Kindstod in der DDR "Es ist, als habe es meine Mädchen nie gegeben"

Ute L.s Zwillingstöchter sollen kurz nach der Geburt in der DDR gestorben sein. Doch die Mutter hat die Leichen nie gesehen, es gibt kein Grab und keine Totenscheine. Wurden die Kinder für tot erklärt und heimlich von der Stasi zur Adoption freigegeben? Eine Spurensuche.

Ute L. zweifelt am Tod ihrer Zwillinge: "Bin ich verrückt?"
Ute L.

Ute L. zweifelt am Tod ihrer Zwillinge: "Bin ich verrückt?"

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Am Anfang waren zwei Sterbeurkunden und unzählige Fragen. Als die Mecklenburgerin Ute L. das erste Mal SPIEGEL ONLINE kontaktiert, weiß sie selbst nicht so recht, was sie sich erhofft: "Vielleicht bin ich ja verrückt und bilde mir das alles nur ein?", fragt sie unsicher und erzählt dann die Geschichte ihrer "beiden Mädchen", Katja und Claudia, die nicht mehr leben oder vielleicht doch, irgendwo, aber nicht bei ihr.

Die DDR im Jahr 1981:

  • Im Ministerium für Staatssicherheit wird fieberhaft die Rückkehr von Kanzlerspion Günter Guillaume aus westdeutscher Haft nach Ost-Berlin vorbereitet.
  • Im April kommt Bürgerrechtler Matthias Domaschk unter ungeklärten Umständen in Stasi-Untersuchungshaft zu Tode.
  • Nur zwei Monate später wird Werner Teske, Hauptmann im Ministerium für Staatssicherheit (MfS), wegen Landesverrats per Kopfschuss hingerichtet - ohne Vorwarnung und von hinten, wie es in der DDR üblich war.

Große Politik mit brutalen Nebenwirkungen - doch Ute L. aus Warnemünde hat damals andere Probleme. Die 21-Jährige ist schwanger, es gibt Komplikationen. In der 28. Woche wird sie in die Frauenklinik des Bezirkskrankenhauses Wismar gebracht, wegen vorzeitigen Blasensprungs und Verdachts auf Plazenta-Ablösung.

Erst dort erfährt die junge Studentin, dass sie Zwillinge erwartet. Sie harrt aus, in der 31. Schwangerschaftswoche greifen die Mediziner zum Skalpell: L. wird unter Vollnarkose per Kaiserschnitt entbunden. "Es sind zwei Puppen", sagt der Arzt. "Es ist alles in Ordnung."

Ute hört ihre Mädchen noch schreien, dann werden sie weggebracht. Die junge Mutter liegt allein und benommen in einem Zimmer, wird untersucht, bekommt Medikamente und dämmert vor sich hin. Ihr Mann Hartmut darf nicht zu ihr. "Ich war verwirrt, betäubt von Schmerzmitteln. Eine Frau hielt mir ein Schriftstück unter die Nase. Ich habe es unterzeichnet, keine Ahnung was da stand." Dann kommt die erste Hiobsbotschaft: "Katja ist tot, sie hat es nicht geschafft." Nur einen Tag später stirbt auch Claudia, die Erstgeborene, Kräftigere, die immerhin 1450 Gramm auf die Waage gebracht und selbständig geatmet hatte.

Die Eltern sind wie gelähmt. Niemand erklärt ihnen, warum die Kinder starben, niemand führt sie zu den Leichen, um Abschied zu nehmen. "Sie können noch viele Kinder bekommen", tröstet der Arzt und entlässt L. in ihr altes Leben. Sie stellt keine Fragen, nach dem Grab oder dem Obduktionsbericht, auch nicht nach ihrem offenbar verlorengegangenen Mutterpass. "Ich wollte einfach nur raus aus dem Krankenhaus", sagt L. heute und wischt sich die Tränen von der Wange. "Man hat uns gesagt, wir kümmern uns um alles."

"Die Weißkittel waren heilige Kühe"

L. ist eine kleine, freundliche Person mit konzentriertem Blick und einer Brille, die sie strenger aussehen lässt, als sie ist. Eine gestandene Geschäftsfrau, vernünftig und geerdet, doch wenn es um ihre Zwillinge geht, wird sie ängstlich und sucht den Blick ihres Mannes. "Wir hatten keine Lebenserfahrung, für uns waren die Weißkittel wie heilige Kühe, die nur Rechtes tun", sagt Hartmut L. finster und schaut auf die Felder, die sich jenseits seines Wintergartens bis zum Horizont ziehen.

Gemeinsam holte das Paar die Geburts- und Sterbeurkunden ab, wunderte sich dann darüber, dass Ute trotzdem Stillgeld bekam. "Das stinkt zum Himmel", warnte die Großmutter, selbst Mutter von acht Kindern. "Es ist bestimmt alles hundertprozentig korrekt gelaufen", versicherte die behandelnde Frauenärztin.

