Synode 2015 Der Papst und die Fragen des Lebens

Sexualmoral, gleichgeschlechtliche Liebe, wiederverheiratete Geschiedene: Unter Papst Franziskus diskutiert die Kirche so offen wie lange nicht mehr - auch wenn die alten Gesetze weiter gelten.

Franziskus mit Kind vor dem Petersdom: Neuer Ton in der katholischen Kirche
DPA/ Osservatore Romano

Franziskus mit Kind vor dem Petersdom: Neuer Ton in der katholischen Kirche


Was bringt das neue Jahr? Welche Menschen und Themen werden 2015 wichtig? Das erklären wir in dieser Serie.


Für 90 Euro gibt es die Taufe oder, je nach Bedarf, die Sterbesakramente. Pro Trauung verlangt der Pfarrer der Gemeinde Villa di Baggio - einem toskanischen Dorf bei Pistoia - 190 Euro. Damit seine Schäfchen nicht länger verdruckst fragen müssen, was sie ihm für dieses oder jenes Sakrament in die Hand drücken sollen, hat er in seiner Kirche eine Preisliste ausgehängt. "Nur als Richtwert", sagt er, "ohne Verpflichtung". Aber die Gemeinde müsse schließlich begreifen, dass sie die Kirche "unterstützen muss". Die Gemeinde freilich hat sich lieber empört und dem Chef des Pfarrers in Rom einen bösen Brief geschrieben. Und der Papst hat sich richtig aufgeregt, wie man hört.

"Widerlich" findet Franziskus den Tausch "Sakramente gegen Geld", der in vielen Gemeinden Italiens gängige Praxis ist, auch in Rom. Das sei nicht seine Kirche, sagt der Papst, er wolle eine ganz andere, "eine arme und demütige Kirche". An der will er 2015 eifrig weiter bauen.

Bei diesen Bauarbeiten könnte eines Tages auch die deutsche Kirchensteuer ins Blickfeld von Franziskus geraten. Denn zwischen der Zugspitze und der Insel Sylt ist das Geschäft Sakramente-gegen-Geld perfekt automatisiert. Etwa fünf Milliarden Euro bringt die Kirchensteuer der katholischen Kirche im Jahr ein. Und wenn jemand keine Kirchensteuern mehr zahlen, aber trotzdem gläubiger Christ und Mitglied der Gemeinde bleiben will, dann sagen Kirche und staatliche Justiz übereinstimmend: Das geht nicht. Ohne Kirchensteuer keine Sakramente - das verkündeten die deutschen Bischöfe 2012 per Dekret. Ist das die "arme und demütige" Kirche, die der Papst im Blick hat?

Mächtige Posten werden neu besetzt

Der Kirchen-Umbau fange jetzt erst richtig an, sagen manche, die den Papst näher kennen. Was und wie er vieles ändern will, das wisse er vermutlich selbst noch nicht genau. Aber er werde viele überraschen. Manche wohl auch bitter enttäuschen.

Beim Weihnachtsempfang der Vatikanverwaltung ging Franziskus erneut hart mit seinen Leuten ins Gericht. Von 15 Krankheiten in der Kurie sprach er, von "spirituellem Alzheimer" und der "Krankheit der Rivalität und Eitelkeit". Sie müsse sich ändern: "Eine Kurie, die sich nicht selbst hinterfragt, die sich nicht modernisiert, die sich nicht bessert, ist krank." Starke Worte, wie man sie kennt von diesem Papst. Die Frage ist: Wird die Kirche ihm folgen auf dem Weg der Erneuerung?

Tatsächlich sind seine Chancen gestiegen, die Kirche in seinem Sinne umzukrempeln. Denn führende Vertreter der konservativen Garde hat er entmachtet. Allen voran seinen lautesten Kritiker, den US-Kardinal Raymond Leo Burke.

Der fand die meisten Debatten der Synode ärgerlich und überflüssig, der Papst sorge nur für Verwirrung in der Gemeinde. Der Kirche fehle Führung. Burke, bislang Präfekt des obersten vatikanischen Gerichtshofes, darf nun den Malteserorden kommandieren.

Den mächtigen Kirchenfürsten Tarcisio Bertone, lange Zeit die Nummer zwei im Kirchenreich und ein gewiefter und gefürchteter Intrigant, schickte er in den Ruhestand. Selbst den Chef der Schweizergarde hat er ausgetauscht, weil der Amtsinhaber ihm, wie es hieß, zu martialisch auftrat.

Stattdessen übernehmen vergleichsweise junge Männer, die nicht in der römischen Binnenwelt der Kurie, sondern "draußen" Karriere gemacht haben, wichtige Positionen. Ein typisches Beispiel ist der neue Vatikan-Außenminister Paul Richard Gallagher. Der Brite ist "nur" 60 Jahre alt, hat in Asien, in Afrika, in Lateinamerika und zuletzt in Australien gelebt und gearbeitet.

