Missbrauch in der Katholischen Kirche Kardinal Marx bittet um Entschuldigung für Vertuschung

"Allzu lange ist in der Kirche Missbrauch geleugnet, weggeschaut und vertuscht worden": Mit deutlichen Worten hat Kardinal Marx in Fulda die Missbrauchsstudie der deutschen Bischöfe vorgestellt.

Kardinal Reinhard Marx
REUTERS

Kardinal Reinhard Marx


Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Marx, hat die Opfer des massenhaften sexuellen Missbrauchs unter dem Dach der Kirche um Entschuldigung gebeten. "Allzu lange ist in der Kirche Missbrauch geleugnet, weggeschaut und vertuscht worden. Für dieses Versagen und für allen Schmerz bitte ich um Entschuldigung", sagte Marx in Fulda.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 39/2018
Der Papst und die katholische Kirche in ihrer größten Krise

Dort wurde eine Studie vorgestellt, die den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch katholische Kleriker in den vergangenen Jahrzehnten umfangreich dokumentiert.

"Ich schäme mich für das Vertrauen, das zerstört wurde; für die Verbrechen, die Menschen durch Amtspersonen der Kirche angetan wurden; und ich empfinde Scham für das Wegschauen von vielen, die nicht wahrhaben wollten, was geschehen ist und die sich nicht um die Opfer gesorgt haben", sagte Marx. Das gelte auch für ihn selbst. "Wir haben den Opfern nicht zugehört. All das darf nicht folgenlos bleiben." Die Betroffenen hätten Anspruch auf Gerechtigkeit. "Viele Menschen glauben uns nicht mehr. Und ich habe dafür Verständnis", sagte Marx.

"Spitze eines Eisbergs, dessen tatsächliche Größe wir nicht kennen"

Die Studie ergab unter anderem, dass zwischen 1946 und 2014 mindestens 1670 katholische Kleriker 3677 Minderjährige missbraucht haben sollen. Marx erklärte dazu: "Die Auseinandersetzung mit den Ereignissen und den Konsequenzen ist damit nicht abgeschlossen, sondern beginnt jetzt."

Die Studie beleuchtet das Phänomen ausführlich, aber keinesfalls umfassend. Die Forscher hatten keinen Zugriff zu Originalakten und fanden Hinweise auf Aktenmanipulation und -vernichtung.

Der Studienleiter Harald Dreßing zeigte sich bestürzt über die Ergebnisse. Er habe an sich als forensischer Psychiater eine professionelle Distanz, sagte der Mannheimer Professor. Aber sowohl das Ausmaß als auch der Umgang der Kirchenverantwortlichen mit den Taten hätten ihn erschüttert.

Dreßing sagte, die genaue Zahl der Täter werde sich nicht ermitteln lassen. Die Zahl von 1670 Klerikern sei nur die aus den vorliegenden Akten ermittelbare "untere Schätzgröße" für eine Zahl der Täter. "Wir müssen viel mehr von einem deutlich größeren Dunkelfeld ausgehen." Es gehe hier um die "Spitze eines Eisbergs, dessen tatsächliche Größe wir nicht kennen".

Dem Bericht zufolge waren die Opfer meist männlich, oft unter 13 Jahren. Viele von ihnen seien wiederholt und über einen langen Zeitraum missbraucht worden.

Dreßing sagte, in der Kirche gebe es weiterhin spezifische Strukturen, die den sexuellen Missbrauch begünstigten. Es gehe um einen "Missbrauch der Macht". Es gehe aber auch um den Umgang mit Themenfeldern wie Sexualität und Homosexualität, dem Zölibat und der Beichte.

