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Umsiedelung von Kiruna in Schweden: Der Mega-Umzug

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Schwedische Stadt Kiruna: Flucht vor der Mine Fotos
Getty Images

Eine Stadt wird umgesiedelt: Das schwedische Kiruna mit seinen 18.000 Einwohnern muss einer Eisenerzmine weichen. Wie organisiert man den Massenumzug? Und warum finden ihn so viele gut?

In Kiruna sehen sie schon die Risse, die feinen Linien in der Erde, die Zeichen, dass sie näher kommt. Sie, die Mine, die hier fast alle versorgt. Sie, die Mine, wegen der nun eine ganze Stadt umziehen muss. Hoch oben im Norden Schwedens, etwa 15 Zugstunden entfernt von Stockholm, liegt die größte unterirdische Eisenerzmine der Welt. Wer in Europa mit Eisenerz baut, baut meist mit Kiruna-Erz. Mehr als 27 Millionen Tonnen Eisenerz liefert die Mine jedes Jahr; es wird immer mehr. So viel, dass man sechs Eiffeltürme pro Tag bauen könnte, wie der "Guardian" einmal ausrechnete.

Ansonsten hat man Kiruna schnell durch. 18.000 Einwohner, H&M in der Fußgängerzone, eine historische Kirche, ein Uhrturm als Wahrzeichen und seit ein paar Jahren: ein Eishotel. Weil die Mine sich immer weiter Richtung Stadtkern frisst, hat die Stadt sich entschlossen, umzuziehen. Etwa drei Kilometer östlich. Der Uhrturm, ein paar historische Häuser und die Kirche ziehen mit. Rathaus, Marktplatz und Wohnhäuser sollen neu gebaut werden. Alles soll ein bisschen dichter und moderner werden. Ein bisschen nachhaltiger.

Wenn alles gut geht, ist bis 2033 ein großer Teil geschafft, sagen die verantwortlichen Stadtplaner des Architektenbüros White . Man solle sich den Umzug wie die Bewegung eines Tausendfüßlers vorstellen. 2016 das neue Rathaus, 2018 der neue Stadtkern, 2019 eine neue Bibliothek, 2021 die Kirche. In etwa hundert Jahren sollen dann alle Füßchen im neuen Kiruna angekommen sein.

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Das Architektenbüro White ist mit dem Umzug der Stadt Kiruna beauftragt worden. Hier zeigen die Städteplaner, wie sie sich das neue Stadtzentrum vorstellen.

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Das Wahrzeichen, die Uhr, zieht mit um. Das runde Gebäude ist das neue Rathaus. Es wird gestaltet von dem dänischen Architekturbüro Henning Larsen Architects - das übrigens auch das SPIEGEL-Gebäude an der Ericusspitze in Hamburg designte. Das Rathaus soll "The Crystal" heißen und 2016 fertig sein. Die Arbeiten am Stadtzentrum haben begonnen.

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Die Einkaufsstraße im neuen Kiruna. Die neue Stadt soll nachhaltiger gestaltet werden.

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18.000 Menschen leben derzeit ungefähr in Kiruna. Die Zahl sinkt jedoch. Um die Leute in Kiruna zu halten, soll es in der neuen Stadt mehr Unterhaltungs- und Kulturangebote geben.

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Neue Häuser: Kiruna wird wesentlich dichter besiedelt sein.

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Nahaufnahme des neuen Bahnhofs: Nach dem Plan der Architekten soll es eine überirdische Schwebebahn geben.

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Blick auf das neue Kiruna von oben: Die Stadt wird etwa drei Kilometer in östlicher Richtung verschoben.

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Freizeit und Wohnen im neuen Kiruna: Die Stadt hofft, dass das Projekt auch neue Investoren anlockt, die helfen, die Stadt zu gestalten.

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Ein Park im Winter: Die Menschen in Kiruna sind Naturfreunde.

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Den Umzug müsse man sich wie die Bewegung eines Tausendfüßlers vorstellen, erklärten die Architekten.

Was der Umzug genau kostet, ist nur schwer zu berechnen. Die staatliche Eisenerzfirma Luossavaara-Kiirunavaara Aktiebolag, kurz LKAB, hat nach eigenen Angaben bereits mehr als 640 Millionen Euro zur Verfügung bestellt. Ob das reicht - fraglich.

Was geht in den Köpfen der Menschen vor, die wegen der Mine ihr Zuhause verlieren? Was wollen die Menschen mitnehmen, was sind ihre größten Ängste? Ein Anruf bei der Anthropologin Viktoria Walldin, die mit den Architekten und Stadtplanern zusammenarbeitet.

