Kneipen-Kampagne gegen AfD "Wir spüren mehr Aggressionen als früher"

Mit dem Slogan "Kein Kölsch für Nazis" protestieren 150 Kneipiers gegen den AfD-Parteitag in Köln. Hier spricht Klubchef Mankel Brinkmann über die Ziele der Kampagne.

Bierdeckel der Kampagne "Kein Kölsch für Nazis"
DPA

Bierdeckel der Kampagne "Kein Kölsch für Nazis"

Ein Interview von


Am 22. und 23. April veranstaltet die AfD in Köln ihren Bundesparteitag. Viele Wirte der Stadt wollen das nicht hinnehmen: Rund 150 Kneipen und Klubs haben sich unter dem Slogan "Kein Kölsch für Nazis" zusammengeschlossen, um ein Zeichen gegen Rassismus und gegen die AfD zu setzen.

Die Aktion hat ein historisches Vorbild in der Stadt: "Kein Kölsch für Nazis" wurde erstmals 2008 ins Leben gerufen, damals protestierten rund 450 Wirte gegen die rechte Bewegung Pro Köln/Pro NRW.

Nun ließen die Organisatoren 200.000 Bierdeckel mit ihrem Slogan anfertigen, sie veranstalten Feiern und Infoabende unter ihrem Motto. Parallel zum AfD-Parteitag soll dann am 22. und 23. April das Festival "Kein Kölsch für Nazis" in mehreren Kölner Klubs stattfinden.

Mankel Brinkmann
Kendra Stenzel

Mankel Brinkmann

"Wir sind eine sehr heterogene Gruppe, von der Eckkneipe bis zum Riesenklub ist alles mit dabei", sagt Mankel Brinkmann, Betreiber des Club Bahnhof Ehrenfeld (CBE), einer Größe im Kölner Nachtleben. Im Interview spricht er über die Kampagne und die Erfahrungen im Kölner Nachtleben seit der Silvesternacht 2015.

SPIEGEL ONLINE: Nehmen wir die Aktion mal wörtlich: Wie oft passiert es, dass sich jemand an die Theke stellt und sagt: Ich bin ein Nazi, und ich hätte gern ein Kölsch?

Brinkmann: Das passiert nie. "Kein Kölsch für Nazis" ist ein plakativer Slogan für mehr Wirkung in der Öffentlichkeit. Bei den meisten unserer Teilnehmer kommen keine Nazis in die Läden, weil wir unsere Türen nicht für diese Menschen öffnen. Es geht darum, dass wir deutlich Stellung beziehen: Uns gefällt das gesellschaftliche Klima gerade nicht, und uns gefällt die AfD nicht, die dieses Klima fördert. Auf den Aufklebern steht ja auch: kein Raum für Rassismus. Die wenigsten Leute würden sich selbst als Nazi bezeichnen. Oft merken Menschen nicht, dass sie etwas Rassistisches sagen. An diesem Punkt kann man mit ihnen ins Gespräch kommen.

SPIEGEL ONLINE: Fällt Köln im Kampf gegen rechts eine besondere Rolle zu?

Brinkmann: Ja, gerade wegen Silvester 2015/2016. Im Nachtleben bekommen wir gesellschaftliche Spannungen oft als Erstes mit. In Köln haben wir die Auswirkungen der Silvesternacht auf verschiedene Gruppe der Gesellschaft bemerkt. Ausländer haben gesagt: Wir haben wegen unseres Aussehens Probleme, in Läden reinzukommen. Auf der anderen Seite sagen Menschen, sie trauten sich nicht mehr wirklich ins Nachtleben. Diese Probleme spüren wir an der Tür - und sie sind der Grund, dass wir klar Stellung beziehen. Dabei ist es wichtig, dass man nicht nur zu denen predigt, die sowieso links sind. Es machen auch Kneipen mit, die ein ganz anderes Publikum haben. So kann man einen Anstoß liefern.

SPIEGEL ONLINE: Gerade von Nachtklubs hört man heutzutage seltener, dass Nazis sich prügeln, sondern eher, dass Männer mit Migrationshintergrund Ärger machen. Wird auch das thematisiert?

Brinkmann: Da muss ich entschieden widersprechen, ich nehme das anders wahr. Probleme können von allen gesellschaftlichen Gruppen ausgehen. Früher hatten wir eine Politik der offenen Tür: Jeder durfte rein, es sei denn, er sah aus wie ein Rocker oder eben ein Nazi. Wir haben aber irgendwann gemerkt: So eine Politik ist im momentanen gesellschaftlichen Klima nicht mehr zu halten. Wir spüren an der Tür mehr Aggressionen als früher, unabhängig von der Herkunft der Menschen. Wir mussten uns etwas überlegen, bevor die Probleme überhandnahmen. Aber beim Aussortieren an der Tür schlagen sich Vorurteile nieder. Wenn in Medien jeden Tag vom "Nafri" geschrieben wird, setzt sich das fest, auch bei Mitarbeitern.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie vorgegangen?

Brinkmann: Wir haben uns einen Verein für Opfer von Diskriminierung ins Boot geholt und gefragt: Wie ist Türpolitik ohne Diskriminierung möglich? Jetzt bilden wir unsere Leute aus. Sie müssen sich in jedem einzelnen Fall genau fragen: Warum lasse ich jemanden nicht rein? Wegen Bildern in meinem Kopf, oder weil es tatsächlich gerade Anzeichen gibt, dass er eine Gefahr für den Betrieb werden könnte? Wir wollen offen mit den Problemen umgehen, auch mit Sexismus. Es hängen überall Plakate, und das Personal ist angewiesen: Bei Übergriffen auf Frauen werden Gäste direkt des Ladens verwiesen - und ihnen wird genau gesagt, warum.

Aufkleber der Kampagne
Kendra Stenzel

Aufkleber der Kampagne

SPIEGEL ONLINE: "Kein Kölsch für Nazis" ist sehr präsent. Gibt es Gäste, die sagen: Ich will nur feiern, was soll der politische Quatsch?

Brinkmann: In den sozialen Netzwerken gibt es immer auch ein paar, die schimpfen, aber die meisten Gäste finden es gut, was wir machen. Wir halten ja keine Vorlesung. Jeder kann selbst entscheiden, ob er eine Diskussion eingehen möchte. Nur wenige Menschen laufen herum und sagen: Ich bin Nazi und stolz darauf. Es geht um die Menschen, die irgendwo dazwischen sind; die Ressentiments haben und gewisse Ängste. Mit denen muss man ins Gespräch kommen.

SPIEGEL ONLINE: Und wie soll das gelingen?

Brinkmann: Dadurch, dass Kneipen und Bars mitmachen, die nicht aus Tradition links sind, entstehen dort vielleicht Gespräche am Tresen oder mit dem Wirt. Der Austausch findet aber weniger bei uns in den Läden statt, sondern eher draußen - nachdem ein Bewusstsein für das Thema geschaffen wurde.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Ambitionen, die Aktion über den AfD-Parteitag hinaus zu verlängern?

Brinkmann: Wir sind keine professionelle Organisation, wir treffen uns nur alle zwei Wochen. Aber allen von uns ist klar, dass Rassismus keine Eintagsfliege ist. Das große Problem ist nicht das Wählerpotenzial der AfD; das große Problem ist, dass die AfD Gräben aufgerissen hat - auch vor Menschen, die seit Jahren gut integriert sind und sich nun nicht mehr integriert fühlen. Bis diese Gräben geschlossen sind, wird es Jahre dauern.



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