Elterncouch

Tolle Kinderfragen Was ist, wenn Käse stirbt?

Wissenwollen ist eine Superkraft
imago/ blickwinkel

Wissenwollen ist eine Superkraft

Von Theodor Ziemßen


Kinder stellen manchmal irre Fragen. Und Erwachsene können viel aus ihnen lernen. Zum Beispiel, dass Wissenwollen eine Superkraft ist - und Fragen immer so gut sind wie unsere Antwortversuche.

    Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

    Theodor Ziemßen schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Juno Vai und Jonas Ratz.

"Es gibt keine Eisbären, Papa." Benjamin sah vom Bilderbuch auf und blickte mich prüfend an.

Wir lasen gerade eine Gute-Nacht-Geschichte über einen Zoo, und ich glaube, er fand es plötzlich unheimlich, dass irgendwo da draußen riesige, weiße Bären leben. Also versuchte er sie mit einem Satz ungeschehen zu machen.

Manchmal gucken Benjamin, viereinhalb, und ich, 39, auf die gleiche Welt und sehen etwas vollkommen anderes.

Neben Benjamin habe ich oft das Gefühl, dass mein Blick auf die Wirklichkeit von einem Mauerwerk ziegelharter Fakten verengt wird. Wo ich "Kenn ich schon" denke, ist er so frei, dass er Blickwinkel findet, von denen ich nur träumen kann, eine Sicht auf die Welt voller unvorgekauter Beobachtungen und faszinierender Ungereimtheiten. Einmal sagte Benjamin zum Beispiel: "Papa, es regnet in meinen Beinen", und meinte, dass sie eingeschlafen waren.

Wo wir nur Altbekanntes sehen, entdecken Kinder Abenteuerliches, sie schenken uns wunderbare Beobachtungen und Geschichten, bei denen Fakt und Fantasie, Ernst und Quatsch, echte und ausgedachte Wesen gleichberechtigt nebeneinanderstehen dürfen. Eine Welt, in der man Eisbären mit einem Satz abschaffen kann oder es zumindest versuchen darf. Ziemlich cool, oder?

Was wir von unseren Kindern lernen können

Denken Sie gerade, dass es total bescheuert ist, in einer Zeit, in der "Fake News" und "alternative Fakten" ein großes Problem für unsere Gesellschaft darstellen, in einen Text zu schreiben, wie lahm und einengend Fakten manchmal sind und wie toll Fantasie sein kann? Bitte geben Sie diesem Text dennoch eine Chance. Ich will nicht darauf hinaus, dass Tatsachen nerven, sondern darauf, wie viel Spaß es macht, gemeinsam mit Kindern nachzudenken. Und wie viel wir dabei von ihnen lernen können.

Viele Menschen sehen Nichtwissen als Schwäche an, statt zu erkennen, dass Wissenwollen eine Superkraft ist (die auch bei Fake News hilft).

Als ich klein war - so erinnere ich mich zumindest daran -, taten meine Eltern oft so, als würden sie alles wissen. Und noch schlimmer: Als sei das, was sie nicht wissen, nicht wert, herausgefunden zu werden. So schrumpfte meine Welt mit jeder abgetanen Frage.

Was ist, wenn Käse stirbt

Benjamin ist - wie ja die meisten Kinder - ein fantastischer Wissenwoller. Und die besten Fragen sind jene, die ich nicht beantworten kann. Etwa neulich beim Abendbrot:

"Was ist, wenn Käse stirbt?", fragte Benjamin.

Antwort 1: Öh ... naja, Käse ist ja eigentlich gar nicht so richtig lebendig.

Sie merken, ich wollte erst abwinken. Aber von Benjamin habe ich zum Glück gelernt: Wie gut eine Frage ist, entscheiden immer diejenigen, denen sie gestellt wird. Bei der Käsefrage saß Therese mit am Tisch, und so haben wir alle gemeinsam laut nachgedacht. Wir haben Vermutungen angestellt, sie hinterfragt, einander verbessert, uns in Sackgassen gegrübelt und einander wieder herausgeholfen.

Antwort 2: Obwohl, stimmt. Käse entsteht ja auch durch Schimmel und Bakterien. Insofern kann man schon sagen, dass er belebt ist.

Antwort 3: Vielleicht ist er aber eher ein Zuhause für Lebewesen als ein eigenes Lebewesen. Nur weil wir in unserem Haus sind, lebt es ja deshalb nicht auch.

Antwort 4: Andererseits ... wenn alle Bewohner eines Käses sterben, dann würde der Käse vielleicht auch zerfallen. Wie ein Haus verfällt, wenn es keiner mehr bewohnt.

Nach dem Essen haben Benjamin und ich dann im Internet nachgesehen. Leider haben wir keine Quelle gefunden, in der genau beschrieben wird, wie ein Käse entsteht - oder was passiert, wenn Käse stirbt. Aber die Telefonnummer eines Käseexperten. Marc Albrecht-Seidel ist Geschäftsführer des Verbandes für handwerkliche Milchverarbeitung und Mitgründer der Käseakademie. Lieber Herr Albrecht-Seidel, herzlichen Dank für Ihre Zeit und Geduld. Liebe Leser, seine Antwort finden Sie unter diesem Text.

