich kenne, nehmen die Missbrauchsfrage sehr ernst und haben großartige Arbeit bei der Aufarbeitung und Prävention geleistet. Aber jetzt erlebe ich, dass die Menschen an der Kirchenbasis ermüden. Sie haben den Verantwortlichen Fragen gestellt und keine Antworten bekommen. Wenn diese Ermüdung dann von Teilen des deutschen Klerus in Rom als Mangel an Glauben interpretiert wird, ist das eine ungeheuerliche Diffamierung.

Die MHG-Studie hat eine empirische Basis dafür geliefert, dass es in der Kirche nicht nur Einzeltäter gibt, sondern auch ein Leitungsversagen. Das können die Katholiken an der Basis nicht lösen, das muss die Leitung selbst angehen. Immer mehr Gläubige weigern sich, für die Verantwortlichen in Mithaftung genommen zu werden. Und nicht nur die deutschen Bischöfe haben versagt, es gibt auch ein Leitungsversagen in Rom.

Wir müssen in der Kirche eine unabhängige Verwaltungs- und Disziplinargerichtsbarkeit einführen. Das ist der erste und wichtigste Schritt zu mehr Gewaltenteilung. Die US-Bischofskonferenz hat zum Beispiel angeregt, den Bischöfen die Entscheidung zur Überstellung von Tatverdächtigen an staatliche Strafverfolgungsbehörden abzunehmen und sie unabhängigen Laiengremien zu überlassen. Ich halte das für eine gute Idee.

Verbrecher gehören nach Recht und Gesetz bestraft. Auch Bischöfe, die wissentlich Taten vertuscht und damit Strafvereitlung betrieben haben, sollten sich vor weltlichen Gerichten verantworten müssen. Aber man braucht auch eine innerkirchliche Disziplinargerichtsbarkeit, die zum Beispiel Kleriker suspendiert oder Bischöfe absetzt. Das Schlüsselproblem beim Thema Missbrauch ist Macht, und dem kommt man nur mit Gewaltenteilung bei.

Ich kann nur allen Katholiken raten, auf ihre eigenen Kräfte zu vertrauen, die haben sie nämlich. Das bedeutet auch, dass sie aus dem Abhängigkeitsdenken herauskommen, zu glauben, dass nur die Leute an der Spitze der Hierarchie etwas bewirken können. Das ist auch ein autoritäres Muster.

Es gibt in der Kirche durch alle Schichten hindurch zwei unterschiedliche Deutungsmuster für den Missbrauch: Die einen sagen, es ist ein systemisches Problem. Die anderen meinen, sowohl die schwulen Kleriker als auch der mangelnde Gehorsam gegenüber den kirchlichen Autoritäten seien schuld. Diese unterschiedlichen Ansichten zerreißen derzeit auch den Klerus. Ich finde, da ist eine Stellungnahme gefragt.

Es wäre doch großartig, wenn der Papst in der Beratung mit den Bischöfen sagen würde: 'Schluss mit dem Gerede über die Schwulenlobby, eine solche Interpretation ist unangemessen.' Denn Schwulen-Bashing ist ein Teil des Problems, nicht die Lösung."

Bettina Jarasch (Bündnis 90/Die Grünen)
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Bettina Jarasch (Bündnis 90/Die Grünen)

Bettina Jarasch ist Grünenabgeordnete in Berlin und Mitglied des Zentralkomitees der Katholiken

"Nach Veröffentlichung der Missbrauchsstudie war es in meiner Gemeinde erstmal sehr still. Es gab keinen lauten Aufschrei, im Grunde ahnten wir ja seit 2010 was alles passiert sein musste.

In Gesprächen wurde dann sehr schnell klar, dass es wenig Sinn hat, auf eine adäquate Reaktion der Bischöfe zu warten. Wir Laien müssen jetzt aktiv werden. Es geht schließlich auch um unsere Kirche. Und wenn wir nicht die Welt verändern können, dann vielleicht unseren pastoralen Raum. Warum nicht ein gleichberechtigtes Leitungsteam aus Klerikern und Laien bilden? Aus Frauen und Männern?

