Kinderehe in Indien "Wenn ich wieder zu meinem Ehemann soll, haue ich ab"

Ramgani ist 18 Jahre alt und schon lange verheiratet. Noch darf sie zur Schule gehen, aber die Familie ihres Mannes will das nicht mehr lange akzeptieren.

SPIEGEL ONLINE

Von Natalia Otero aus Rajasthan, Indien 


In dieser Minute heiraten 28 Mädchen. Und in der nächsten Minute weitere 28. Und dann noch mal 28. Jedes Jahr werden so weltweit aus 15 Millionen Kindern Ehefrauen.

Junge Frauen, die eigentlich noch Mädchen sind - und doch schon einen Mann haben, manchmal ein Kind. Dieses Schicksal teilen Abaynesh aus Äthiopien, Ramgani aus Indien und Nayane aus Brasilien. Jede hat ihre eigene Geschichte und ihren eigenen Weg, mit ihrer Situation umzugehen. SPIEGEL ONLINE lässt sie erzählen.

Ramgani, 18 Jahre alt, aus Indien

"Ich will die Schule zu Ende machen", sagt Ramgani mit der Gewissheit und Überzeugung einer Frau, die ihr Schicksal zum Guten wenden kann - und vielleicht auch das Schicksal anderer Mädchen und Frauen.

Sie ist spät dran; die Dinge, die sie zu Hause erledigen muss, haben sie länger als sonst aufgehalten. Sie erreicht den Schulhof voller Energie; hinter ihr wirbelt eine Staubwolke auf, als sie in Richtung Brunnen läuft.

Ramgani trägt mit weißer Hose dieselbe Uniform wie Männer. Ihre Körpersprache zeugt von Sicherheit und Stärke, die sich verflüchtigen, sobald sie den Mund aufmacht: Dann wirkt sie zerbrechlich und schüchtern.

Ramgani ist gerade 18 geworden, sie wurde verheiratet, als sie noch sehr klein war. Die Heirat wurde "vollzogen", als sie 14 war und die Familie ihres Mannes einforderte, dass sie bei ihm einzog. Ihre Geschichte steht exemplarisch für den ständigen Kampf, dem Schicksal entgehen zu wollen, wenn man als Frau in einem kleinen ländlichen Dorf im Bezirk Bhilwara geboren wird, im Staat Rajasthan, Indien.

In Rajasthan heirateten 65 Prozent der Frauen noch im Kindesalter. In ganz Indien wurden fast 27 Millionen Frauen zwischen 20 und 24 Jahren vor dem gesetzlichen Mindestalter von 18 Jahren verheiratet.

Kailash Brijwasi leitet die Hilfsorganisation Jatan, die seit 15 Jahren in Indien arbeitet, um Kinderehen zu beenden. Er sagt, dass diese Statistiken nur registrierte Daten der Regierung erfassten und die wirklichen Zahlen höher seien als die offiziellen.

Der Mann sitzt auf dem Stuhl, die Frau hockt auf dem Boden

Ramgani gehört der Jat-Kaste an. Die verheirateten Jat-Frauen auf dem Land stehen buchstäblich nicht auf derselben Stufe wie ihre Ehemänner oder deren Familien. Wenn diese auf einem Stuhl sitzen, muss die Frau auf dem Boden hocken. Wenn der Mann steht, muss die Frau dies ebenfalls - solange, bis er den Raum verlässt.

Die Geschlechterrollen scheinen unverrückbar zu sein, das Kastensystem ist tief verwurzelt in der Gesellschaft. Gründe sind eine nebulöse Rechtslage, die vorrangige Stellung von Männern in allen Gesellschaftsbereichen und die prekären wirtschaftlichen Bedingungen eines Großteils der Bevölkerung.

Ramgani hat acht Schwestern, sie ist die fünftälteste. Alle neun Mädchen wurden bei Zeremonien an aufeinanderfolgenden Tagen verheiratet. Eine der jüngeren Schwestern, um die elf Jahre alt, verbringt bereits Zeit bei ihren Schwiegereltern.

In Indien ist es üblich, dass die Familie der Braut die Mitgift zur Verfügung stellt und sich um die Zeremonie kümmert. Es ist gang und gäbe, mehrere Töchter gleichzeitig mit Mitgliedern derselben Familie zu verheiraten, um Kosten zu sparen; deshalb werden die Bräute immer jünger.

Obwohl sie sehr jung verheiratet werden, verlassen sie ihr Elternhaus nicht vor der Pubertät. Deshalb ist die Heirat für viele nur eine vage Erinnerung, wenn sie von der Familie des Mannes eingefordert werden.

Sobald sie ihr familiäres Heim verlassen haben, übernehmen die Mädchen die Hausarbeiten in ihrem neuen Zuhause; nur wenigen ist es gestattet, sich weiter um ihre Ausbildung zu kümmern.

In der Familie ihres Mannes sah Ramgani, wie ihre Schwägerinnen weiter zur Schule gingen - während sie selbst im Haushalt arbeiten musste. Doch das wollte sie nicht hinnehmen. Sie sprach mit ihrem Onkel, der wiederum mit ihrem Vater - und der überredete Ramganis Schwiegereltern, dass sie wieder zu Hause wohnen und zur Schule gehen durfte.

"Halt den Mund, ich gebe dir Geld fürs Baby"

Arti Khatik hatte weniger Glück. Sie ist 16 Jahre alt und Mutter eines zehn Monate alten Babys. Sie wurde im Alter von etwa sieben Jahren verheiratet, sechs oder sieben Jahre später zog sie ins Haus ihres Ehemannes.

Sie erzählt, wie sie mit 14 ihre Jungfräulichkeit verlor; ihr Partner sei ihr körperlich überlegen und habe sie dazu gezwungen. Nun träumt sie von einem Leben weit weg von ihrem Ehemann, der trinke und nicht für das Kind sorge. Nur wenn er Sex haben wolle und sie dazu zwinge, sage er: "Halt den Mund, ich gebe dir Geld fürs Baby."

Auf dem Papier ist die indische Gesetzgebung streng. Jegliche Verbindung, in der die Frau noch nicht 18 Jahre und der Mann noch nicht 21 Jahre alt ist, wird als illegal eingestuft. Jedoch wird diese Vorschrift eher vage angewandt, sagt Paresh Ram Bhali, einer der Regierungsvertreter im Bezirk von Biwara.

Der Aktivist Brijwasi hält nicht schärfere Gesetze für die Lösung, sondern mehr Bildung. Mit seiner Organisation sensibilisiert er vor allem junge Männer für die Rechte von Frauen, durchaus mit Erfolg. Immer wieder können die Männer die frühe Heirat ihrer Schwestern verhindern.

Wieder zu Hause, setzt sich Ramgani auf das Motorrad, das ihr ein Familienmitglied geliehen hat. Sie lächelt schüchtern. Sie weiß: Die Familie ihres Mannes möchte sie möglichst bald zurückhaben. "Wenn ich wieder zu meinem Ehemann zurückkehren soll, haue ich ab", flüstert sie.

(Aus dem Englischen übersetzt von Barbara Schulz)

Lesen Sie auch die Geschichten von Abaynesh aus Äthiopien und Nayane aus Brasilien. Diese Reportage wurde vom European Journalism Centre unterstützt.



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