Protest-Andacht in Limburg "Herr Bischof, wir haben es satt!"

Der innerkirchliche Konflikt um den skandalträchtigen Umbau der Limburger Bischofsresidenz schlägt immer höhere Wellen. Vor dem Dom demonstrierten am Sonntag Gläubige, was sie unter Kirche verstehen - und gegen den Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst. Da kollidieren Welten.

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Von , Limburg


Es ist kalt auf dem Limburger Domberg, aber immerhin nieselt es nicht mehr wie noch am Morgen. Jochen Schaefer, Pastoralreferent von der katholischen Domkirchengemeinde Wetzlar und einer der Initiatoren der heutigen Aktion, läuft Kreise, um die Menschen zum Bleiben zu bewegen. "Sie wissen, dass wir hier heute ab 11.55 Uhr eine Andacht vor dem Dom haben?", fragt er.

Nicht alle wissen das. Vor dem Dom mischen sich Demonstranten mit Passanten und einem Heer von Medienleuten. Mittendrin steht eine Gruppe Rentner mit amtlichem Fremdenführer, der die Architektur des Doms erklärt, während sich seine Gruppe etwas ratlos den kleinen Menschenauflauf und die vielen Kamerateams ansieht.

Erst am Freitag hat Schaefers Wetzlarer Initiativgruppe per Internet dazu aufgerufen, am Sonntag vor dem Limburger Dom "andere Lieder" zu singen - ein Abgesang auf denumstrittenen Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst. Was natürlich keine Demonstration im eigentlichen Sinne ist, sondern eine Art Fürbitten-Gottesdienst im Freien. Nur eben mit einem klaren Ziel: "Herr Bischof", heißt es höflich auf den überall ausliegenden, kleinen Postkarten in bischöflichem Magenta, "wir haben es satt! Treten Sie zurück!"

Dreißig Minuten, bevor die "VOLksLVERSAMMLUNG 5vor12" beginnen soll, ist die Zahl der Interessierten noch geringer als die der Kamerateams, Fotografen und Reporter. Wer sich heute nicht wegduckt, wird interviewt. Es wird Limburger Passanten geben, die man am Abend bei Sat.1, ZDF, der ARD und RTL sehen kann.

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Limburg: "Treten Sie zurück!"
Als sich die Tore des Doms öffnen und eine kleine Schar Gottesdienstbesucher herauskommt, zeigt sich, dass auch Limburgs Katholiken durchaus nicht alle Gegner des Bischofs sind. Eine Frau nimmt eine der Protestkarten an, liest sie, schüttelt den Kopf und zerreißt sie. Schneller als der Wind die Fetzen verwehen könnte, ist ein Kamerateam bei ihr, doch sie wehrt ab: "Ich sage dazu nichts."

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Limburger Bischof: Reise nach Rom
Schnell leert sich der Domplatz wieder, die Organisatoren demonstrieren Zuversicht. "Das war ja eine ziemlich spontan organisierte Sache", sagt Schaefer und reibt sich die Hände warm. "Schwer abzuschätzen, wie viele da kommen." Noch zehn Minuten.

Er selbst ist mit einem jugendlichen Kamerateam unterwegs, Ehrenamtliche aus der kirchlichen Jugendarbeit von Wetzlar. Alle, die da heute der Kälte trotzen, verstehen sich als Gläubige. Als Schaefer sie zur Andacht vor das Domportal ruft, kommen dann doch mehr zusammen, als man vorher gedacht hätte: Gut 150 Teilnehmer zählt die Menge, die nun einen Ring um den Ring der Kamerateams bildet. Die haben Schaefer und den Theologen Frank Speth im Visier, die die Andacht eröffnen. Speth ruft: "Lieder nicht des Reichtums und des Klerikalismus wollen wir singen. Sondern Lieder von Transparenz und Demokratie."

Noch deutlicher werden die Menschen, die gekommen sind, als sie reihum aufgefordert werden, etwas zum Thema zu sagen. "Ich bin hier, weil ich mir meinen Glauben nicht kaputtmachen lassen will", sagt eine Frau. 62 Jahre sei sie "überzeugte Christin", das ließe sie sich von "irgendwelchen Klerikern" nicht vermiesen. "Ich bete für die Heilung von der Großmannsucht unseres Bischofs", sekundiert ein anderer.

Applaus brandet auf, als die Glocken des Doms zu Mittag nicht zwölfmal schlagen, sondern 13-mal. Als darauf die Fürbitten gesprochen werden, sagt einer: "Herr, helfe unserem Bischof, der vielleicht auch krank ist."

Kirche ohne Kontakt zum Leben

Für Hans-Otto S. ist das alles nur Ausdruck eines strukturellen Problems. Viel zu viel Geld hätte diese Kirche, und dabei ihre Orientierung verloren. "Ist Ihnen aufgefallen", fragt ein Rollstuhlfahrer, "dass man nicht nur mit keinem Rollstuhl in den Dom kommt? Man kommt noch nicht einmal auf die Domplatte." Stimmt, das verhindert eine gut und gern 30 Zentimeter hohe Stufe. "Es würde nur ein paar hundert Euro kosten, das zu ändern. Dafür ist kein Geld da, aber für 15.000-Euro-Badewannen."

