Kinderehe in Deutschland Irina will nicht länger schweigen

Irina Badavi wurde mit 16 Jahren zwangsverheiratet. Jahrelang wurde die Jesidin von ihrem Mann mitten in Deutschland missbraucht - bis ihr die Flucht gelang.

Irina Badavi
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Das Herz hängt an einer schlanken Kette. Silberne Glieder, fest ineinander verschlungen. Immer wieder greifen die Hände zu dem kleinen Anhänger, der auf den groben, dunkelblauen Maschen des Pullovers liegt.

Irina Badavi, 36, hat ihren Kopf vorgebeugt, ihre schlanken Schultern verraten eine Anspannung, als könne jederzeit die Türe aufspringen. Ihre großen, braunen Augen leuchten.

Badavi sitzt an einem Küchentisch, vor ihr dampft eine Tasse Tee. Wo genau das Gespräch stattfindet, darf nicht geschrieben werden, Badavi lebt in ständiger Angst. "Ich darf keinen Fehler machen", sagt sie. Um ihrer selbst - und um ihrer Kinder willen. Der Sohn und die Tochter, Lukas und Sophia, wie sie ihre Kinder nennt, tragen den gleichen Talisman wie ihre Mutter.

Zwangsehen in Deutschland

Badavi wurde vor 20 Jahren zwangsverheiratet. Sie war 16, lebte bereits in Deutschland, als ihr autoritärer Vater sie dem Mann übergab, der für das Mädchen viel Gold und Geld geboten hatte. In dem Buch "Wenn der Pfau weint" hat Irina Badavi mit der Journalistin Angela Kandt ihre Geschichte aufgeschrieben.

Wie sie als Kind in einer jesidischen Gemeinde in Georgiens Hauptstadt Tiflis aufwuchs. Wie die Familie nach Deutschland auswanderte, wie ihr Mann sie immer wieder vergewaltigte.

Alle sieben Sekunden wird laut der Kinderschutzorganisation Save the Children irgendwo auf der Welt ein Mädchen unter 15 Jahren verheiratet. Laut Unicef leben weltweit mehr als 700 Millionen Mädchen und Frauen, die vor ihrem 18. Geburtstag vermählt wurden. Die Zahl der Kinderehen im Zuge der Flüchtlingskrise in Syrien steigt demnach noch weiter. Hilfsorganisationen berichten auch, dass Kinder vor oder auf der Flucht verheiratet werden, um sie vor Übergriffen zu schützen.

Nazar-Amulett zum Schutz vor dem Bösen
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Auch in Deutschland gibt es Hunderte Mädchen, die das Schicksal Badavis teilen: In einer Antwort des Bundesinnenministeriums auf eine Anfrage der Grünen heißt es, in Deutschland seien 1475 minderjährige Ausländer als "verheiratet" registriert.

"Die Dunkelziffer ist viel höher", sagt Badavi. Der Grund? Viele der Mädchen leben in Parallelgesellschaften. Sie können nicht über ihr Leid sprechen. Auch Irina Badavi konnte kein Wort Deutsch, als sie mit ihrer Familie 1995 nach Deutschland kam. Der Vater verhinderte, dass Irina die neue Sprache lernt, sie sprachen ausschließlich Kurdisch. "Die sind für sich, wir sind für uns", habe er immer gesagt.

"Verkauft wie ein Stück Vieh"

Das Jesidentum schreibt in seinen mündlichen Überlieferungen ausschließlich Ehen unter Glaubensgenossen und nur innerhalb der drei Kasten der hierarchischen Gemeinschaft vor. Die Heiraten werden laut Badavi oft schon früh arrangiert - "damit die Frauen nicht auf dumme Gedanken kommen".

Widerworte sind in den patriarchalischen Familien meist undenkbar. Wenn Badavi erzählt, wie ihr Vater sie schlug, weil sie sich nicht richtig um den kleinen Bruder gekümmert habe oder Widerworte gab, ballen sich ihre Hände zu Fäusten. Und dann habe der Vater sie verkauft "wie ein Stück Vieh". Die Mutter blieb tatenlos.

Wenn Badavi über das blutige Bettlaken am Morgen nach der Hochzeitsnacht spricht, über die Prügel, die Vergewaltigungen, steigt Wut in ihr auf. "Die Mundlose hat er mich immer genannt und gelacht", sagt Badavi.

Als er auch die beiden gemeinsamen Kinder schlug, er ihre kleine Tochter drei Tage nach der Geburt einer Familie als Schwiegertochter versprach und ihr vor ihren Kindern Gewalt antat, habe sie entschlossen, sich freizukämpfen. Sie hebt ihren Kopf. Stolz wirkt sie jetzt, da sie erzählt, wie sie begann, heimlich Deutsch zu lernen, ein Konto eröffnete, wie sie zum Arzt ging, sich die Pille besorgte.

