Richtungsstreit der Katholischen Kirche Schlacht im Vatikan

Hat der Papst einen Hirntumor? Das behauptet eine Zeitung, der Vatikan dementiert. Die Meldung platzt in die entscheidende Phase der Bischofssynode in Rom - eine Intrige?

Von , Rom

Bischöfe auf dem Petersplatz: Diskussionen zwischen Lehre und Leben
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Bischöfe auf dem Petersplatz: Diskussionen zwischen Lehre und Leben


Warum gerade jetzt? Ausgerechnet zu Beginn der Schlussrunde der römischen Synode, in der "die kritischen Fragen" auf dem Programm stehen, wie der österreichische Bischof Benno Elbs meint. In einem "sehr delikaten Augenblick", wie Jesuiten-Pater Antonio Spadaro, Direktor der Zeitschrift "Civiltà Cattolica" und enger Vertrauter des Jesuiten-Papstes, in einem "Radio Vatikan"-Interview sagte, in dem "die Beziehung zwischen Kirche und Welt auf dem Spiel" stehe. Zufall?

Vor Monaten, schreibt die Internetzeitung "Quotidiano nazionale", sei der Papst in einer Spezialklinik in der Nähe von Pisa gewesen, habe sich dort von Professor Takanori Fukushima, einem berühmten japanischen Spezialisten, untersuchen lassen. Der habe "einen Tumor im Gehirn" des Papstes entdeckt, der aber "heilbar" sei, auch "ohne Operation". Lange habe man gezögert, die Story zu veröffentlichen, aber dann habe man es als Pflicht angesehen.

Und diese Erkenntnis kam gerade jetzt? In der Schlusswoche der Bischofsversammlung in Rom? Ein auf den optimalen Moment gezielter Journalisten-Coup oder von Informanten platzierte Munition für eine Schlacht? Der Vatikan hat den Bericht deutlich dementiert.

Vatikan-Sprecher Federico Lombardi: "Komplett gegenstandslose Berichte"
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Vatikan-Sprecher Federico Lombardi: "Komplett gegenstandslose Berichte"

Wer könnte von dem Bericht profitieren? Ein kranker Papst insinuiert, ob zurecht oder nicht: ein schwacher Papst. Einer, auf den man nicht setzen muss, der vielleicht schon bald so geschwächt ist, dass er an Rücktritt denkt.

Das sind Spekulationen, gewiss. Aber als das Geraune in Rom über den schwachen, amtsmüden oder -unfähigen Papst Benedikt XVI. begann, war auch sehr schnell das Gerücht in Umlauf, er habe einen Tumor. Und Feinde, die ihn weghaben wollen, hat dessen Nachfolger, dieser "Papa argentino", wie sie ihn mit leichtem Unterton nennen, mehr als genug.

Da sind die Erzkonservativen aus Nord- und Südamerika, viele Afrikaner, Osteuropäische Gralshüter der reinen Lehre und nicht zuletzt manche, vielleicht auch viele aus der römischen Kurie, die ein schönes Leben hatten. Bis Jorge Mario Bergoglio kam, und begann, vieles umzukrempeln.

Nicht ganz auf Linie: Papst Franziskus sagt "Hallo"
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Nicht ganz auf Linie: Papst Franziskus sagt "Hallo"

"Wir sind Zeugen der dritten symbolischen theologischen Schlacht", erklärte Kurienkardinal George Pell gerade in einem Interview mit der französischen Zeitung "Le Figaro". Pell, einer der Anführer des konservativen Blocks in der katholischen Kirche, spricht von einem Kampf "zwischen zwei deutschen Theologen und zwei Visionen, jener von Kasper und jener von Ratzinger". Er hoffe, dass am Ausgang der Synode Klarheit stehe.

Klarheit, ob die Dogmatiker siegen, die keinen Buchstaben von der zweitausendjährigen, reinen, biblischen Lehre abweichen wollen. Wie Joseph Ratzinger, der emeritierte Papst Benedikt XVI. Oder ob sich die Reformer durchsetzen, mit ihrer Galionsfigur, dem emeritierten Kardinal Walter Kasper. Für den gibt es "nicht nur die abstrakte Lehre, sondern auch das konkrete Leben".

Die angesprochenen Deutschen reagierten indes mit scharfen Worten auf Pell. "Die gebrauchten Bilder und Vergleiche sind nicht nur undifferenziert und falsch, sondern verletzend. Wir distanzieren uns entschieden", kritisierten sie im Zwischenbericht ihrer Diskussionsgruppe, der am Mittwoch veröffentlicht wurde.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, sagte: "Wir sind bei der Synode nicht in einer Schlacht, es heißt nicht Ratzinger gegen Kasper."