Kirchliche Missbrauchsstudie: Die Tätertypen
Fixierter Typus
Der fixierte Tätertyp wird früher straffällig, ist häufiger Mehrfachtäter und eher pädophil veranlagt - seine Opfer sind im Durchschnitt 10,6 Jahre alt. Für ihn ist die katholische Kirche attraktiv, weil sie Kontaktmöglichkeiten zu Minderjährigen bietet. Die Autoren betonen: Pädophile Präferenzstörungen münden nicht zwangsläufig in Missbrauchshandlungen, sondern können kontrolliert oder kompensiert werden, etwa durch Weiterbildung, Supervision, Gesprächsgruppen oder Psychotherapie.
Narzisstisch-soziopathischer Typus
Vertreter des narzisstisch-soziopathischen Tätertyps sind durchsetzungsstark und dominant. Sie zeigen auch bei schweren Tatbeständen kein Unrechtsbewusstsein. Sie nutzen ihre Amtsautorität bewusst, um Taten anzubahnen oder zu vertuschen. Diese Persönlichkeiten sollten den Autoren der Studie zufolge rechtzeitig identifiziert werden, weil sie nicht für ein kirchliches Amt geeignet seien.
Regressiv-unreifer Typus
Der regressiv-unreife Typus ist eher homosexuell. Er wird relativ spät nach der Priesterweihe straffällig und zeigt psychosoziale Defizite sowie sexuelle Unreife. Angesichts der katholischen Sexualmoral und Homophobie wählt er häufig ein Leben als Priester, da es ihm als Ausweg aus einem Dilemma erscheint: ein Leben unter Männern, aber ohne Sünde. Beschuldigte des regressiven Typus machten am häufigsten die Kirche mitverantwortlich für ihre Tat. Bei diesem Typus ist laut Studie vor allem eine bessere Priesterausbildung gefordert, eine Tabuisierung von Homosexualität sollte vermieden werden.

Wie der Studienmacher sagte, zog die Kirche noch immer nicht die nötigen Konsequenzen aus dem Bekanntwerden des Missbrauchsskandals im Jahre 2010. "Es handelt sich nicht um ein historisches Phänomen, das in der Vergangenheit abgeschlossen wurde." Weitere Prävention und Aufklärung seien dringend notwendig. Wenn die Kirche die Missbrauchsthematik in Zukunft wirklich überwinden wolle, müsse sie sich mit diesen Themen "ernsthaft und mit dem Mut zur Veränderung" befassen.

Opferverband kritisiert Kirche und Studie

Schon vor der Vorstellung hatte Marx die kirchlichen Amtsträger zu einem Neuanfang aufgefordert. "Wir sind erschrocken und tief erschüttert über das, was möglich war im Volk Gottes, durch Priester, die den Auftrag des Evangeliums hatten, Menschen aufzurichten."

Kirchliche Amtsträger müssten nun verstärkt auf "die dunklen Seiten" ihres Lebens und "des Lebens der ganzen Kirche" schauen. "Die Opfer, die Betroffenen haben ein Anrecht auf Recht und Gerechtigkeit. Wir müssen das Gespräch mit den Betroffenen suchen. Bei all dem Dunklen ist es unsere Verpflichtung hinzuschauen, zu verstehen und Konsequenzen zu ziehen."

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 39/2018
Der Papst und die katholische Kirche in ihrer größten Krise

Der Opferverband Eckiger Tisch kritisierte die Studie als viel zu oberflächlich. Die tatsächliche Zahl der von sexuellem Missbrauch betroffenen Menschen bewege sich "in völlig anderen Dimensionen, als es die vorgelegten Zahlen suggerieren", sagte Matthias Katsch, Sprecher des Eckigen Tischs. Er kritisierte außerdem, dass durch die Studie weder die Namen von Tätern benannt noch die verantwortlichen Bischöfe genannt würden - und forderte eine unabhängige Aufarbeitung des Missbrauchsskandals.

Die SPD-Ministerinnen Franziska Giffey und Katarina Barley forderten eine ernsthafte Auseinandersetzung der Kirche mit den Studienergebnissen. "Wir brauchen eine ehrliche und umfassende Aufarbeitung in der katholischen Kirche", sagte Familienministerin Giffey. "Ich erwarte schonungslose Aufklärung und sehe die Studie nur als Ausgangspunkt." Den Betroffenen sei "unermessliches Leid" zugefügt wurde, sagte Justizministerin Barley. "Wie massiv aus dem Inneren der Kirche heraus Vertrauen, Abhängigkeiten und Macht missbraucht wurden, ist unerträglich."

ulz/dpa/AFP



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.