Missbrauch in Katholischer Kirche Italiens "Spuck nicht in den Teller, von dem du isst"

Italien tut sich schwer mit der Aufklärung kirchlicher Missbrauchstaten. Aktivisten berichten von Absprachen zwischen Kirche und Staat, das erratische Verhalten des Papstes verschlimmert die Lage.

Petersdom in Rom
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Manchmal gibt es ihn, den Moment der Genugtuung. Für Alessandro Battaglia kam er am Donnerstag, als Mauro Galli von einem Mailänder Gericht zu sechs Jahren und vier Monaten Haft verurteilt wurde. Der ehemalige Vikar aus der Stadt Rozzano wurde schuldig gesprochen, Alessandro im Jahr 2011 sexuell missbraucht zu haben.

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Heft 39/2018
Der Papst und die katholische Kirche in ihrer größten Krise

"Heute ist ein guter Tag", sagt der 23-Jährige. "Das ist ein für Italien ungewöhnlich hohes Strafmaß." Zwar hat die Verteidigung angekündigt, in Berufung gehen zu wollen. Doch das kann Battaglias Freude nicht trüben.

Positive Gefühle waren in den vergangenen sieben Jahren für Alessandro Battaglia eher die Ausnahme. Nach der Vergewaltigung sei er zunächst wie versteinert gewesen. Mit knappen Worten informierte er seine Mutter, dass etwas Schlimmes passiert sei in jener Dezembernacht 2011, "alles, was du dir vorstellen kannst". Dann schwieg er, drei Jahre lang.

Alessandro Battaglia
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Die Mutter vertraute sich einem Priester der Gemeinde an, in der Kirche suchte man - offenbar nervös geworden - nach einer diskreten Lösung.

Mauro Galli wurde versetzt, in eine Gemeinde 20 Kilometer von Mailand entfernt. 2012 erfuhr die Familie, dass der Geistliche noch immer mit Minderjährigen arbeitete. Die Eltern beschwerten sich bei der Kirchenleitung, schrieben Briefe an Papst Benedikt, später an seinen Nachfolger Franziskus. Kardinal Angelo Scola suspendierte Don Mauro, stellte ein kirchliches Verfahren in Aussicht und entschuldigte sich bei der Familie. Die erstattete 2014 Anzeige.

"Plötzlich hatte ich gar nichts mehr"

Der Missbrauch brachte Battaglias Welt zum Einstürzen. "Ich war mehrere Male in der Psychiatrie, habe fünfmal versucht mich umzubringen", sagt er. "Aber ich bin noch hier."

Nachbarn und Freunde aus dem kirchlichen Jugendzentrum wichen ihm auf der Straße aus, sein bester Kumpel sagte im Prozess aus, an den Vorwürfen gegen den Priester sei nichts dran. Seine Freundin verließ ihn - genau wie Gott, sein Glauben, sein Urvertrauen.

"Die Kirche war mein Leben", sagt Battaglia. "Plötzlich hatte ich gar nichts mehr." Seine Familie war tief religiös, er verbrachte viel Zeit bei den christlichen Pfadfindern, im Kirchenchor, in der Gemeinde, wo er Kinder betreute. "Und jeden zweiten Tag habe ich bei Don Mauro gebeichtet."

Nach einer solchen Beichte bat ihn der Vikar kurz vor Weihnachten 2011 in sein Schlafzimmer. "Da stand ein großes Ehebett. Ich fühlte mich anfangs sogar privilegiert, dass mir die Ehre zuteilwurde, bei ihm übernachten zu dürfen. Es wirkte, als wäre das alles völlig normal für ihn. Am Morgen danach hat er mich im Auto zur Schule gebracht."

"Ein schmerzlicher Weg"

Der Priester räumte vor Gericht ein, mit dem damals 15-Jährigen in einem Bett geschlafen zu haben. Den Missbrauch stritt er ab. Trotzdem ließ er der Familie außergerichtlich eine Entschädigungssumme von 150.000 Euro zukommen - für die Staatsanwaltschaft ein "offensichtlicher Widerspruch".

Auch das Erzbistum Mailand steht in der Kritik: Im Prozess wurden Gesprächsprotokolle verwertet, in denen Erzbischof Mario Delpini - zum Tatzeitpunkt noch als Weihbischof für Rozzano zuständig - anregt, den sündigen Don Mauro in eine andere Pfarrei zu versetzen. Vertuschung und Mitwisserei auf höchster Ebene, so der Verdacht.