Ein Leben ohne Gewalt

Sie erinnert sich, wie sie ihr Kopftuch zusammenfaltete und es neben den Ehering, das Hochzeitsfoto und die letzte Packung Antibabypillen auf den Küchentisch legte. Und einen Zettel schrieb: "Bye". Mehr nicht. Die Mundlose hatte gelernt zu sprechen.

Es folgte ein zähes Ringen mit den Behörden. Der Vater sollte begleiteten Umgang mit den Kindern haben, entschied ein Gericht. Die Begegnungen in den Räumen des Kinderschutzbunds eskalierten. Die Kinder kamen aufgelöst von den Besuchen zurück, bei denen der Vater ausfällig wurde.

Doch immer wieder habe sich das Gericht für die Belange des Vaters eingesetzt - für Badavi unbegreiflich. Hinzu kam der Kampf gegen die jesidische Gemeinde. Erschien Badavi vor Gericht, wartete dort bereits deren Oberhaupt, der Scheich, gemeinsam mit der gesamten Familie. "Die Männer mit den schwarzen Bärten", nennt Badavi sie.

Dreimal habe ihr Ex-Mann versucht, sie umzubringen, schreibt Badavi in "Wenn der Pfau weint". Er versuchte sie aus dem Fenster des Gerichts zu stürzen, vor eine Bahn zu stoßen und er fuhr sie mit dem Auto an. Letztlich gewann Badavi den Kampf um das alleinige Sorgerecht. Die Prozesse waren vorbei, sie konnte abtauchen mit ihren Kindern, sich und sie in Sicherheit bringen. Der Schritt bedeutet den totalen Bruch mit ihrer Familie, mit ihrem bisherigen Leben. Sie ist nun eine Geächtete.

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Seit mehreren Jahren leben Badavi und ihre Kinder unter falschen Namen im Norden Deutschlands. In der Anonymität sind sie einigermaßen sicher, doch die Angst weicht nicht, die Erinnerungen schmerzen. Badavi kommen zwischendurch die Tränen, die Schultern beben, "Entschuldigung" sagt sie mit brüchiger Stimme, sie habe "oft keine Kontrolle darüber".

"Notgeile ältere Männer"

Badavis Kampf geht weiter, sie führt ihn mittlerweile nicht mehr nur für sich selbst: Sie arbeitet als Traumaberaterin in einem Frauenhaus. Und hat dort mit jungen Mädchen zu tun, deren Schicksale ihrem so sehr gleichen.

"In der Regel sind das notgeile ältere Männer, die so etwas machen. Das Patriarchat", sagt sie laut. Jedes Wort ein Pfeil, unter entschlossenen Gesten abgefeuert. "Die begründen das gern mit Religion, dabei ist es doch nur eine Legitimation von Pädophilie."

Ein Mädchen, das sie betreue, sei mit 14 in Afghanistan verheiratet worden, der Mann war 54. Ihren Pass habe der Mann fälschen lassen, das Geburtsdatum angepasst. "Ich habe sie gefragt, wie sie durch die Passkontrollen gekommen ist. Sie sagte, niemand habe sich dafür interessiert. Wenn du ihr ins Gesicht schaust, dann siehst du ein Kind mit Kulleraugen."

"Es darf kein Aber geben"

Es ist diese Kultur des Wegschauens, die es auch in Deutschland gebe, die Irina Badavi anprangert. Die Behörden würden es sich zu einfach machen, indem sie Neuankömmlinge einfach in bestehenden jesidischen Gemeinden ansiedelten. Eine einfache Lösung für den Staat. Echte Integration sei aber so unmöglich.

Auch von ihren deutschen Mitbürgern fordert sie ein wachsames Auge: "Wenn ich merke, dass mein Nachbar seine Frau schlägt, dann rufe ich doch auch die Polizei. Warum dann nicht, wenn ein Mädchen auf einmal nicht mehr zur Schule kommt?"

Überlegungen, Ausnahmeregelungen für die Ehe von Minderjährigen beizubehalten, treiben Badavi zur Weißglut. "Es darf kein Aber geben", sagt sie. Niemand solle über die Zukunft der Mädchen bestimmen, niemand ihnen das antun, was auch sie erlitten hat. "Mein Körper brennt", habe das Mädchen mit den Kulleraugen zu ihr gesagt. Badavi knetet ihre Hände. "Ich weiß, was sie meint."



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