Report zu 172 Ländern Kinder ohne Kindheit

Sie werden zwangsverheiratet, zur Arbeit gezwungen, ohne Chance auf Spiel oder Bildung: Ein Report vergleicht die Kindheit von Millionen Minderjährigen weltweit. Vor allem die USA landen dabei auf einem unerwarteten Platz.

Clement Tardif/ Save the Children

Von und


Die fünfjährige Sanjana sammelt in Neu-Delhi Müll. Die 13-jährige Maria aus Rio starb bei einer Schießerei zwischen Polizei und Drogendealern. Omar* ist zwölf Jahre alt und muss für seine Familie sorgen, seitdem sein Vater im Syrien-Krieg getötet wurde und sein älterer Bruder in den Kampf zog. Die 14-jährige Tulasa aus Nepal wurde mit 13 verheiratet. Ihr erstes Kind kam tot zur Welt. Saida* aus dem Jemen ist 18, sieht aber aufgrund von Mangelernährung eher aus wie ein Kind.

Diese Schicksale stehen stellvertretend für das Leid von Millionen Kindern weltweit. Ein Bericht der Organisation Save the Children dokumentiert zum Internationalen Kindertag am 1. Juni die Situation in 172 Ländern.

Dem Bericht zufolge werden weltweit mehr als 700 Millionen Kinder ihrer Kindheit beraubt - wenn sie überhaupt eine Chance haben aufzuwachsen: Rund 16.000 unter Fünfjährige sterben dem Report nach täglich. Laut Save the Children gehen mehr als 260 Millionen Kinder nicht zur Schule, fast 170 Millionen sind zur Kinderarbeit gezwungen.

In der Zeit, die Sie brauchen, um diesen Satz zu lesen, sind mehrere Mädchen auf der Welt Mutter geworden. Auch diesen Kindern werde "alles geraubt, was eine Kindheit ausmacht", sagt Bidjan Nashat, Vorstand bei Save the Children in Deutschland.

Anhand von acht Faktoren hat die Organisation eine Rangliste erstellt, die zeigen soll, in welchen Ländern die meisten und die wenigsten Kinder eine unbeschwerte Kindheit erleben dürfen. Die Kriterien sind:

  • Todesrate von Kindern unter fünf Jahren
  • Mangelernährung
  • Schulbesuch
  • Kinderarbeit
  • Kinderheirat
  • Schwangerschaft 15- bis 19-jähriger Mädchen
  • Vertreibung von Kindern durch Konflikte
  • Kinder als Mordopfer

Pro Kategorie wurden maximal 125 Punkte vergeben - je mehr, desto besser sind die Verhältnisse für Kinder in einem Land:

