Stadtentwicklungsprojekt in Kiel Bauland in Idealistenhand

Erst kommen die Kreativen, die ein Quartier attraktiv machen - dann die Investoren, die es zu Tode entwickeln. Oder? In Kiel hat ein Projekt gute Chancen, in Hand von Künstlern und Start-ups zu bleiben.

Dmitrij Leltschuk/ DER SPIEGEL

Aus Kiel berichtet


Im März 2013 radelte Daniel Müller gleich zweimal zur Muthesius Kunsthochschule in Kiel. Erst sprach er vor, um Asyl für ein Volk Bienen zu erbitten - auf dem Dach des Neubaus. Euphorisiert von der Zusage geriet der junge Stadtimker ins Grübeln. Noch mal klopfte er beim Kanzler an: "Können wir zum Schleudern der Waben Räume in der Alten Mu nutzen?"

Alte Mu nennen die Kieler den früheren Standort der Hochschule: Backsteinbauten in bester Citylage, die sich um einen Innenhof gruppieren. Damals zog die Muthesius-Universität hier gerade aus. Der Verwaltungschef seufzte: "Wenn ihr fragt, fragen bald alle."

So kam es. Nach Müllers Start-up "Kieler Honig" kamen weitere Gründer, inzwischen sind es 59 Projekte. Urbane Gärtner, Designerinnen, Vegan-Köche und Musiker mühen sich ab, die Welt zu verbessern oder wenigstens zu verschönern. Ein "Fahrradkinokombinat" verspricht CO2-reduzierten Filmgenuss - für den Strom treten die Zuschauer auf einem Stand-Velo mit Generator in die Pedale. Bastler nehmen bei "Werk statt Konsum" alte Dinge entgegen, reparieren sie und bieten sie zum Tausch an. Und die Medienmacher von "3Komma3" erobern den Luftraum: mit Kameradrohnen.

"Viertel schaffen, auf die man stolz ist"

Die Alte Mu ist für Kiel ein ungewöhnlicher Ort, sie erinnert eher an das von Künstlern okkupierte Gängeviertel in Hamburg oder den Holzmarkt in Berlin: Vernachlässigte Gelände in bester Lage, von Kreativen oder Klubbetreibern bespielt, bevor große Investoren zum Zug kamen.

Genau dahin wollen Daniel Müller und seine 180 Mitstreiter auch, die Mitglieder des Alte-Mu-Vereins "Impuls-Werk". Und sie stehen damit für eine Entwicklung, die Deutschlands kleinere Städte genauso herbeisehnen wie Metropolen: von Bürgern gestaltete Bauprojekte, die "Viertel schaffen, auf die man stolz ist", wie der Städtetag-Präsident und Münsteraner Oberbürgermeister Markus Lewe (CDU) sagt.

Doch mit dem Erfolg kommt oft das nächste Problem: Kaum haben sich die Kreativen etabliert und ein Publikum gefunden, eilen auch Investoren herbei, um das aufgewertete Viertel kommerziell zu "entwickeln".

Haben die Idealisten gegen Investoren eine Chance?

Diese Sorge beschäftigt auch die Nutzer der Alten Mu. Im Oktober laufen ihre Mietverträge aus - und die Immobilie ist hoch attraktiv: 7500 Quadratmeter am Binnengewässer Kleiner Kiel, direkt neben der HSH Nordbank, um die Ecke vom Hotel Steigenberger und dem neuen Schlossquartier mit seinen Edelwohnungen, die obersten mit Ostseeblick. Es käme einem Wunder gleich, wenn ausgerechnet dieses Filetstück von Idealisten entwickelt würde - statt, wie so oft, von Investoren zu Tode saniert.

Die Landeshauptstadt liegt am Wasser wie Amsterdam und hat etwa so viele Einwohner wie Freiburg. Und dennoch ist Kiel seltsam gesichtslos, hat es sich bis heute nicht von der Bombardierung im Zweiten Weltkrieg erholt. Shopping-Klötze bestimmen das Bild, dazu Schnellstraßen und Parkhäuser, bis an die vorderste Wasserfront.

Kreative hält hier bislang wenig. Bis zu drei Viertel aller Abgänger der Muthesius Kunsthochschule finden im Norden kein Auskommen, schätzt deren Präsident Arne Zerbst - und ziehen weg. "Deshalb ist die Alte Mu so wichtig für Kiel", sagt Zerbst. "Ich habe den Leuten von Anfang an gesagt: Macht was, entwickelt was!"