"Es war ein schmerzlicher Weg, ein ewiges Drama - aber heute ist die Glaubwürdigkeit meines Sohnes wiederhergestellt worden", sagte die Mutter nach dem Urteil. Es war belastend für Alessandro Battaglia, dass seine Eltern weiter zur Kirche gingen, ihn aufforderten, mit zum Gottesdienst zu kommen und sogar die Beichte abzulegen. Es dauerte lange, bis er sich dagegen auflehnen konnte. Erst vor wenigen Monaten kam der Wendepunkt. "Ich hatte keine Lust mehr so zu leben. Ich bin sehr wütend geworden, das war mein Weg vom Opfer zum Überlebenden."

Francesco Zanardi vom Netzwerk Rete Abuso
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Francesco Zanardi vom Netzwerk Rete Abuso

Geholfen hat ihm Francesco Zanardi, ein Leidensgenosse, der 2010 mit anderen Aktivisten das Netzwerk "Rete Abuso" gründete. "Die Nähe der Institution Kirche zur italienischen Politik und Wirtschaft ist schädlich für jede Form der Aufklärung", sagt Zanardi.

Von den 15 Ländern, die sich zum internationalen Antimissbrauchs-Netzwerk ECA (Ending Clergy Abuse) zusammengeschlossen haben, stünde Italien in Sachen Aufarbeitung am schlechtesten da. Es fehle an allem: statistischen Erhebungen, Untersuchungskommissionen, Missbrauchsbeauftragten und einer nationalen Präventionspolitik.

Die Regierung halte sich aus der Debatte heraus. "Ich habe vier Jahre gebraucht, um einen Politiker zu finden, der eine parlamentarische Anfrage zum Kindesmissbrauch in der Kirche stellt", sagt Zanardi. Im November 2017 brachte der Abgeordnete Matteo Mantero von der Fünf-Sterne-Bewegung die Anfrage ein und forderte unter anderem einen Entschädigungsfonds für Missbrauchsopfer. Geschehen ist - nichts.

Zanardi erhebt schwere Vorwürfe gegen italienische Richter und Staatsanwälte, deren Umgang mit kirchlichen Institutionen zu lasch sei. Es gebe Fälle, in denen auf Arrest verzichtet würde, weil die Kirche behaupte, die tatverdächtigen Geistlichen befänden sich bereits in einer überwachten kirchlichen Einrichtung, wo sie beten und Buße tun würden.

Zudem komme die italienische Presse ihrem Aufklärungsauftrag nicht nach. Es fehle an investigativen Berichten, an einem großen Aufschlag des Typs "Spotlight" des "Boston Globe". "Wir brauchen die Aufmerksamkeit, damit die Eltern aufhören, ihre Kinder den kirchlichen Einrichtungen anzuvertrauen."

Papst Franziskus
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Papst Franziskus

Der Umgang des Papstes mit dem Thema Missbrauch ist erratisch. Nach den jüngsten Missbrauchsberichten aus den USA und Deutschland hat er für Februar die Chefs der Bischofskonferenzen zum Krisengipfel nach Rom geladen. Dass dort nachhaltige strukturelle Änderungen beschlossen werden, scheint unwahrscheinlich.

Zu schlecht ist die bisherige Bilanz: Die päpstliche Kommission zum Schutz von Minderjährigen kommt nur selten zusammen und machte vor allem mit den skandalösen Austritten zweier Mitglieder von sich reden, die selbst missbraucht wurden und mehr Transparenz gefordert hatten. Ein geplantes Sondergericht, das Geistliche im Fall von Vertuschung zur Rechenschaft ziehen sollte, wurde nie eingesetzt.

Franziskus hat Bischöfe und Kardinäle protegiert, die unter Verdacht stehen, sexuellen Missbrauch vertuscht oder gar selbst begangen zu haben. In seinen Predigten entschuldigt sich der Papst wortreich bei den Opfern und mahnt Besserung an. Doch bei konkreten Missbrauchsvorwürfen zögert er häufig und handelt erst, wenn der öffentliche Druck zu groß wird. Machtkämpfe konservativer Hardliner in der Kirche machen das Thema nur noch komplizierter:

Im Fall Battaglia erklärte die Erzdiözese Milano nach dem Urteil gegen Don Mauro, man sei nun gespannt auf den Ausgang des kirchlichen Verfahrens. Die Kirche stehe der Familie zur Seite, die doch "zu Unrecht gelitten habe".

Der neue Pfarrer in Battaglias Gemeinde sieht die Sache wohl anders: Er erklärte mit Seitenhieb auf die Familie und den Gesichtsverlust der Kirche: "Spuck nicht in den Teller, von dem du isst."

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