Deswegen setzen vor allem Katholiken in Europa große Erwartungen in die nächste Synode im Herbst 2015. Da wollen der Papst und die Bischöfe aus aller Welt vielleicht endlich lösen, was auf der Synode 2014 als Problem erkannt und diskutiert wurde. Dazu gehören brisante Themen: Die katholische Sexualmoral, die von vielen Gläubigen als lebensfremd empfunden wird; die Ausgrenzung von Geschiedenen in zweiter Ehe; die Ansprüche von Katholiken in homosexuellen Partnerschaften.

Wie reformfreudig ist der Papst wirklich?

Schriftliche "Grundzüge" für die Diskussionen hat der Vatikan kürzlich veröffentlicht - mit 46 Fragen dazu, die nun von Katholiken in aller Welt diskutiert und bis zum April beantwortet werden sollen. Daraus wird dann das Arbeitspapier (Instrumentum Laboris) für die Synode 2015 erstellt. Das entscheidende Wort hat natürlich der Papst. Darauf ruhen die Hoffnungen vieler bislang Ausgegrenzter.

Dieser Papst ist zwar weltoffen, Internet-affin und eher nonkonformistisch-antikapitalistisch als bürgerlicher Hardliner. Doch bei fundamentalen Glaubensfragen ist der fröhliche Franziskus oft konservativer, als es seine fast 15 Millionen Twitter-Follower sich vermutlich vorstellen können. Er wolle die Kirchentüren für wiederverheiratete Geschiedene "ein wenig weiter öffnen", sagte er kürzlich in einem Interview mit der argentinischen Tageszeitung "La Nacion". Aber sie zur Kommunion zuzulassen, fügte er sofort dazu, sei "keine Lösung". So ähnlich steht es auch im "Grundzüge"-Papier.

Auch gleichgeschlechtliche Paare sollten keine Revolution erwarten. Die Synode wird keine Homo-Ehe anerkennen, auch nicht ein bisschen. Sie wird darüber reden, wie die Kirche Familien mit homosexuellen Kindern helfen kann. Und wie man Menschen "mit homosexueller Orientierung" - so das Vatikan-Papier - "mit Respekt und Feingefühl" und "ohne ungerechte Diskriminierung" begegnen könne.

Es gehe ihm nicht darum, "die Lehre zu ändern", sagt Franziskus immer wieder. Wichtiger sei "viel Erbarmen und Aufmerksamkeit für die konkreten Lebenslagen" - dabei hält er sich gewiss nicht zufällig an eine Stelle aus der Enzyklika "Humanae Vitae" von Papst Paul VI. Diese Enzyklika zementierte 1968 viele jener Regeln, die in der katholischen Kirche noch immer gelten. Papst Paul VI. bekam wegen seines radikalen Verbotes der Empfängnisverhütung damals den spöttischen Beinamen "Pillen-Paul". Franziskus hat ihn vor ein paar Wochen "selig" gesprochen.