2017 Childhood Index - Rangliste

Rang Land Ergebnis
1 Norwegen 985
1 Slowenien 985
3 Finnland 983
4 Niederlande 982
4 Schweden 982
6 Portugal 981
7 Irland 980
8 Island 979
8 Italien 979
10 Belgien 978
10 Zypern 978
10 Deutschland 978
10 Südkorea 978
14 Frankreich 976
14 Spanien 976
16 Japan 974
16 Schweiz 974
18 Australien 973
18 Griechenland 973
18 Luxemburg 973
21 Dänemark 972
21 Israel 972
23 Großbritanien 971
24 Litauen 970
25 Kroatien 969
26 Estland 967
26 Polen 967
28 Neuseeland 964
29 Ungarn 962
30 Lettland 956
31 Malta 953
32 Weißrussland 951
33 Singapur 949
34 Katar 947
35 Bosnien & Herzegowina 942
36 USA 941
37 Russland 940
38 Kuwait 938
39 Ukraine 937
40 Kasachstan 935
41 China 928
41 Serbien 928
43 Oman 927
44 Montenegro 926
45 Libanon 924
45 Tunesien 924
47 Saudi-Arabien 922
48 Malediwen 920
49 Bulgarien 917
49 Mauritius 917
51 Jordanien 915
52 Rumänien 914
53 Chile 913
54 Armenien 912
54 Bahamas 912
56 Mazedonien 910
56 Tonga 910
58 Samoa 909
59 Barbados 905
59 Türkei 905
61 Algerien 903
61 Kuba 903
61 Sri Lanka 903
64 Brunei 896
65 Malaysia 894
66 Costa Rica 892
67 Argentinien 883
67 Fiji 883
67 St. Lucia 883
70 Mongolei 880
71 Albanien 877
71 Trinidad & Tobago 877
73 Jamaica 872
74 Seychellen 871
74 Uruguay 871
76 Moldawien 867
77 Turkmenistan 865
78 Nordkorea 862
78 Usbekistan 862
80 Iran 860
81 Surinam 859
82 Palästina 858
83 Marokko 853
84 Thailand 852
85 Kap Verde 851
85 Georgien 851
87 Aserbaidschan 835
88 Ägypten 830
89 Brasilien 821
90 Mexiko 819
91 Kirgisistan 816
92 Vietnam 815
93 Bhutan 813
94 Tadschikistan 812
95 Ecuador 808
96 Philippinen 807
96 Vanuatu 807
98 Belize 801
99 Panama 800
100 Botswana 796
101 Indonesien 793
102 Paraguay 790
103 Peru 788
103 Südafrika 788
105 Namibia 777
105 Swasiland 777
107 Gabun 775
108 Guyana 771
109 Nicaragua 766
109 Solomon Inseln 766
111 Ghana 761
112 Burma 757
112 Ruanda 757
114 Bolivien 756
114 Sao Tome & Principe 756
116 Indien 754
117 Kambodscha 753
118 Kolumbien 752
119 Kenia 750
120 Dom. Republik 741
121 Haiti 733
122 Osttimor 732
123 Irak 730
124 Kongo 728
125 Venezuela 724
126 El Salvador 723
127 Djibouti 715
128 Senegal 699
129 Komoren 688
130 Laos 684
130 Togo 684
132 Liberien 681
132 Uganda 681
134 Bangladesch 680
134 Nepal 680
136 Papua Neu Guinea 674
137 Syrien 668
138 Simbabwe 664
139 Äthiopien 657
140 Jemen 653
141 Burundi 650
142 Honduras 648
143 Gambia 645
144 Sudan 639
145 Tansania 635
146 Sambia 633
147 Guatemala 624
148 Pakistan 621
149 Malawi 619
150 Lesotho 611
151 Eritrea 608
152 Afghanistan 602
153 Äquatorialguinea 601
154 Benin 592
155 Mauretanien 591
156 Guinea-Bissau 589
157 Madagaskar 587
158 Elfenbeinküste 586
159 Kamerun 585
160 Mosambik 578
160 Nigeria 578
162 DR Kongo 558
163 Guinea 546
163 Sierra Leone 546
165 Burkina Faso 541
166 Südsudan 488
167 Tschad 473
168 Somalia 470
169 Zentralafrikanische Republik 428
170 Mali 414
171 Angola 393
172 Niger 384

Quelle: Save the Children;
Höhere Punktzahl (maximal 1000) = besseres Ergebnis;
Rang 1 bis 37: Wenige Kinder ohne Kindheit
Rang 38 bis 111: Einige Kinder ohne Kindheit
Rang 112 bis 153: Viele Kinder ohne Kindheit
Rang 154 bis 172: Die meisten Kinder ohne Kindheit

Behütete Kindheiten in Europa

Spitzenreiter sind Norwegen und Slowenien mit 985 von 1000 möglichen Punkten. Auch in anderen europäischen Staaten wie Finnland, den Niederlanden, Schweden, Portugal, Island, Irland und Italien wachsen Kinder vergleichsweise unbeschwert auf.

Deutschland landet in dem Ranking zusammen mit Belgien, Zypern und Südkorea auf Platz 10, mit 978 Punkten. Gut, aber gut genug? "Wir sollten den Anspruch haben, Weltmeister zu sein, nicht nur im Fußball", sagt Nashat. Deutschland könne sich nicht vom Leid der Kinder in anderen Ländern abkapseln. "Das haben wir spätestens in der Flüchtlingskrise gemerkt." Deshalb sei es wichtig, Kindern aus Flüchtlingsfamilien hierzulande Zugang zu Bildung zu verschaffen.

An anderen Ende der Skala liegen Niger (384 Punkte), Angola (393) und Mali (414). Die USA landen auf Rang 36 (941) - knapp vor Russland (940), aber hinter Weißrussland (951). Manche Länder - darunter Österreich, Kanada, Libyen, Tschechien und Bahrain - wurden untersucht, aber nicht in das Ranking aufgenommen, weil es in mindestens drei Kategorien keine oder nur veraltete Daten gab.

Es ist der erste Report dieser Art. Save the Children plant eine jährliche Aktualisierung, um aufzulisten, "in welchen Ländern wie vielen Kindern die Kindheit geraubt wird", sagt Nashat. "Kindheit ist ein Recht."

Schwierige Datenlage

Der Bericht stützt sich auf Daten der Weltgesundheitsorganisation WHO, der Weltbank, Behördenangaben, Fachliteratur sowie diverser Hilfsprogramme der Vereinten Nationen. Nashat gibt zu, dass die Daten unvollständig sind - weil sie mancherorts schlicht nicht erhoben werden oder weil die Ämtern den Zugang verweigern. Und nicht nur in Entwicklungsländern: Für Österreich und Deutschland etwa vermerkt der Bericht, dass die Daten zu Schulbesuch und Kinderarbeit veraltet oder nicht vorhanden seien.