Zur Person
  • White Architects
    Viktoria Walldin, 41 Jahre alt, wurde in Äthiopien geboren und wuchs in Schweden auf. Seit zwei Jahren arbeitet die Anthropologin mit dem Architektenteam zusammen, das die Umsiedlung der schwedischen Stadt Kiruna plant. Dafür hat sie sehr, sehr lange mit den Bewohnern geredet.
SPIEGEL ONLINE: Frau Walldin, die ersten Bagger rollen, in den kommenden Jahren wird Kiruna umziehen müssen. Wie ist die Gefühlslage?

Walldin: Die Menschen in Kiruna vertrauen der Mine. Sie vertrauen ihr sogar mehr als der Lokalpolitik, denn die Mine hat das Geld.

SPIEGEL ONLINE: Also kein Protest?

Walldin: Die gegenseitige Abhängigkeit ist sehr stark. Die Mine kann nicht ohne Menschen funktionieren, und die Menschen haben ohne Mine keine Arbeit. Wegen ihr gibt es die Stadt. Jemand hat mir mal gesagt: "Die Mine ist unser Leben, wenn sie will, dass wir springen, dann springen wir." Das macht den Umzug natürlich um einiges einfacher.

SPIEGEL ONLINE: Die Kirche zieht mit um, auch andere ältere Gebäude. Wie wichtig sind die alten Symbole im neuen Kiruna?

Walldin: Sehr wichtig. Die Menschen müssen ihre Stadt wiedererkennen. Unser Zuhause ist so ein großer Teil unserer Identität. Es erklärt, woher wir kommen. So wird das alte Kiruna geehrt, wo viele Menschen ihr Leben verbracht haben, man macht es zum Teil des neuen. Wir wollen daher versuchen, altes Material im neuen Kiruna einzubauen, und wenn es nur ein Türknauf ist.

SPIEGEL ONLINE: Was macht das alte Kiruna aus?

Walldin: Die Menschen sind große Naturliebhaber. Sie sind gerne draußen, viele haben weiter außerhalb ein Häuschen. Das gehört zu ihrer Identität. Aber die Bewohner hängen nun schon länger in der Luft. Hauskäufe, Familienplanung, Renovierungsarbeiten - sie legen ihre Pläne auf Eis, weil ja bald umgezogen wird.

SPIEGEL ONLINE: Es geht nicht vorwärts.

Walldin: Ja, man sieht das auch in der Stadt. Viele Gebäude müssten renoviert werden, aber die Stadt steckt da kein Geld rein - weil eh bald umgezogen wird. Dadurch fehlt Wohnraum in Kiruna. Und trotz einer Sehnsucht nach mehr Kultur gibt es nur wenige Angebote. Viele Menschen verlassen deswegen die Stadt, die Bevölkerung schrumpft.

SPIEGEL ONLINE: Ein sensibles Thema?

Walldin: Ein Samstagabend ist mir da sehr im Gedächtnis geblieben. Es gibt nicht so viele Ausgeh-Orte, das heißt: Die Schlangen an der Theke sind lang. Die Bar ist also brechend voll, das Personal arbeitet wie besessen, und man kann sehen, wie die Leute langsam genervt sind, weil sie so lange auf ihre Drinks warten müssen. Und ein Typ steht plötzlich auf und sagt: "Wenn ich nicht bald ein Bier bekomme, dann ziehe ich hier weg." Es war Totenstille, sie haben ihn an den Anfang der Schlange vorgelassen.

SPIEGEL ONLINE: Im Norden Schwedens leben in vielen Orten weit mehr Männer als Frauen. Auch in Kiruna?

Walldin: Wirklich viele Männer, männliche Männer. Und die brauchen Frauen. Im Alter von 20 bis 30 Jahren, also dem Alter, in dem man einen Partner sucht und sesshaft wird, gibt es zu wenige Frauen in Kiruna. Deswegen ist es wirklich wichtig für das neue Kiruna, neue Geschäfte und Unternehmen anzulocken und ein neues kulturelles Leben anzubieten, das Frauen in der Stadt hält. Ich glaube, das ist der Schlüssel, wenn Kiruna überleben will.

SPIEGEL ONLINE: Was ist die größte Angst der Leute?

Walldin: Dass es doch nicht passiert. Sie hören seit so langer Zeit, dass sie umziehen werden, und nie hat sich etwas bewegt. Vor allem ältere Leute sind sehr enttäuscht. Und dann ist da natürlich die Frage nach Kompensation. Wie werden wir entschädigt? Die Mine will ja die Menschen dafür bezahlen, dass sie ihre Häuser zurücklassen müssen. Aber wie berechnet man das? Das ist alles schwierig. Und auch wenn die Mine zahlt, braucht man Investoren, die die neue Stadt aufbauen.

SPIEGEL ONLINE: Kritiker bemängeln, dass das neue Kiruna dann vielleicht zu teuer ist für die alten Bewohner.

