Fotoreportage aus Indien Weil sie Mädchen sind

In der Gesellschaft der Khasi gelten Mädchen mehr als Jungs. Die jüngste Tochter erbt, die Kinder tragen den Namen der Mutter. Die Berliner Fotografin Karolin Klüppel hat den Alltag im Matriarchat festgehalten.

Khasi-Mädchen: Leben in einer matrilinearen Gesellschaft
Karolin Klüppel

Khasi-Mädchen: Leben in einer matrilinearen Gesellschaft

Von Roli Srivastava


Weit im Nordosten Indiens, noch östlich von Bangladesch, in dem malerischen Bundesstaat Meghalaya, lebt der Volksstamm der Khasi - im Matriarchat. Kinder nehmen den Nachnamen der Mutter an, die jüngste Tochter erbt den Familienbesitz und die Männer ziehen nach der Hochzeit zu den Frauen.

Die Berliner Fotografin Karolin Klüppel hat den Alltag von Khasi-Mädchen in dem kleinen Dorf Mawlynnong festgehalten: Ein Mädchen kämmt sein Haar, ein anderes lässt Käfer über sein Gesicht krabbeln, ein drittes balanciert eine Vase auf dem Kopf. Insgesamt neun Monate verbrachte Klüppel in dem 500-Einwohner-Dorf. Ihre Bilder werfen ein Schlaglicht auf eine Gesellschaft, in der Mädchen einzigartige Rechte genießen und den Jungen vorgezogen werden.

"Mädchenland" heißt die Bilderserie, die unter anderem bereits in Berlin, Köln, Neu-Delhi, Kopenhagen und Paris ausgestellt wurde. Die Aufnahmen haben jedoch nichts Spielerisches. Sie strahlen eher die Vorahnung aus, dass die Mädchen einmal viel Verantwortung tragen müssen - und es teilweise schon heute tun. "Sie wirken ernst und erwachsen, ungerührt und unbetroffen", wie es in einem englischen Text auf Klüppels Website heißt.

Khasi in Indien: Im "Mädchenland"

Ibapyntgen lässt Käfer über ihr Gesicht krabbeln. Fotografin Klüppel wohnte in ihrer Zeit in Mawlynnong bei zwei Khasi-Familien.

Die Mädchen hatten laut Klüppel "unheimlich viel Spaß" daran, fotografiert zu werden.

Die Khasi leben in einer matrilinearen Gesellschaft, in der die jüngste Tochter den Familienbesitz erbt. Eigentlich wollte Klüppel nur ein paar Tage bleiben. Daraus wurden dann insgesamt neun Monate.

Anisha nimmt ein Bad. Die Mädchen sollten im Kontext ihres täglichen Lebens abgebildet werden.

Obwohl der Kinderalltag im Mittelpunkt steht, wirken die Bilder nicht spielerisch. Sie strahlen eher die Vorahnung aus, dass die Mädchen einmal viel Verantwortung tragen müssen - oder sie schon heute tragen, wie Klüppel sagt. Auch aufgrund der einfachen Lebensumstände helfen die Mädchen viel im Haushalt, passen auf Geschwister auf und waschen ihre eigene Wäsche.

Etwa 500 Menschen leben in dem Dorf Mawlynnong. Hier ist Ibapyntgen in der Hütte ihrer Familie zu sehen.

Um für den Winter vorzusorgen, trocknen viele Khasi Fisch auf kleinen Bambusstöcken. Dieses Mädchen trägt eine zeremonielle Kette.

Yasmin balanciert eine Vase auf dem Kopf. Kein Haus in Mawlynnong hat fließendes Wasser, aber es gibt viele Brunnen im Dorf. Dieses Bild zählt zu Klüppels Lieblingsmotiven.

Die Kinder lieben es, im Fluss zu schwimmen und zu fischen. Manche Fotos entstanden aus der Situation heraus, manche waren laut Klüppel sogar Ideen der Mädchen. Sie seien manchmal zu ihr gekommen, erzählt die Fotografin, und hätten Vorschläge für neue Fotos gemacht.

Manchmal bleiben die Brunnen trocken. Dann waschen sich die Dorfbewohner im Fluss, die Seife färbt das Wasser milchig.

Yasmin in ihrem Zimmer. "Die Mädchen entwickeln ganz früh eine eigene Persönlichkeit", sagt Klüppel.

Im nächstgelegenen Ort verkaufen Schlachter alle möglichen Teile vom Rind – die Hufe eignen sich auch zum Posieren.

Leben in einfachen Verhältnissen: Geschirr in einer Hütte in Mawlynnong.

Dieses Foto entstand bereits 2013. Die Khasi-Frauen werden als mächtig beschrieben. Aber politisch haben sie wenig Einfluss, sie können beispielsweise wichtige Posten in der Dorfverwaltung nicht übernehmen.

Deng in der Küche. Bei den Khasi werde Frauen für indische Verhältnisse sehr viel Respekt entgegengebracht, sagt Klüppel. In Shillong, der Hauptstadt Meghalayas, habe sie sich als Alleinreisende zum ersten Mal richtig sicher gefühlt.

Die Khasi machen gemeinsam mit den Garo- und Jaintia-Stämmen einen großen Teil der Bevölkerung Meghalayas aus - eines Bundesstaates, der für seine Artenvielfalt und seine dichten Wälder bekannt ist. Bäche, Hügel oder die einfachen Hütten, in denen die Mädchen leben, bilden die Kulisse zu Klüppels Fotos.

Soziale Probleme der Khasi lässt Klüppel in ihrem Projekt bewusst außen vor. Sie will nicht analysieren, sondern liefert mit ihren Porträts Nahaufnahmen der Mädchen im Kontext ihres täglichen Lebens.

Das Image der mächtigen Frau, das den Khasi anhaftet, passt häufig nicht zu ihrem Alltag und ihren Erfahrungen. Viele kämpfen mit Armut und oftmals der falschen Annahme, dass sie mehr Rechte haben und deshalb keine Unterstützung brauchten. "Es gibt viele arme frauengeführte Haushalte, weil Männer die Frauen verlassen können, ohne Unterhalt zahlen zu müssen", sagt Patricia Mukhim, Sozialaktivistin und Redakteurin der "Shillong Times".

Außerdem haben Khasi-Frauen noch immer geringen Einfluss auf gesellschaftliche und politische Entscheidungen: Sie dürfen nicht die Rolle des Dorfführers übernehmen und sind von den traditionellen Ortsräten der Khasi ausgeschlossen.

Khasi-Männer streben Veränderungen an, vor allem in Erbangelegenheiten, in denen der Familienbesitz an die jüngste Tochter geht. Die anderen Kinder - Jungen und Mädchen - blieben ökonomisch zurück, sagt Michael Syiem von der Gruppe Mait Shaprang. Die Organisation bemüht sich um eine verpflichtende Registrierung von Ehen, um Männer stärker für ihre Familien verantwortlich zu machen und sicherzustellen, dass Frauen im Falle einer Scheidung Alimente bekommen.

Zur Autorin
    Roli Srivastava arbeitet für die "The Times of India", die größte englischsprachige Tageszeitung in Indien. Srivastava hospitiert für sechs Wochen bei SPIEGEL ONLINE im Rahmen eines Journalisten-Austauschprogramms der Robert-Bosch-Stiftung in Kooperation mit dem International Media Center Hamburg.

Übersetzung: Hendrik Ternieden

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