So schwierig die Situation ist - Nashat sieht keinen Grund zu verzweifeln. "Wir sehen es nicht als unsere Aufgabe an zu sagen, dass alles nur schlecht ist." Selbst in armen Ländern wie Liberia oder Niger sei es gelungen, die Kindersterblichkeit innerhalb von 25 Jahren zu halbieren. Immer wieder erlebe er ermutigende Beispiele, sagt Nashat. So sei es etwa mit Hilfe gelungen, ein Mädchen aus Somalia aus einer Zwangsehe zu holen.

Noch sind das Einzelfälle. Damit das nicht so bleibt, fordert Save the Children die Regierungen dazu auf, die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (Agenda 2030) umzusetzen: Kein Kind dürfe an vermeidbaren oder behandelbaren Ursachen sterben oder Opfer von extremer Gewalt werden. Kein Kind dürfe wegen Mangelernährung, Frühverheiratung, Frühschwangerschaft oder Kinderarbeit seiner Zukunft beraubt werden. Alle Kinder müssten Zugang zu qualitativ hochwertiger Bildung haben.

* Name im Bericht von Save the Children aus Gründen des Schutzes geändert



insgesamt 68 Beiträge
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Seite 1
lupenreinerdemokrat 31.05.2017
1.
Was man aus dem Report als Fazit ziehen kann: in den Ländern mit einer funktionierenden sozialen Marktwirtschaft, mit besonderer Gewichtung auf *sozial*, weiterhin mit sehr moderater Geburtenrate, wie allen voran Norwegen, aber auch den restlichen skandinavischen Ländern - geht es den Kindern gut. In Ländern, in denen der Neoliberalismus, Kapitalismus und Islam das beherrschende Element sind, wie auch die Bevölkerungszahl explodiert - wie in den genannten afrikanischen und arabischen Ländern, in den genannten asiatischen Ländern, den USA oder auch in Russland - geht es den Kindern vergleichsweise schlecht. Nun wäre es ein leichtes, die Bedingungen für die Kinder in den Ländern erheblich zu verbessern, wenn man die Fakten erkennen würde und auch dementsprechend konsequent danach handelte.
fisa_thul 31.05.2017
2. die letzten 20 Plätze
sind ausnahmslos afrikanische Länder. Ohne globalen Marshallplan wird sich das auch nicht ändern, insbesondere im Hinblick auf das starke Bevölkerungswachstum in Afrika.
B!ld 31.05.2017
3. Alles eine Sache der regionalen Sichtweise
Ich kenne hier genug Eltern, die versuchen, ihre Kinder möglichst erst mit 7-8 Jahren zur Schule anmelden zu müssen, damit die Kleinen etwas Kindheit erleben dürfen. Viele Kinder hier sind gezwungen, bis in den späten Nachmittag im Schulknast abzuhängen.
tmayer 31.05.2017
4.
Zitat von B!ldIch kenne hier genug Eltern, die versuchen, ihre Kinder möglichst erst mit 7-8 Jahren zur Schule anmelden zu müssen, damit die Kleinen etwas Kindheit erleben dürfen. Viele Kinder hier sind gezwungen, bis in den späten Nachmittag im Schulknast abzuhängen.
Millionen KInder auf der Welt wären froh, sie könnten in den "Schulknast" gehen. Schauen Sie bitte über den Tellerrand -sprich über die Grenzen Europas und sehen Sie das Leid vieler Kinder. Unseren Kindern in D. geht es sehr gut...trotz oder gerade wegen der Chance/Möglichkeiten, die ihnen der "Schulknast" bietet.
Ben_at 31.05.2017
5.
Eine sehr oberflächliche Ansicht die Dinge zu sehen. Es geht nicht nur um das materielle bei den Kindern, sondern auch um die Zeit die man mit denen verbringt, genauso die Liebe und Zuneigung die man zu den Kindern schenkt ,die in den sogenannten reiche Länder fehlt. Soviel ich weiß, in diese Länder die angeblich die Kindheit beraubt wurde, gibt es kaum Psychiatrische Anstalten für Kinder weil nicht notwendig sind oder eine große Anzahl von Drogenabhängige Menschen wie in den westlichen Ländern. Was bringt die ganze materielle Sicherheit, wenn die westlichen Menschen aufwachsen fast ohne Werte. Wo bleibt der Respekt, Liebe, Rücksicht, Mitgefühl? Wie geistlich arm sind unsere Kinder hier :-(
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