Viele von uns spüren, dass wir eine Zeitenwende erleben. Andere haben Angst vor Veränderungen, sie verstehen Kirche als spirituellen, nicht als politischen Raum. Aber schon lange beobachte ich, dass viele Katholiken nicht wegen, sondern trotz ihrer Kirche glauben.

Vieles was aus Rom kommt, hat mit der eigenen Lebenswirklichkeit nichts zu tun, der Klerikalismus in der Kirche ist ein Riesenproblem. Wir haben es mit Männerbünden zu tun, die aufgrund ihrer geistlichen Autorität keine Rechenschaft über ihr Tun ablegen müssen, weder vor Gerichten noch vor anderen Menschen. Und die sollen jetzt freiwillig ihre Macht einschränken?

Wenn man den Klerikalismus bekämpfen will, muss man grundsätzlich andere Strukturen in der Kirche einziehen. Aber selbst dort, wo man ohne den Vatikan etwas verändern könnte, hakt es: Die katholische Kirche in Deutschland durchlebt derzeit große Fusionsprozesse, es werden Großpfarreien gebildet. Warum setzt man nicht Frauen als Geschäftsführerinnen mit Personalverantwortung ein? Dann wäre die Struktur schon mal aufgebrochen, ohne dass Frauen Priesterinnen sein müssten. Aber selbst dies scheint nicht gewollt.

Frauen würden dem System Kirche guttun - weil sie es aufmischen, aber auch, weil sie es vielfältiger und gerechter machen würden. Ich kenne Theologinnen, die hervorragende Priesterinnen wären. Es ist eine dauerhafte Kränkung, dass sie es nicht sein dürfen. Ich wünsche mir eine synodale Kirche, mit Kommissionen und Beiräten, in denen Bischöfe, Priester und Laien zusammenkommen und verbindliche Abmachungen treffen.

Ich frage mich, ob den deutschen Bischöfen klar ist, dass es hierzulande so nicht weiter geht. Die Geduld der Leute ist erschöpft. Die katholische Kirche verliert ihre Existenzgrundlage - die Menschen, die sie tragen."

Ansgar Wucherpfennig, Rektor der katholischen Hochschule Sankt Georgen
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Ansgar Wucherpfennig, Rektor der katholischen Hochschule Sankt Georgen

Ansgar Wucherpfennig ist Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen

"Das Vertrauen in die Kirche ist im Innern wie im Außen so erschüttert, dass wir um Reformen gar nicht mehr herumkommen. Eine globale, die ganze katholische Kirche umfassende Lösung wird in vier Tagen Beratungen wohl kaum zu erreichen sein. Die Welt lässt sich nicht über einen Kamm scheren, deshalb brauchen wir kulturell und an Sprachräume gebundene Lösungen. Es liegt am Papst, diese Möglichkeit freizugeben.

Ich vertraue darauf, dass Franziskus eine heilsame Dezentralisierung in Gang setzt, dass er den nationalen Bischofskonferenzen Vollmachten gibt, die es ihnen ermöglichen, eigenständig gegen Missbrauch vorzugehen. Allerdings darf man dafür aus Rom keine fertige Kopiervorlage erwarten.

Was ich von Franziskus mitbekommen habe, ist: Er gibt Freiraum und zieht gegen selbständiges Engagement nicht seine Autoritätskarte. Diese Vielfalt entspricht auch dem Bild der Kirche im Neuen Testament. Darin liegt die große Chance in der Krise, die wir derzeit haben.

Ich vertraue sehr auf die Bischöfe, aber auch viele katholische Laien und Theologen, die bereit sind, die Reformanliegen zu unterstützen. Die Reaktionen auf unseren offenen Brief haben gezeigt: Da ist nicht nur Frust, sondern viel Willen, Kirche eine verantwortungsbewusste Gestalt zu geben. Die Gläubigen nehmen jetzt ein Gelegenheitsfenster wahr. Wir brauchen transparente Verfahren, die Missbrauch und Vertuschung aufdecken, bekämpfen und ahnden."

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