Katholische Kirche: Rechtsextremisten feiern Holocaust-Leugner Williamson

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Die einen frohlocken, andere sind entsetzt: Ausgerechnet der deutsche Papst Benedikt XVI. hat den Erzbischof und Holocaust-Leugner Richard Williamson wieder in die katholische Kirche aufgenommen. Von Rechtsextremen wird dieser Schritt gefeiert - der Zentralrat der Juden in Deutschland ist empört.

Hamburg - In den Gotteshäusern und Kapellen der "Bruderschaft Pius X" wurde seit dem Wochenende der Weihrauchnapf bei den heiligen Messen noch eifriger als sonst geschwungen, so groß war die Freude über die Aufhebung der Exkommunikation ihres Gründervaters, Erzbischof Marcel Lefebvre und der von ihm geweihten Bischöfe, darunter Erzbischof Richard Williamson. Kleiner Schönheitsfehler dabei: auf rechtsextremistischen Webseiten wird Williamson wie ein Held gefeiert - wegen der Leugnung des Holocaust.

Bischof Richard Williamson: 1.703.000 Rosenkränze wurden gebetet
DPA

Bischof Richard Williamson: 1.703.000 Rosenkränze wurden gebetet

"Ein Weihbischof sagt, was er denkt", freut sich ein Autor im Blog "Deutsche Wehrmacht". Die Webseite dokumentiert den Wortlaut des Interviews, das der leitende Bischof der Piusbruderschaft, Richard Williamson, einem schwedischen Fernsehteam gab - samt Video. "Von dem Inhalt des Videos muss man sich distanzieren", heißt es allerdings warnend, "wenn man Unannehmlichkeiten jeglicher Art vermeiden möchte!"

Doch sei's drum: "Die Gedanken sind frei."

Auch im "Störtebeker-Netz" wird die Piusbruderschaft gefeiert. Unter der Schlagzeile "Unser Wort zum Sonntag - Bischof Richard Williamsons Botschaft an die Deutschen" wird der Holocaust-Leugner von der "Schriftleitung" der Webseite geehrt, weil er zeige, "wie man sich als wirklicher Christ in der heutigen Zeit gegenüber allgemeinem materialistischen Verfall und Dekadenz zu positionieren hat, indem man an den ursprünglichen Werten des Glaubens festhält".

"Noch viele andere Vorträge von Bischof Williamson"

Ein Kommentator freut sich: "Es gibt noch viele andere interessante Vorträge und Predigten von Bischof Williamson, sowie insgesamt von der Piusbruderschaft, welche unserem Volk in unserem Befreiungskampf helfen könnten." Ein anderer jubiliert: "Exzellenz Williamson: nach David Irving ein weiterer Brite, der uns Deutschen ein großes Wiedergutmachungs-geschenk macht."

Der Schulterschluss zwischen dem deutschen Papst und dem rechten Rand seiner Kirche droht zu einem der größten Fehler seiner Amtszeit zu werden.

Warum Benedikt XVI. ausgerechnet nach dem Bekanntwerden der Holocaust-Leugnung die Exkommunikation von Williamson und anderen Piusbrüdern zurücknahm, darauf hat zumindest der gut mitzählende Chef der Bruderschaft, Bernard Fellay eine Antwort: "1.703.000 Rosenkränze wurden gebetet, um durch die Fürsprache Unserer Lieben Frau das Ende dieser Schmach zu erreichen", sagte er SPIEGEL ONLINE.

Der Chef der deutschen Piusbrüder, Pater Franz Schmidberger, bemüht sich indes - aufgeschreckt durch den Artikel über Williamson im SPIEGEL der vergangenen Woche - um Schadensbegrenzung. Er ließ verlauten: "Es ist klar, dass für Äußerungen, wie sie Bischof Williamson angeblich gemacht hat, nur der Urheber selbst verantwortlich ist und diese nicht die Haltung der Priesterbruderschaft St. Pius X. widerspiegeln."