Was nicht stimmt, wie man bald darauf erfährt: Nur, dass das Geld eben nicht von der Kirche kommt. Eine ehrenamtlich Engagierte berichtet, dass Gemeindemitglieder auf eigene Initiative 10.000 Euro gesammelt haben, um den Dom "für Kinderwagen und Rollstühle erreichbar" zu machen.

Man hat das Gefühl, dass es fast allen hier genau darum geht: Um die Frage falscher Prioritäten und Orientierungen. Der Prunk, der Zölibat, die Behandlung von Frauen, über vieles regen sich die Anwesenden auf. Sie stehen da auch in der Kälte, um zu zeigen, dass die Kirche den Kontakt zum Leben verloren hat.

"Sehen Sie sich den Bau doch mal an!", sagt ein älterer Herr erregt. "Wunderschön da drinnen, ich war ja bei der Führung dabei. Aber gesichert wie eine Festung!"

Das stimmt, auf die Stahltore wäre manche Bank stolz, da kommt nicht nur keiner raus, sondern auch keiner rein. Am Ende der Andacht bildet die Menge eine Menschenkette und zieht hinüber zu dem prächtig-trutzigen Bau. "Wir wollen ihn umzingeln", sagt der Theologe Speth, "aber nicht um ihn zu bedrohen, sondern um ihn zu schützen." Was natürlich eine Frage der Perspektive ist. Manchmal wirkt ja schon Bewegung wie eine Bedrohung.

Die Zahl der Demonstranten reicht knapp, den Ring zu schließen. Ein letztes Gebet, ein letzter Applaus. Drinnen regt sich nichts. Der Bischof ist in Rom, weiß die Menge inzwischen, aber auch sonst ist nichts zu sehen hinter den Mauern und schweren metallenen Gittern. "Da drin", sagt ein Mann, bevor er geht, "lebt nichts".

Den Eindruck kann man bekommen. Ganz anders als draußen.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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winnie123 13.10.2013
1. Staatliche Zuschüsse für Denkmalschutz
Es ist schon abartig, wie über die Aufwendungen für den Bischofssitz in Limburg gelästert wird. Eigentlich sollten sich die Bürger darüber freuen, dass die Innenstadt durch dieses Bauensemble architektonisch aufgewertet wird. Offenbar mussten historische Gebäude aufwändig restauriert werden. Hat der Bauherr, das Bistum Limburg, schon staatliche Zuschüsse dafür erhalten? Es ist doch durchaus üblich, dass bauliche Maßnahmen, die dem Denkmalschutz dienen, durch den Staat finanziell gefördert werden.
bb.neumann 13.10.2013
2. Ein schlimmer Finger!
Da schleicht sich dieser Bruder Protz doch tatsächlich zu einem Billigflieger und schlägt nun doch (hoffentlich ausgeruht) in Rom auf. Man kann gespannt sein, welche Geschichten er dem Papst auftischen wird. Ich vermute, der Bischof wird von seinen bösen Gläubigen verleumdet und verfolgt. Wenn es nicht so traurig wäre, wúrde ich drüber lachen.
Schlaflöwe 13.10.2013
3. Vertreter der alten Kirche
die Zeit der barocken Fürstbischöfe, die ihre Herrsch- und Prunksucht ausleben, vom Kirchenvolk Demut und Untertänigkeit erwarten, läuft, zumindest in Deutschland, so langsam ab. Wenn man liest, wie Herr Tebartz die Gesamtkosten seiner Maßlosigkeit in Einzelteile zerlegt hat, um dem Genehmigungszwang zu entgehen, wie er seine Gremien und auch den Vatikan getäuscht, dann muss man von einem hohen Maß an krimineller Energie ausgehen.
rauolduke 13.10.2013
4. Gegen den Rücktritt
Ich bin gegen den Rücktritt denn je mehr solcher Leute die Kirche blamieren desto mehr Menschen finden vielleicht den Weg zum Standesamt und kehren diesem Verein rückwärtsgewandter alter Männer mit krimineller Vergangenheit den Rücken zu.
kreisklasse 13.10.2013
5. Eine katholische Parallelwelt
scheint in Limburg zu existieren. In anderen Bistümern fährt die katholische Kirche dagegen ein rigoroses Sparprogramm, das sich weniger am Glauben als an ökonomischen Effizienzkriterien orientiert. Gemeinden werden aufgelöst, altehrwürdige Gotteshäuse zu Filialkirchen oder gar abgerissen. Der Grund und Boden, der einst der Kirche von den Städten und Gemeinden geschenkt wurde, wird teilweise für den Bau von Luxusimmobilien verhökert. Die Inneneinrichtungen, oft von Spenden vieler armer Gläubiger finanziert, ins benachbarte katholische Ausland verschenkt (?). Das ist doch der eigentliche Skandal. Da muss man auch nicht diskutieren, ob dieses absurde Stück Architektur die Limburger Altstadt bereichert.
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