Walldin: Die Leute machen sich immer Sorgen. Aber in Skandinavien geht es uns so lächerlich gut. Ich kann da nur spekulieren, aber ich glaube, es wird ihnen gut gehen.

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Lesen Sie hier, wie ein junger Grubenarbeiter das Leben in Kiruna beschreibt.

Grube der Besserverdiener

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 58 Beiträge
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1. Kiruna umsiedeln
knut.boetticher 05.11.2014
Liebe BUND- und sonstige Aktivisten, stellt doch bitte mal einen Vergleich zu den Umsiedlungen im Zuge der Braunkohlegewinnung in Deutschland an und werdet etwas ruhiger.
2. Terror mit Terror rechtfertigen?
Gluehweintrinker 05.11.2014
Wie bitte? Nach dem Motto: "Seht, in Kiruna geht es auch, dass Heimat dem Profit geopfert wird, dann habt Euch mal nicht so im Ruhrgebiet." Das nahezu menschenleere Nordschweden kann man sowieso prima mit einem Ballungsraum wie NRW vergleichen, ja klar. Fahren Sie doch mal nach Kiruna und gucken nach, wie es da aussieht. Ich war da. Und erst dann dürfen Sie sich eine etwas differenzierte Meinung leisten.
3. Ein Vergleich?
boblinger 05.11.2014
Vollständig devastierte Ortschaften allein im Lausitzer Braunkohlerevier seit 1924: Altliebel, Bergheide, Berzdorf, Boschwitz, Buchholz, Buchwalde, Buschmühle, Deutsch-Ossig, Dollan, Dubrau, Geisendorf, Geißlitz, Gliechow, Gosda, Gräbendorf, Groß Buckow, Groß Jauer, Groß Lieskow, Groß Partwitz, Größräschen-Süd, Grünhaus, Haidemühl, Horno, Jessen, Josephsbrunn, Kahnsdorf, Kausche, Klein Bohrau, Klein Briesnig, Klein Buckow, Klein Görigk, Klein Jauer, Klein Lieskow, Klinge, Klingmühl, Kolpen, Kückebusch, Laasdorf, Lakoma, Laubusch, Malsitz, Merzdorf, Mocholz, Nebendorf, Neida, Neuberzdorf, Neudorf, Neu-Laubusch, Neu-Lohsa, Nimschütz, Pademagk, Presenchen, Pritzen, Publick, Quitzdorf, Radeweis, Ratzen, Rauno, Reichendorf, Reichwalder Schäferei, Reppist, Roitz, Römerkeller, Rosendorf, Sauo, Scado, Schadendorf, Scheibe, Schönfeld, Schöpsdorf, Seese, Sorno, Stiebsdorf, Stoßdorf, Stradow, Straußdorf, Tornow, Tranitz, Tzschelln, Viereichen, Vorberg, Wanninchen, Weißagk, Wischgrund, Wolkenberg, Wunscha, Zweibrücken Hinzu kommen noch einmal ca. 30 Teilortsabrisse Geplante Devastierungen der nächsten fünfzehn Jahre: Trebendorf-Hinterberg, Klein-Trebendorf, Schleife-Süd, Rohne, Mulkwitz, Mühlrose, Proschim, Lindenfeld, Welzow-Süd
4.
Trondesson 05.11.2014
Zitat von knut.boetticherLiebe BUND- und sonstige Aktivisten, stellt doch bitte mal einen Vergleich zu den Umsiedlungen im Zuge der Braunkohlegewinnung in Deutschland an und werdet etwas ruhiger.
Untauglicher Vergleich, denn die Stadt Kiruna ist für die Eisenerzmine geschaffen worden und gäbe es ohne sie gar nicht, während in Deutschland Dörfer umgesiedelt werden sollen, die meist schon lange existierten, bevor überhaupt bekannt war, daß es dort Braunkohlevorkommen gibt. Zudem ist es ein gewaltiger Unterschied, ob in einer abgelegenen Gegend in Nordschweden unterirdisch Eisenerz gefördert oder mitten im dichtbesiedelten Deutschland Braunkohle im Tagebau, was umweltbezogen allein schon für sich äußerst bedenklich ist, abzubauen.
5. Wohl kaum
knieselstein 05.11.2014
Zitat von knut.boetticherLiebe BUND- und sonstige Aktivisten, stellt doch bitte mal einen Vergleich zu den Umsiedlungen im Zuge der Braunkohlegewinnung in Deutschland an und werdet etwas ruhiger.
Ruhiger werden würde das Geschäftsmodel zerstören ;-) Hätten sich die Medien mal auf die "Umzugsopfer" gestürzt, die vor 20 Jahren umsiedelten, hätten wir ein anderes Bild und "die was mit Medien Machenden" Ärger mit ihren alten Schulkumpels, "die was in Umwelt-Macher" ;-)
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