Kinderehe in Äthiopien "Ich wollte Ärztin werden"

Abaynesh ist 14 Jahre alt, verheiratet - und schwanger. Damit teilt sie das Schicksal von fast 700 Millionen Frauen weltweit, die als Kind geheiratet haben. Wie hat die Ehe ihr Leben verändert?

Jose Colon Toscano

Von Natalia Otero aus Gindero, Äthiopien


In dieser Minute heiraten 28 Mädchen. Und in der nächsten Minute weitere 28. Und dann noch mal 28. Jedes Jahr werden so weltweit aus 15 Millionen Kindern Ehefrauen.

Junge Frauen, die eigentlich noch Mädchen sind - und doch schon einen Mann haben, manchmal ein Kind. Dieses Schicksal teilen Abaynesh aus Äthiopien, Ramgani aus Indien und Nayane aus Brasilien. Jede hat ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Gründe und ihren eigenen Weg, mit ihrer Situation umzugehen. SPIEGEL ONLINE lässt sie erzählen.

Abaynesh, 14 Jahre alt, aus Äthiopien

"Als ich frisch verheiratet war, wollte ich weiter zur Schule gehen, aber meine Familie und meine Schwiegereltern untersagten es mir", sagt Abaynesh, während sie in der Hütte aus Holz, sonnengetrockneten Ziegeln und Stroh hin- und hergeht. Abaynesh wohnt mit ihrem Mann und zwei Maultieren in Gindero im äthiopischen Bundesstaat Amhara.

Die großen grünen Berge, Felder, so weit man sehen kann, und eine Nacht, so dunkel, dass nur die Sterne einen daran erinnern, dass man die Augen offen hat, zeugen von einer Gegend ohne Eile und Fortschritt. Es gibt keine Nachbarn, kein fließend Wasser, keine Elektrizität oder Uhren.

Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, doch Abaynesh, 14 Jahre alt, ist bereits auf dem Weg zum Fluss, um Wasser zu holen. Sie trägt einen Kessel mit 20 Liter Fassungsvermögen auf ihrem schmalen Rücken - und weder das Gewicht noch ihre fortgeschrittene Schwangerschaft beeinträchtigen ihren schnellen und kräftigen Schritt.

Als sie vor drei Jahren heiratete, haben ihre Schwiegereltern ihren Namen in Jemata geändert. Ihr alter Name Abaynesh steht für das, was sie erreichen wollte und nicht konnte. "Als ich klein war, hatte ich sehr gute Schulnoten. Ich wollte Ärztin werden", erzählt sie sehnsuchtsvoll.

Kurz nach der Geburt wurde sie beschnitten

Äthiopische Mädchen werden auf zweierlei Art verheiratet. Die verbreitetste ist eine Vereinbarung zwischen den Familien. Die zweite ist Kidnapping. Wenn die Familie der Heirat nicht zustimmt, raubt der Mann die junge Braut. Aufgrund von Tradition und Ehre haben die Eltern der zukünftigen Braut danach keine andere Wahl mehr, als die Verbindung zu akzeptieren.

41 Prozent der Äthiopierinnen zwischen 20 und 24 Jahren haben als Kind geheiratet. Drei von vier Frauen zwischen 15 und 49 Jahren mussten eine Genitalverstümmelung erleiden. Abaynesh ist Teil beider Statistiken. Ihre Schamlippen wurden kurz nach ihrer Geburt beschnitten.

Diese beiden Bräuche existieren in mehr als 20 Ländern, zumeist in Afrika, und sind manchmal eng miteinander verknüpft - insbesondere wenn die Genitalverstümmelung Voraussetzung für die Hochzeit ist.

Abaynesh wurde nicht aus Gründen der Reinheit verstümmelt oder um ihr das körperliche Vergnügen zu nehmen, sondern um "die männliche Penetration nach der Heirat zu erleichtern", wie Mesel Nigusie sagt, die seit 28 Jahren weibliche Beschneidungen vornimmt.

"Es muss gemacht werden, bevor die Mädchen 15 Tage alt sind, denn davor ist der Körper kräftiger und heilt schneller", sagt sie. Sie garantiert, dass binnen acht bis zehn Tagen die Wunde verheilt und der Schmerz vorbei sei.

Abayneshs Schwiegervater sagt, dass Familien beschnittene Frauen aus kulturellen Gründen bevorzugten. Zudem würden sich junge Mädchen besser in die Familie ihres Mannes einfügen, wären weniger aufsässig und bessere Ehefrauen.

Abayneshs Augen verraten die Erschöpfung, die ihr restlicher Körper zu verstecken weiß. Nach dem Abendessen bereitet sie den Kaffee zu, während sie inmitten des Zimmers der Schwiegereltern hockt. Sie wirkt unbeteiligt inmitten der Familiengespräche um sie herum und sagt kaum ein Wort.

So macht sie immer weiter mit ihren alltäglichen Aufgaben. Vielleicht träumt sie manchmal dabei, wie es ihr als Ärztin ergangen wäre.

Lesen Sie auch die Geschichten von Ramgani aus Indien und Nayane aus Brasilien. Diese Reportage wurde vom European Journalism Centre unterstützt.

Aus dem Englischen übersetzt von Barbara Schulz



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