insgesamt 70 Beiträge
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monolithos 22.12.2014
1. 5000000000 Euro Katholische Kirchensteuer im Jahr?
5000000000 Euro im Jahr für die katholische Kirche allein in Deutschland! In US-Dollar umgerechnet dürfte eine 6 vorne stehen. Und da regen wir uns auf, wenn der IS 1000000 US-Dollar pro Tag einnimmt, also auf Jahr gerechnet gerade mal 6% davon? Dessen Gegenwart ist auch nicht blutiger als die Vergangenheit der RKK. Wahnsinn! Und für den kirchlichen Geldfluss sorgt auch noch der Staat. Damit die Katholische Kirche sich auf ihre Kernaufgaben konzentrieren kann: Frauen zu diskriminieren und Mitarbeitern das zu verbieten, was überhaupt erst dazu geführt hat, dass sie geboren wurden: Sex. Oder sind Päpste und Priester inzwischen auch das Ergebnis unbefleckter Empfängnis? Ich bin da vielleicht nicht so auf dem Laufenden ...
Dieter62 22.12.2014
2. Im zu 88% katholischen
Mexiko ist Kirche und Staat getrennt. Schon seit 1920 rum, als die 1910 er Revolution langsam am Abklingen war. Ich habe dort in 21 Jahren nicht einen Peso Kirchensteuer bezahlt. So etwas gibt es dort nicht. Was es gibt ist eine jährliche Spende in der Höhe eines Tageslohnes - freiwillig. Und die Sakramente wurden zumindest an unserem damaligen Wohnort nicht in Rechnung gestellt. Man kann aber schon etwas in den Klingelbeutel tun. Dem Glauben der Mexikaner hats nicht geschadet, obschon eine Mehrheit auch dort durchaus als säkular gelten darf. Eine Kirchenaustritt gibt es ebenfalls nicht, wer nicht in die Messe gehen will lässt es eben bleiben. Ich sehe nicht ein, weshalb man dies in Europa nicht ebenfalls tun kann. Eine jährliche Spende, voll von der Steuer abzugsberechtigt, und gut ist. Sage ich als durchaus Regelmässiger sowohl sonntags als auch an Feiertagen. Dann sollte dann aber die Regierung bzw säkulare Gesellschaft gefälligst auch die Nase raushalten aus Dingen wovon sie nichts versteht, wie z.B. wer Bischof wird, und ob Frauen Priester sein können. Der Unterhalt der zum Teil denkmalgeschützten Kirchenbauten sollte dann aber vom Staat übernommen werden und der jeweiligen Gemeinde vielleicht vermietet werden. Die meisten alten Kirchen sind für den heutigen Gottesdienst kaum noch zweckmässig, da entweder zu gross, zu klein, zu dunkel und zu kalt, oder am falschen Ort.
never-stop 22.12.2014
3. Rührend
Man fragt sich fassungslos ob dieser Riesen-Apparat, der erhebliche Mittel verschlingt, und auf Millionen Köpfe echten Einfluss hat, nichts besseres zu tun hat als darüber nachzudenken ob ein Wiederverheirateter der unschuldig geschieden wurde, vielleicht doch seine Sünden beichten darf? Im Zusammenhang mit der aktuellen Islam-Diskussion wurde mir deutlicher bewusst welches Potential an gefährlicher Verrücktheit in allen diesen Religionen liegt. Christentum und Islam haben das in der Vergangenheit reichlich beweisen, der Islam tut es heute noch. Da muten diese Prälaten die in ihren kostbaren Kostümen endlos über Kuriositäten debattieren harmlos an. Aber der Weg der Menschheit kann nicht darin liegen dass der Islam nun auch gezähmt wird wie das Christentum. Der Weg muss darin liegen dass Religionen stärker aus dem Politischen fern gehalten werden und rein privaten Charakter erhalten. CDU/ CSU müssten irgendwann ihr C abgeben. Machen sie wahrscheinlich ohnehin um Muslime zu gewinnen. Ausserdem ist diese Christlichkeit wohl eher ohnehin ein Witz, wenn man beispielsweise die Sozialpolitik anschaut. Es wird Zeit für die Vollendung von Aufklärung und Säkularisierung. Auch wenn derzeit der Monotheismus in seinen Spielarten ziemlich viel Aufmerksamkeit bekommt. Irgendwann haben hoffentlich die Menschen die Schnauze voll davon, besinnen sich auf ihre Verfassungen als Wertegrundlage und erkennen dass man als Unreligiöser ebenso ethisch handeln kann. Die Gesellschaft braucht dafür keine Religion, im Gegenteil hat diese unterm Strich mehr unnötiges Unheil angerichtet als Gutes geschaffen. Wenn man von den hübschen Gebäuden absieht. Wer denken will und kann soll es tun.
monolithos 22.12.2014
4.
Zitat von Dieter62Mexiko ist Kirche und Staat getrennt. Schon seit 1920 rum, als die 1910 er Revolution langsam am Abklingen war. Ich habe dort in 21 Jahren nicht einen Peso Kirchensteuer bezahlt. So etwas gibt es dort nicht. Was es gibt ist eine jährliche Spende in der Höhe eines Tageslohnes - freiwillig. Und die Sakramente wurden zumindest an unserem damaligen Wohnort nicht in Rechnung gestellt. Man kann aber schon etwas in den Klingelbeutel tun. Dem Glauben der Mexikaner hats nicht geschadet, obschon eine Mehrheit auch dort durchaus als säkular gelten darf. Eine Kirchenaustritt gibt es ebenfalls nicht, wer nicht in die Messe gehen will lässt es eben bleiben. Ich sehe nicht ein, weshalb man dies in Europa nicht ebenfalls tun kann. Eine jährliche Spende, voll von der Steuer abzugsberechtigt, und gut ist. Sage ich als durchaus Regelmässiger sowohl sonntags als auch an Feiertagen. Dann sollte dann aber die Regierung bzw säkulare Gesellschaft gefälligst auch die Nase raushalten aus Dingen wovon sie nichts versteht, wie z.B. wer Bischof wird, und ob Frauen Priester sein können. Der Unterhalt der zum Teil denkmalgeschützten Kirchenbauten sollte dann aber vom Staat übernommen werden und der jeweiligen Gemeinde vielleicht vermietet werden. Die meisten alten Kirchen sind für den heutigen Gottesdienst kaum noch zweckmässig, da entweder zu gross, zu klein, zu dunkel und zu kalt, oder am falschen Ort.
Außer im deutschsprachigen Raum gibt es nirgendwo auf der Welt Kirchensteuer. Nirgendwo sonst auf der Welt bedient sich die Kirche staatlicher Behörden zur Zwangseintreibung von Geld.
Pfaffenwinkel 22.12.2014
5. Bis sich die KK
wenigstens ansatzweise wieder der Lehre Jesus nähert, ist es ein langer Weg. Ein Papst alleine schafft das gar nicht.
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