Williamson selbst hat sich noch nicht weiter geäußert, er soll sich derzeit in Argentinien aufhalten. Bei einer Einreise nach Deutschland würde sich seiner sehr schnell die Regensburger Staatsanwaltschaft annehmen.

"Des Gottesmordes mitschuldig"

Schmidbergers Argumentation, warum die Piusbruderschaft unabhängig von ihrem leitenden Bischof Williamson nicht antisemitisch ist, vermag aber nicht so recht zu überzeugen, denn er verweist in seiner Stellungnahme lediglich auf folgendes: "Unser Herr Jesus Christus ist seiner menschlichen Natur nach Jude, seine hochheilige Mutter ist Jüdin, alle Apostel sind Juden. Schon deshalb kann kein aufrechter Christ Antisemit sein."

Das sieht der Zentralrat der deutschen Juden ganz anders. Er hatte schon vor Weihnachten auf eine grundsätzlich antisemitische Passage in einem Brief von Schmidberger und seiner Bruderschaft hingewiesen. Der Brief war an alle Bischöfe der 27 katholischen Bistümer in Deutschland verschickt worden - und keiner der römisch-katholischen Geistlichen hatte von sich aus dagegen protestiert.

Darin schreibt Schmidberger: "Wir sehen mit Trauer Papst Johannes Paul II. und nun auch Papst Bendedikt XVI. in eine jüdische Synagoge gehen." Und an anderer Stelle heißt es: "Die Juden unserer Tage" seien "nicht nur nicht unsere älteren Brüder im Glauben, wie der Papst bei seinem Synagogenbesuch in Rom 1986 behauptete; sie sind vielmehr des Gottesmordes mitschuldig, so lange sie sich nicht durch das Bekenntnis der Gottheit Christi und die Taufe von der Schuld ihrer Vorväter distanzieren."

Nun meint Schmidberger: "Die Aussage, die heutigen Juden trügen die Schuld ihrer Väter", solle nur "auf jene Juden eingeschränkt werden, welche die Tötung Jesu Christi gutheißen."

"Antisemitismus pur"

Kann das den Zentralrat der Juden in Deutschland zufrieden stellen? Deren Vizepräsident, Dieter Graumann, heute zu SPIEGEL ONLINE: "Es ist nicht nur eine Passage. Der ganze Brief atmet doch den Geist des Antisemitismus pur."

Keiner der deutschen Bischöfe habe mit ihm den Dialog angesichts der Vorkommnisse gesucht. Bisher hatten ein Aachener und ein Hamburger Bischof lediglich darauf verwiesen, dass die katholische Kirche mit der Piusbruderschaft ja nichts zu tun habe, denn deren Bischöfe seien exkommuniziert.

So leicht können es sich die deutschen Geistlichen nun, nach der Rehabilitierung aus Rom, nicht mehr machen. Vizepräsident Graumann hatte eine stärkere Distanzierung der katholischen Kirche von ihrer rechten Randgruppe gefordert. Stattdessen gab es nun eine Aufwertung durch den deutschen Papst.

Bemühungen zur Deeskalation unternahm heute die Deutsche Bischofskonferenz. Der Vorsitzende von deren Unterkommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum, Bischof Dr. Heinrich Mussinghoff, ließ mitteilen, die Strafe der Exkommunikation gegen die vier Bischöfe sei zwar aufgehoben: "Dessen ungeachtet sind sie weiterhin suspendiert, also rechtlich an der Ausübung des Weiheamtes gehindert."

Der "ausdrücklichen Leugnung des Holocaust" durch Erzbischof Williamson, die bereits Gegenstand staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen in Deutschland sei, "widersprechen wir auf das Schärfste".

Zentralrat-Vize Graumann ist empörter als je zuvor: "Der Vatikan importiert doch mit der Rehabilitierung der Piusbrüder den ganzen alten, längst überwunden geglaubten Antisemitismus wieder in die Kirche hinein. Diese Gefahr ist unübersehbar. Wenn die Neonazis über die Piusbrüder jubilieren, dann muss sich die katholische Kirche doch fragen, ob sie nicht was falsch gemacht hat."

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