Kindheit in der Klosterschule Hölle, lebenslang

In der Suppe, die man ihm vorsetzte, schwamm rohes Fleisch. An Weihnachten wurde er zur Buße tagelang in eine Kammer eingesperrt. Züchtigung war Alltag. Georg Schneider war Klosterschüler bei den Zisterziensern - die Geschichte einer Leidenszeit, die den 60-Jährigen bis heute verfolgt.

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Bibel und Rosenkranz: Die katholische Kirche - "Inbegriff der Intoleranz"
Corbis

Bibel und Rosenkranz: Die katholische Kirche - "Inbegriff der Intoleranz"


Hamburg - Jedes Jahr ist Georg Schneider* erleichtert, wenn er die Weihnachtstage hinter sich gebracht hat. Während alle um ihn herum feiern, muss er sich zusammenreißen, seiner Familie nicht das Fest zu verderben. Jahr um Jahr greift in dieser Zeit die Vergangenheit nach ihm. Eindrücke, Erlebnisse aus der Kindheit sind wieder da, die ihn, den heute 60-Jährigen, immer noch quälen.

Zwei Jahre lang war Georg Schneider in den sechziger Jahren auf dem humanistischen Internat in Mehrerau in Bregenz, damals geführt von Zisterziensermönchen. Seine Eltern wollten das Beste für den Sohn, eine gute Erziehung sollte er bekommen, tüchtig lernen. Wo wäre besser für den Jungen gesorgt als bei den Patres in Mehrerau?

Doch für den elfjährigen Georg beginnt mit der Schulzeit in Bregenz eine Tortur, eine Zeit der Misshandlungen und Erniedrigungen im Namen Gottes.

Jeder Tag beginnt mit dem Morgengebet um 6.30 Uhr in der eiskalten Klosterkirche, dort kauern die Jungs so lange, bis sie durchgefroren sind.

Den ganzen Tag lang erhalten sie Unterricht, auch die Pausen sind nichts, worauf man sich freuen könnte. Im ehrwürdigen Speisesaal des 1097 gegründeten Klosters Mehrerau herrschte beklemmende Stimmung. "Trotz Hunger haben wir uns geweigert, die grausame Suppe zu essen - diesen Klosterfraß, für den meine Eltern teures Geld bezahlen mussten", sagt Schneider. Es sei nichts Außergewöhnliches gewesen, wenn ein Pater in die Schüsseln ein Stück rohes Fleisch oder eine ungeschälte Kartoffel warf und die Kinder zwang, die Suppe auszulöffeln.

"Mein Pater war ein Sadist"

"So füttert man Schweine", sagt Schneider, dessen Eltern damals einen Bauernhof betrieben. "Ich war nicht besonders anspruchsvoll, aber das überschritt die Grenze des Zumutbaren."

Freiräume gab es für die Kinder nicht. "Von 6 Uhr in der Früh bis 10 Uhr nachts - es waren immer dieselben Leute um uns", sagt Schneider. "Jeder Schüler hatte einen persönlichen Pater, der besonders für ihn zuständig war. Meiner war ein Sadist." Während des Unterrichts, der nach Kloster-Gepflogenheiten den ganzen Tag über dauerte, schlich sich der Erzieher oft von hinten an seine Zöglinge heran und schlug ihnen seinen Handknöchel mit voller Wucht auf den Kopf.

Georg Schneider war elf Jahre alt, als er über die Weihnachtsferien eingesperrt wurde - wegen einer "Bagatelle", wie er sagt. Den Heiligabend und weitere sieben Tage musste er in einer Kammer sitzen, mit der Bibel, die er von morgens bis abends lesen sollte. "Alle anderen Kinder waren zu Hause bei ihren Eltern, nur ich nicht", sagt Georg Schneider. "Ich habe acht Tage lang geheult."

Mitschüler seien nachts in die Zelle eines Paters bestellt worden, erinnert sich Schneider. Dort sei ihnen "mit einem Stecken der Hintern versohlt" worden "und was weiß ich nicht alles". Ein anderer Schüler bestätigt, hinter verschlossenen Türen sei es zu sexuellem Missbrauch gekommen. "Sie zwangen uns mit einem Rohrstock, ihre abartigen Wünsche zu erfüllen", sagt ein ehemaliger Mitschüler Schneiders. Ein anderer nahm sich mit 56 das Leben. In seinem Abschiedsbrief erwähnte der Mann die demütigenden Übergriffe, die er nie verarbeitet hatte.

"Wir schämen uns"

Pater Anselm van der Linde, 1994 dem Kloster beigetreten und vor einem Jahr zum Abt ernannt, will die Anschuldigungen der ehemaligen Schüler nicht abstreiten. "Wir machen uns große Sorgen und schämen uns. Vieles ist schiefgelaufen." Er sei bereit, den Schülern bei der Aufklärung zu helfen. "Nur so können sie Gerechtigkeit und Ruhe finden." Wenngleich eine Untersuchung der Fälle schwierig sei, weil die Patres alle tot seien, die zu Schneiders Zeit im Kloster lebten.

"Über diesen Dingen lag ein Mantel des Schweigens", sagt Georg Schneider. "Ich bin erstaunt darüber, dass die Opfer nun überhaupt Gehör bekommen. Aber anscheinend hat die Kirche nicht mehr genug Macht, das zu unterdrücken, was man auch schon vor 50 oder 100 Jahren in jedem Dorf auf dem Land gewusst hat."