Faktenurlaub auf Monstererde

Ebenso, wie ich es liebe, wenn Benjamin mir seine Wahrnehmung borgt, liebe ich es, mit ihm herauszufinden, wie die Welt funktioniert. Ich bin ein Fan von Fakten und Zusammenhängen. Mit einem Globus, einer Styroporkugel und einer Taschenlampe haben wir zum Beispiel ausprobiert, warum der Mond manchmal ganz, manchmal halb und manchmal gar nicht zu sehen ist. Mit einem Stück Knete haben wir erforscht, warum ein tonnenschweres Schiff schwimmt. Eine Knetekugel geht unter, derselbe Klumpen, zu einer hohlen Halbkugel zurechtgedrückt, schwimmt. Irre!

Ich bin aber auch ein mindestens ebenso großer Fan von Geschichten. Und das ist gut so. Denn so darf die Faszination für etwas so Komplexes wie die Mondlandung problemlos neben der Begeisterung für einen Mann stehen, der einmal im Jahr mit seinem Schlitten losfliegt und die ganze Welt durch die Kamine beschenkt.

Manchmal hat Benjamin auch gar keine Lust darauf, von mir Dinge erklärt zu bekommen oder etwas herauszufinden. Manchmal hat er einfach Lust, seine Fantasie durchdrehen zu lassen. Dafür hat er sich einen Ort gemacht, an dem nur er sich auskennt: Monstererde.

Monstererde hat eine eigene Mathematik, je nach Bedarf eigene Planeten, Kriege und sogar eine eigene Sprache, beziehungsweise einen krassen kölschen Dialekt, wenn ihre Bewohner Deutsch sprechen (was Therese wahnsinnig macht). In die Monsterwelt folge ich Benjamin genauso gern, wie ich mit ihm zusammen die richtige Welt erforsche.

"Es! Gibt! Keine! Meteoriten! Papa!"

Es wäre schön gewesen, wenn es Monstererde schon gegeben hätte, als ich Benjamin vor einiger Zeit aus einem Buch über den Weltraum vorgelesen habe. Meine Lieblingsinformation war: Eine Frau lag auf ihrem Sofa und döste, als plötzlich etwas durch das Dach krachte - und direkt in ihrem Schoß landete. Es war ein Meteorit. Die Frau kam mit einem großen blauen Fleck auf dem Bauch davon. Ich blickte Benjamin begeistert an. So: Ist das nicht wahnsinnig cool? Etwas kommt direkt aus dem Weltall und fällt jemandem in den Schoß.

Benjamin guckte mich entgeistert an. Man sah, wie seine Gedanken rasten. Dann schrie er so plötzlich, dass ich mich erschrak: "Es! Gibt! Keine! Meteoriten! Papa!"

Ich kapierte gar nichts.

"Aber ist das nicht toll?!", fragte ich.

"Es gibt keine Meteoriten, es gibt keine Meteoriten!", rief er weinend, und ich begriff langsam, dass die Vorstellung, dass uns jederzeit etwas aus dem All treffen könnte - sogar zu Hause! -, ihn mit ungeheurer Angst erfüllte. Ich sagte: "Na ja, Meteoriten, die in den Schoß fallen, sind so selten, dass man schon sagen kann, dass es praktisch keine gibt." Das half natürlich gar nicht. Trotzdem gelang es mir einfach nicht, das zu sagen, was mein Sohn von mir hören wollte: dass es keine Meteoriten gibt.

Wäre das so schlimm gewesen? Ich habe viel darüber nachgedacht und bis heute keine Antwort darauf gefunden. Am Ende wechselte ich das Thema und nahm ihn ganz lange ganz fest in den Arm.

Und weg waren die Meteoriten.

Aus dem Kopf gekuschelt.

Man muss ja nicht alles wissen.



Liebe Leserinnen und Leser, stellen Ihre Kinder Ihnen auch manchmal herrlich absurde, unheimlich kluge oder vollkommen unbeantwortbare Fragen? Ich freue mich auf Ihre Zuschriften!


Und? Kann Käse sterben? "Außer bei einigen Frischkäsezubereitungen sind Schimmel und Bakterien noch lebendig, wenn der Käse bei uns auf den Tisch kommt", so der Käseexperte Marc Albrecht-Seidel. Und, was passiert dann, wenn dieser Käse stirbt? "Dann fault er." Wobei das bei Käse nicht so einfach sei. Schließlich mag jeder Käse in unterschiedlichen Reifezuständen und die Übergänge von einem würzigen Stinker zu einem ungenießbaren Stück Schleim sind fließend und Geschmackssache. Und wenn ein Käse wirklich tot ist? "Dann löst er sich in Luft auf. In Gase und in Wasser, das verdunstet."

Zum Autor
  • Illustration: Michael Meißner
    Theodor Ziemßen,
    Vater von Benjamin (4) und Willem (0)

    Liebstes Kinderbuch: "Pu der Bär", das Original. Aber immer, wenn ich daraus vorlesen will, sagt Benjamin "Das andere 'Pu der Bär'" - und holt ein hässliches Winnie-Puuh-Buch von Disney raus, das er mal von meiner Mutter bekommen hat.

    Nervigstes Kinderspielzeug: Mein kaputter ferngesteuerter Hubschrauber. Weil ich versprochen habe, ihn wieder zum Laufen zu bringen.

    Erziehungsstil: Immer versuchen, fair, freundlich und verlässlich zu sein - auch sich selbst gegenüber.

    Theodor Ziemßen eine E-Mail schreiben.


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3 Leserkommentare
Koda 14.05.2017
mayazi 15.05.2017
-NCO- 15.05.2017

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