Kinderehe in Brasilien 15 Jahre alt, Mutter, alleinerziehend

Nayane ist 15, ihre Tochter zehn Monate alt, der Vater wurde bei einem Polizeieinsatz erschossen - kein Einzelschicksal in ihrer Heimat. Ein Besuch im Favela-Komplex Maré in Rio de Janeiro.

SPIEGEL ONLINE

Von Natalia Otero aus Rio de Janeiro, Brasilien


In dieser Minute heiraten 28 Mädchen. Und in der nächsten Minute weitere 28. Und dann noch mal 28. Jedes Jahr werden so weltweit aus 15 Millionen Kindern Ehefrauen.

Junge Frauen, die eigentlich noch Mädchen sind - und doch schon einen Mann haben, manchmal ein Kind. Dieses Schicksal teilen Abaynesh aus Äthiopien, Ramgani aus Indien und Nayane aus Brasilien. Jede hat ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Gründe und ihren eigenen Weg, mit ihrer Situation umzugehen. SPIEGEL ONLINE lässt sie erzählen.

Nayane, 15 Jahre alt, aus Brasilien

Nayane und ihre Zwillingsschwester Nayara starren gebannt auf ihre Handys, die bei jeder eintrudelnden Nachricht vibrieren. Nayara hat das Haus seit drei Monaten nicht verlassen. Die Drogenbande "Rotes Kommando", die ihre Gemeinde kontrolliert, hat ihr diese Strafe aufgebrummt, weil sie mit einem Mitglied einer verfeindeten Gruppe zusammen war.

Nayane leistet ihrer Schwester während des Hausarrests Gesellschaft. Sie lümmeln auf einem Bett in einem kleinen verwitterten Raum in einem Haus in Parque Uniao, im Favela-Komplex Maré im Norden von Rio de Janeiro. In Nayanes Schoß liegt Ana Sophia, ihre zehn Monate alte Tochter.

Die Mädchen sind 15 Jahre alt und gehen momentan nicht zur Schule. Nayane macht sich fertig, um heute Nacht auf eine Funk-Party zu gehen, wo sie auch den Vater ihrer Tochter kennengelernt hatte. Die junge Mutter trägt sein Konterfei auf ihrem T-Shirt. Er war im Drogenhandel aktiv und wurde vor sechs Monaten bei einem Polizeieinsatz erschossen.

Brasilien belegt weltweit den vierten Platz der meisten Kinderehen. Fast eine Million Frauen zwischen 20 und 24 wurden verheiratet, bevor sie 15 waren; drei Millionen, bevor sie 18 wurden. Das Mindestalter für Eheschließungen ist 16 Jahre, mit Zustimmung der Eltern. Gleichwohl kann diese Altersgrenze bei Schwangerschaften herabgesetzt werden.

Frühe Schwangerschaften sind in vielen Ländern der Grund von Kinderehen. In Brasilien sind sie die häufigste Ursache. Die Projektkoordinatorin der Hilfsorganisation Promundo, Vanessa Fonseca, nennt zwei Hauptgründe, warum Mädchen frühe Ehen als gute Sache ansehen: die wirtschaftliche Stabilität, die sie dadurch erreichen, und der Wunsch nach Freiheit.

Anders als in Äthiopien oder Indien steht am Anfang der Ehen in Brasilien oft keine formale Hochzeit. "Das sind eher Absprachen", sagt Fonseca. "Die Mädchen treffen sich, 'heiraten' und trennen sich, wenn es ihnen passt."

Nayane selbst war nie mit dem Vater ihres Kindes verheiratet. So weit kam es nicht mehr. Doch sie erzählt, viele ihrer Freundinnen hätten sich dazu entschieden, mit ihren Partnern zu leben und ihr Elternhaus zu verlassen, um die Regeln der Eltern nicht mehr befolgen zu müssen. Zwei ihrer Freundinnen hätten bereits eigene Familien gegründet und zwei seien gerade Mutter geworden.

In Brasilien werden die jungen Mädchen nicht in die Verbindungen gezwungen. Das unterscheidet ihre Ehen von denen in Indien oder Äthiopien - ebenso wie der inoffizielle Status und die Tatsache, dass die Schwangerschaft in Brasilien meist Ursache der Kinderehe ist, nicht Folge.

Trotzdem drohen den Mädchen ähnliche Konsequenzen: Gewalt durch Männer, Schulabbruch, schlechtere Zukunftsaussichten und Gesundheitsprobleme durch die frühe Schwangerschaft. Es ist ein Problem, das von Gesellschaft und Staat ignoriert und vergessen wird.

Christiane lebt in derselben Favela wie Nayane. Auch sie heiratete, weil sie schwanger wurde. Damals war sie 16 Jahre alt. Heute, 19 Jahre später, ist sie geschieden, mit einem zweiten Mann verheiratet und Mutter zweier Töchter.

Christiane erzählt, dass dieses Muster immer wiederkehrt. Die Ehen seien ein Weg, um aus einem Zuhause auszubrechen, in dem Misshandlungen und fehlende emotionale Zuneigung an der Tagesordnung sind.

Nayanes Freundinnen kommen vorbei, um sie abzuholen. Sie tragen übermäßig viel Make-up zu Zahnspangen, die aufblitzen, wenn sie lächeln. Die Funkmusik ist schon zu hören. Der Bass wummert, und die Straße ist voll mit Kindern und Jugendlichen, manche gerade zwölf Jahre alt. Alle sind auf dem Weg zur Party. Auch heute Nacht wird gefeiert, mit Alkohol, Zigaretten, Drogen - und vielleicht auch Sex.

Lesen Sie auch die Geschichten von Abaynesh aus Äthiopien und Ramgani aus Indien. Diese Reportage wurde vom European Journalism Centre unterstützt.

Aus dem Englischen übersetzt von Barbara Schulz



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