Ehrgeiz der Patres sei es gewesen, die Todsünde auszumerzen, die Peccatum Mortiferum, da ist sich Schneider sicher. Dazu zählen im katholischen Katechismus Mord, Ehebruch und Glaubensabfall. "Uns wurde im Kloster allen Ernstes vermittelt, dass schon der Gedanke an ein Mädchen eine Todsünde wäre, der direkte Weg zur Hölle, ohne Rückfahrschein." Ein Mitschüler habe zwei Tage vor dem Abitur das Kloster verlassen müssen, weil sein Patre die Illustrierte "Stern" bei ihm entdeckt hatte und darin Frauen im Bikini abgebildet waren.

"Intoleranz, Demütigung, Angsteinflößung"

"Als Folge haben vielleicht die abendlichen Masturbationen abgenommen, die erzeugten Beklemmungen und Verstörungen fanden jedoch ein Ventil in brutalen Prügeleien und verachtendem Umgang der Schüler untereinander", sagt Schneider. Die katholische Kirche sei für ihn bis heute "der Inbegriff der Intoleranz, der Glaubensübermittlungsversuche durch Demütigung, Angsteinflößung und physischer Gewalt."

Im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) hält Paragraf 1631 fest, dass Kinder ein "Recht auf eine gewaltfreie Erziehung" haben. Seit dem Jahr 2000 ist das Züchtigungrecht der Eltern offiziell abgeschafft. Doch die Beispiele für die Züchtigungen in kirchlichen Kinderheimen und Erziehungsanstalten sind zahllos, auch in der jüngeren Geschichte sind Fälle dokumentiert. Kinder wurden noch 1992 im St. Joseph-Haus in Seligenstadt blutig geprügelt. Im katholischen Stift zu Eisingen nahe Würzburg wurden sie noch 1995 in Badewannen mit kaltem Wasser gesteckt, wenn sie nicht parierten.

Der Missbrauch von Schutzbefohlenen durch Lehrer, Erzieher, Priester, Nonnen ist eines der dunkelsten Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte. Im Skandal um sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche hat es inzwischen sogar erstmals eine Razzia in einem Kloster gegeben: Die Staatsanwaltschaft München ließ das oberbayerische Kloster Ettal durchsuchen. Dort sollen Schüler von Geistlichen sexuell missbraucht worden sein. Rund 20 mutmaßliche Opfer von Missbrauch oder Misshandlung hatten sich vor Tagen gemeldet.

"Eine Form von organisiertem Missbrauch"

Rainer Tessmann aus Heidelberg erlebte die beklemmende, von Drangsalierungen und Demütigungen geprägte Atmosphäre in einem katholischen Kinderheim im Schwarzwald. Sechs Wochen war er im Frühjahr 1968 mit seinem Zwillingsbruder dort untergebracht, als ihre Mutter nach der Geburt ihres dritten Kindes im Krankenhaus lag. Sechs Wochen, so erfüllt mit traumatischen Erlebnissen, dass die beiden Brüder noch heute unter ihnen leiden.

Die beiden damals Sechsjährigen sahen, wie Schwestern Kinder zwangen, so lange zu essen, bis sie erbrechen mussten. Anschließend wurden die Kinder gezwungen, das Erbrochene aufzuessen. Bis heute verursacht allein der Gedanke an bestimmte Gerüche und Mahlzeiten den Brüdern Übelkeit.

Als er nachts ins Bett machte, wurde Rainer Tessmann vor allen Kindern abgemahnt und bloßgestellt. Danach musste er in einem Bett am Rande des Schlafsaals liegen. Er erinnert sich, wie er nach weiteren Malheurs ängstlich und heimlich die nasse Wäsche an einem Heizkörper trocknete.

Mit anderen Bettnässern wurde Tessmann beim Essen an einen abseitigen Tisch platziert, Post und Pakete von zu Hause wurden ihm verweigert. Sein Bruder wurde einmal aus einem Zimmer gezerrt - und kehrte mit einem Hämatom im Gesicht zurück. "Noch heute habe ich all diese würdelosen Behandlungen vor Augen."

Lange war Tessmann und seinem Bruder nicht bewusst, dass man auch im Nachhinein aufschreien kann. Erst als der Bruder einen Zusammenbruch erlitt, setzten sich beide mit dem Erlebten auseinander. Tessmann ist überzeugt, dass in vielen Kinderheimen damals "eine Form von organisiertem Missbrauch herrschte".

Das Heim im Schwarzwald gibt es heute nicht mehr. Tessmann tröstet sich, dass seine erlittenen Qualen im Vergleich zu anderen Missbrauchsfällen "nur sechs Wochen" dauerten - gleichzeitig fühlt er sich hilflos, weil das Erlebte in der therapeutischen Behandlung seines Bruders noch heute Thema ist. "Wir haben gespürt, dass der Mensch keine Waffen braucht, um anderen Angst einzuflößen."

*Name von der Reaktion geändert

Hinweis der Redaktion: Die Mehrerau wurde 1097 von den Mönchen des Benediktinerklosters Petershausen (Konstanz) gegründet. 1854 kauften die Zisterzienser von Wettingen das Anwesen und ließen sich hier nieder. Sie übernahmen das benediktinische Erbe und führen deren Tradition weiter. In einer ersten Version des Textes war versehentlich berichtet worden, dass das Kloster noch immer von Benediktinern geführt wird. Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen.

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