Kardinal Walter Kasper: Galionsfigur der Reformer
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Kardinal Walter Kasper: Galionsfigur der Reformer

Also zur Debatte. Es geht um die Frage, was mehr zählt: das in Stein gemeißelte Wort oder die erratischen Windungen des gelebten Lebens? Der Streit darüber begleitet die katholische Kirche, wie die meisten Religionen, über die Jahrhunderte. Jetzt in Rom, beim Welttreffen ihrer Oberpriester zum Themenkreis "Ehe und Familie", macht die Diskussion sich vor allem an Fragen fest, wie die Kirche mit Menschen umgehen soll, die nach einer gescheiterten Ehe ein zweites Mal heiraten. Oder auch, wie sie umgehen soll mit gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Zumindest aus europäischer Sicht sind das die Prüfsteine. In anderen Teilen der Welt sieht man das schlichter.

Bischof Miguel Ángel Cabello Almada aus Paraguay zum Beispiel, erzählt von daheim, wo wiederverheiratete Geschiedene ihren Ausschluss von den Sakramenten zwar "als Mangel" empfänden, zumal, wenn ihre Kinder sie fragten, warum sie nicht zur Kommunion gingen. Aber "den meisten ist einfach klar, dass sie in einer speziellen Lage sind und, solange das nicht gelöst wird, eben nicht zur Kommunion gehen könnten". Gleichwohl, so der südamerikanische Bischof, könnten sie "prachtvolle Helfer in der Seelsorge" sein.

So sähen es die meisten Synodalen, behauptet denn auch George Pell. Selbst der Kompromissvorschlag, wiederverheiratete Geschiedene, wenn schon nicht generell, so doch in bestimmten Einzelfällen zur Kommunion zuzulassen, finde gewiss keine Mehrheit. Von 248 Wortbeiträgen in der Synode hätten sich nur "weniger als 20" für solche Einzelfalllösungen ausgesprochen.

Tür auf, Tür zu

Immerhin hat ein anderer Wortführer der "Nichts-verändern"-Front, der deutsche Kurienkardinal und Chef der mächtigen Glaubenskongregation, Gerhard Ludwig Müller, sich etwas bewegt und hält nun eine solche Lösung in "extremen Ausnahmefällen" für vorstellbar. Darum hofft der Reformer Walter Kasper weiter, dass die Synode sich am Ende auf die eine oder andere Weise für eine "Öffnung" gegenüber solchen Zweitehen für die Kommunion ausspricht.

Im Zwischenbericht jedenfalls betont die deutsche Gruppe, "unbarmherzige Haltungen" der Kirche hätten Leid über Menschen gebracht, "insbesondere über ledige Mütter und außerehelich geborene Kinder, über Menschen in vorehelichen und nichtehelichen Lebensgemeinschaften, über homosexuell orientierte Menschen und über Geschiedene und Wiederverheiratete."

Marx sprach sich für eine offene Haltung gegenüber Geschiedenen aus und schob hinterher: "Ich hoffe, dass es keine Synode der geschlossenen Türen, sondern der offenen Türen sein wird."

Dagegen versuchen Pell und seine Freunde schon vorsorglich eine andere, in Rom diskutierte und sogar vom Papst ins Spiel gebrachte Idee zu verbauen. Den Vorschlag, den nationalen Bischofskonferenzen in diesen Fragen einen Ermessensspielraum einzuräumen, bügelt Pell im "Figaro"-Interview gleich mit ab. Die Kirche könne "zwei Menschen in derselben Situation nicht in Polen sagen, es ist ein Sakrileg, zur Kommunion zu gehen, und ein paar Kilometer entfernt in Deutschland eine Quelle der Gnade sein".

Wie stark sind die Traditionalisten wirklich? Werden sie sich durchsetzen? Noch bleibt das unklar, viele Teilnehmer der Synode halten sich bislang bedeckt.

Manche aber erregen sich inzwischen über die sturen Neinsager. Es gebe "einige Bischöfe, die finden, wir sollten über all das am besten überhaupt nicht diskutieren," polterte Kardinal Donald Wuerl, Erzbischof von Washington, in einem Interview los. Das seien jene, "die während der letzten Synode dauernd Interviews gaben und behaupteten, dass es Intrigen und Manipulationen gebe". Er frage sich, "ob einigen dieser Leute einfach dieser Papst nicht passt".

Frischvermählte Paare bei der Generalaudienz: Was tun, wenn's nicht die erste Hochzeit ist?
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Mit Material der dpa

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