Kindesentziehung "Ich will doch nur meinen Sohn zurück"

Ein Alptraum für die ganze Familie: Jedes Jahr werden geschätzte tausend deutsche Kinder von einem Elternteil ins Ausland verschleppt. Ohne Geld, Geduld und viel Glück haben die Betroffenen keine Chance, ihre Kleinen wiederzusehen.

Von Kathrin Fichtel


Hamburg - Das Wiedersehen mit ihren Töchtern wird Christiane Hirts niemals vergessen. Diesen wunderbaren Moment, als die siebenjährige Claire in einem Kinderheim in den USA auf sie zuläuft. Ihr in die Arme fällt, ihr in den dunklen Schopf greift und sagt: "Mama, das wusste ich noch, dass du lange Haare hast."

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Verzweifelte Mütter : Nicht ohne meine Kinder

Zweieinhalb Jahre lang hatte Christiane Hirts ihre Frisur nicht verändert. Damit ihre Kinder sie auch nach der unfreiwilligen Trennung erkennen würden. Zweieinhalb Jahre lang hatte Christiane Hirts ihre vom Ex-Mann entführten Töchter in der halben Welt gesucht - und schließlich in einem Kinderheim in South Carolina gefunden.

Der Fall von Carmen, Claire und Christiane Hirts ist einer von vielen. Offizielle Zahlen, wieviele Kinder von einem Elternteil ins Ausland verschleppt werden, gibt es nicht. Bei der Organisation "Committee for Missing Children" schätzt man, dass es jährlich zwischen 1000 und 1500 sind.

Einige Fälle verursachen großes Aufsehen, wie der Fall des Berliner Arztes Peter Tinnemann, der seit drei Jahren den Spuren seiner Tochter über Ungarn und Spanien nach Guatemala folgt. Auch über die Polin Beata Pokrzeptowicz, die Mitte November ihren neunjährigen Sohn aus Düsseldorf entführte, wurde berichtet. Die meisten Eltern und Kinder aber leiden still. Jahrelang, manchmal sogar über Jahrzehnte.

Hier finden Betroffene Hilfe
Committee for Missing Children
Christiane Hirts leitet die europäische Dependance der Organisation "Committee for Missing Children". Betroffene finden hier Rat, Trost und Kontakte zu Anwälten und Institutionen. Die Internetseite informiert über das Haager Abkommen, Kontaktadressen im Ausland und erzählt die Geschichten von Kindern, die wieder zuhause sind - und von Kindern, die immer noch von Mutter oder Vater gesucht werden.
Initiative Vermisste Kinder
Geschäftsführer Lars Bruns und sein Vater Karl unterstützen ebenso wie das "Committee for Missing Children" betroffene Familien. Seit der Gründung 1997 hat die Initiative aus Hamburg 55 Kinder zu dem Elternteil mit Sorgerecht zurückgebracht.
Internationaler Sozialdienst des Deutschen Vereins
Der Internationale Sozialdienst mit einem weltweiten Netzwerk hat es sich zur Aufgabe gemacht, Grenzen zu überwinden, Kinder zu schützen und Familien zu verbinden, wie es auf der Internetseite heißt. Juristen und Sozialarbeiter beraten von Berlin aus Privatpersonen, aber auch Jugendämter und Gerichte bei Konflikten rund um Sorgerecht, Kindesentzug und Familienzusammenführungen.
Bundesamt für Justiz
Das Bundesamt für Justiz in Bonn ist der Ansprechpartner, wenn ein Kind von einem Elternteil in ein Land verschleppt wird, das das Haager Abkommen unterzeichnet hat. Auf der Internetseite befindet sich eine Liste mit den Vertragsstaaten sowie Informationen, wie die Rückführung beantragt wird. Verschwindet ein Kind in einem Land, das das Haager Abkommen nicht unterschrieben hat, können höchstens das Auswärtige Amt, private Institutionen oder Anwälte weiterhelfen.

Beim Bundesamt für Justiz in Bonn wird beobachtet, dass die Zahl der Fälle von Kindesentzug ins Ausland steigt. Unter anderem vermutlich deshalb, weil es immer mehr Elternpaare mit unterschiedlichen Nationalitäten gibt. Dementsprechend steigt auch die Anzahl der gescheiterten binationalen Ehen: Im Jahr 2007 ließen sich 26.000 Deutsche von ihrem Ehepartner mit einer anderen Staatsbürgerschaft scheiden - im Jahr 1991 waren es nur 10.000.

Der lange Kampf um die Kinder

Christiane Hirts hat den Kampf um ihre Kinder damals gewonnen. Um anderen Betroffenen zu helfen, gründete sie vor zehn Jahren die europäische Dependance des "Committee for Missing Children". Jährlich betreut sie 250 Familien, in denen der Streit um das Sorgerecht in einen Kindesentzug mündete. Nach Hirts' Erfahrung werden Kinder ebenso oft von Müttern wie von Vätern entführt - nur bei Elternpaaren mit einem muslimischen Partner sei es fast immer der Mann. "Manchmal rufen mich Eltern nachts an, weil sie Angst haben, verrückt zu werden", sagt Hirts. "Das verstehe ich gut."

Christiane Hirts und ihr Ex-Mann, ein US-Amerikaner, trennen sich im Jahr 1995. "Schon während der Scheidung hat er gedroht, mit den Kindern zu fliehen", erinnert sich Hirts. Sie wendet sich ans Gericht, fleht, ihm den Pass wegzunehmen. Ohne Erfolg. Kurze Zeit später, im Juni 1995, verschwindet ihr Ex-Mann. Mit Carmen und Claire, den gemeinsamen Kindern. Zurück lässt er nur einen Haufen Schulden.

Während der langen Suche nach ihren Töchtern verliert Christiane Hirts ihren Job, ihre Wohnung, all ihre Ersparnisse. Aus Angst um die Kinder kann sie nachts kaum schlafen. Es gibt kein Lebenszeichen von ihnen, zweieinhalb Jahre lang. Die einzige Hoffnung: dass der Ex zu seinen Eltern nach Georgia gegangen ist. "Oft lassen sich gerade Männer in der Nähe ihrer Familien nieder, um Hilfe zu bekommen", sagt sie. Aber ihr Ex-Mann hat alle Spuren verwischt. Erst im Herbst 1998 schaltet sich eine US-Staatsanwaltschaft ein, Polizisten finden die kleinen Mädchen, mittlerweile sieben und acht Jahre alt, im Haus ihrer Großmutter und bringen sie in ein Kinderheim.

Nur 24 Stunden nach dem erlösenden Anruf der Behörden hält Christiane Hirts ihre Kinder wieder in den Armen. Weitere sechs Monate muss sie jedoch mit der US-Justiz kämpfen, bis sie Carmen und Claire zurück nach Deutschland bringen darf. "Hätte ich nicht die Unterstützung des 'Committee for Missing Children' gehabt und eine Anwältin, die meinen Fall kostenlos übernahm - ich hätte meine Kinder aus finanziellen Gründen nicht zurückbekommen", sagt Hirts.



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