Die ersten Zweifel waren gesät, doch das Leben ging weiter. Ute bekam weitere Kinder, zwei Söhne, wohlgeratene Jungs, die dem Vater heute im Geschäft zur Hand gehen. Doch es blieb eine Lücke. Eine Leere, die mit den Jahren nicht gefüllt wurde, sondern sich ausdehnte.

In einschlägigen Blogs las L. von Zwangsadoptionen, bei denen Eltern aus politischen Gründen die Kinder weggenommen worden waren. Sie entdeckte Berichte über sehr junge Mütter, die in der DDR Zwillinge gebaren, von denen einer oder beide für tot erklärt, aber in Wahrheit an regimetreue Parteigenossen "verschenkt" wurde. Gezielt seien solche Kinder per Kaiserschnitt entbunden worden, um die Mutter dann noch unter Narkoseeinfluss dazu zu bringen, eine Erklärung zu unterschreiben und den Säugling dann fortzuschaffen, hieß es. Wie bei mir, dachte Ute.

In Sendungen wie "Nur die Liebe zählt" oder der "Oliver Geißen Show" sah sie, wie von der Partei auseinandergerissene Familien nach vielen Jahren wieder zueinander fanden. "Wir waren regimekritisch, aber nicht aktiv", sagt Ehemann Hartmut, ein großer, gutmütiger Mann. Das Paar habe zur katholischen Minderheit in der DDR gezählt, sich in Kreisen bewegt, die der SED traditionell skeptisch gegenüberstanden. Es gab Bekannte, die Ausreiseanträge stellten, einen engagierten Pfarrer, den die Staatssicherheit im Visier hatte. Da war der Freund, einst talentierter Leistungssportler, dem man in Bautzen in Haft die Achillessehne durchtrennte, um ihm eine Lektion zu erteilen.

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Schließlich die seltsame Geschichte mit dem Autounfall, 1980, als Ute, Hartmut und die Schwiegereltern gegen einen Baum fuhren. Alle Beteiligten kamen mit leichten Verletzungen davon. Doch noch im Krankenhaus bekam Ute mehrmals Besuch von einem Polizisten, der sie aufforderte, gegen ihren damaligen Verlobten Strafanzeige zu erstatten. Sie weigerte sich. Dennoch wurde Hartmut wegen fahrlässiger Körperverletzung angeklagt und zu einer 18-monatigen Haftstrafe auf Bewährung verurteilt. Außerdem wurde er exmatrikuliert. "Ich kann mir gut vorstellen, dass die Zwillinge an Stasi-Hardliner gegeben wurden - als Geschenk für ihre Systemtreue", sagt er heute. "Ich traue das dem System zu."

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insgesamt 84 Beiträge
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Seite 1
makutsov 02.12.2010
1. Dokumente?
Hätte man nicht die vorhandenen Dokumente mit ausgeschwärzten Namen veröffentlichen können? So ergibt sich kein schlüssiges Bild! Alle Dokumente fehlen, aber das Krankenhaus hat doch Akten? Oder sind die gefälscht? Nichts genaues weiß man nicht!
dandy 02.12.2010
2. In der Bundesrepublik
wird mit behinderten Menschen noch viel schlimmer umgegangen !
loncaros 02.12.2010
3. t
Zitat von dandywird mit behinderten Menschen noch viel schlimmer umgegangen !
In der BRD werden behinderten Menschen mit Hilfe einer gefälschten Sterbeurkunde die Kinder weggenommen? Und was soll da "noch viel schlimmer" sein? Immer diese SED-Diktatur-Schönredner. Genausoschlimm wie die Revisionisten des Dritten Reichs.
gloton7, 02.12.2010
4. Wichtiges Thema
Zitat von sysopUte L.s Zwillingstöchter sollen kurz nach der Geburt in der DDR gestorben sein. Doch die Mutter hat die Leichen nie gesehen, es gibt kein Grab und keine Totenscheine. Wurden die Kinder für tot erklärt und heimlich von der Stasi zur Adoption freigegeben? Eine Spurensuche. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,730908,00.html
Es erinnert an die Vorgehensweise der Nazis, regimekritische Menschen zu sterilisieren. Ich wünschte mir eine ebenso intensive kriminalistische Betrachtung der Vorgänge um World Trade Center Gebäude 7 - der 11. September ist noch lange nicht aufgeklärt, die Wahrheitsbewegung wird immer größer.
Adlhoch 02.12.2010
5. Wunderbar!
Zitat von dandywird mit behinderten Menschen noch viel schlimmer umgegangen !
Ach so, dann ist ja alles wunderbar. "Oben sticht unten" oder wie?
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