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Kiel: Kreative in der Alten Mu

Noch Anfang 2017 sah es schlecht aus für die Kreativen, ihnen drohte mal wieder die Räumung. SPD-Ratsmitglieder wollten den Standort für sozialen Wohnungsbau nutzen. Im Juni wendete sich dann das Blatt: Das Land bekam eine Jamaika-Regierung aus CDU, Grünen und FDP. Den mitregierenden Grünen gelang es, die Alte Mu im Koalitionsvertrag zu verankern: "Ziel ist es", steht dort, das Grundstück "so zu verwerten/verkaufen, dass die dort angesiedelte kreative Szene mit ihren innovativen Wohn- und Arbeitskonzepten eine dauerhafte Perspektive erhält".

Dafür stehen die Chancen gut: Das Land hat jetzt der nordrhein-westfälischen Stiftung Trias, die soziales und ökologisches Wohnen fordert, ein Vorkaufsrecht eingeräumt. Die Stiftung will mit Finanzpartnern für 3,1 Millionen Euro das Gelände kaufen. Es soll dann in Erbbaurecht an eine Genossenschaft der Kreativen vergeben werden.

Schleswig-Holsteins grüne Finanzministerin Monika Heinold, selbst Kielerin, ist erleichtert. Heinold: "Das Projekt Alte Mu verkörpert den Aufbruchsgeist der Jamaika-Regierung." Seitdem das Land hinter der Alten Mu steht, outet sich auch Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD) als Fan. "Hier schlägt das Herz der Kieler Kreativszene", schwärmt er. "Das tut Kiel gut."

Der Traum: ein "kreatives Dorf" in der Stadt

Imker Müller und seine Mitstreiter haben hochfliegende Pläne. In der Stadt soll bald das sogenannte Immovielienbüro Alte Mu Mitglieder für ihre Baugenossenschaft werben, um den Umbau der Alten Mu zu finanzieren: In der Mitte soll das "kreative Dorf" mit den Ateliers erhalten bleiben, erweitert um Dorfläden, Cafés, eine Kita, Mobilstationen mit Lastenradverleih.

Außerdem soll es einen MakerSpace geben, mit Ausbildungsplätzen für die ortsansässige Industrie, den Maschinenbauer Caterpillar etwa oder die Navigationstechnikfirma Raytheon Anschütz. Und gewohnt werden soll hier auch - gemeinschaftlich und zu sozialverträglichen Preisen.

Bisher erhalten die Macher rund 50.000 Euro an Zuschüssen von der Stadt, um die Planung des Riesenprojekts zu stemmen - unterstützt von Verwaltungsbeamten. Das Gros der Arbeit leisten Müller und zwei Mitstreiter ehrenamtlich: "Wir reißen uns bis in die Nächte buchstäblich den Arsch auf", sagt einer der drei.



insgesamt 4 Beiträge
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Claudius32 21.02.2018
1. Mal was zulassen
Einfach mal was zulassen, Experimente fördern und begleiten. Wir trauen uns zu wenig! Kritische Begleitung ist aber wichtig und wenn es nicht den selbstgesetzten Zielen folgt, muss man einen Ausstieg eingeplant haben.
mustermann76 22.02.2018
2. Weiter so?
Bei allen unschönen Nachrichten der aktuellen Zeit ist das doch mal eine tolle Entwicklung ?
muma 22.02.2018
3. Makerspace
Mit der Nennung der Unternehmen ist der Spiegel Artikel bereits einen Schritt weiter gegangen als wir momentan sind. Wir möchten mit dem Konzept des 'Makerspace' Möglichkeiten schaffen und dabei mit der Industrie zusammenarbeiten. Bisher gibt es noch keine konkreten Partner*innen. Wir distanzieren uns aber klar von Rüstungsunternehmen und möchten mit diesen nicht zusammenarbeiten. Aus diesem Grund lehnt Alte Mu Impuls - Werk e.V. auch verschiedene Banken ab.
miniyeti 22.02.2018
4. Lasst doch einmal Menschen nur leben.
Das Problem ist das Geld fehlt , gerade in Kiel sind viele Sozialwohnungen an Heuschrecken verkauft worden. Reichenghettos gibt es in Kiel ja nun genug, Ghettos der sozialen Schwachen auch. Es ist doch wunderbar menschlich ,einen Ort der Kreativität für Jedermann /-frau/-gender zu haben. Kein Mensch wünscht sich große Plätze für teuere Schickeria-Betonpaläste, mit immer gleichen Geschäften von Großkonzernen. Cafe`s in denen geschielt wird, wer nun die exclusivten Schmuckstücke/ Designer Klamotten trägt.Sonst ist da nichts mehr. Kleine Kreative haben einfach keinen Platz mehr, da es vielerorts unbezahlbar ist. Ich finde das zauberhaft und ein bischen heile Welt, es freut mich das dort ungestörrt gewerkelt werden kann, ohne einen klopfenden Nachbarn oder endlos km zu fahren um auf dem Land eine Werkstattf alleine einzurichten. Vieleicht gleich ein Spendenkonto prophylaktisch einrichten.
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