Eltern auf Krippen-Suche Platzmangel in Deutschland

Eltern müssen monatelang suchen, ihre Elternzeit verlängern, improvisieren, sogar umziehen: Ab Sommer 2013 gibt es einen Rechtsanspruch auf Krippenplätze für Kinder ab eins - die Realität ist von den Versprechungen weit entfernt. Fünf Mütter erzählen von ihren grotesken Erfahrungen bei der Suche nach Betreuung.

Kinderkrippe (in Freiburg): Plätze sind rar, die Nachfrage ist groß
DPA

Kinderkrippe (in Freiburg): Plätze sind rar, die Nachfrage ist groß


Die Jagd beginnt früh. Selbst wenn ein Kind erst mit zwölf oder 18 Monaten in eine Krippe gehen soll, legen seine Eltern schon wenige Wochen nach der Geburt los: Einrichtungen werden abtelefoniert, Mitgliedsanträge für Vereine gestellt, Beiträge überwiesen. Plätze sind rar, die Nachfrage ist groß.

Eigentlich soll bis Anfang 2013 für jedes dritte Kind unter drei Jahren ein Betreuungsplatz zur Verfügung stehen. Ab Sommer 2013 besteht sogar ein Rechtsanspruch für Kinder ab einem Jahr. Doch schon jetzt ist klar, dass dieses Ziel in den westdeutschen Bundesländern kaum zu erreichen ist. 2011 war dort laut Statistischem Bundesamt nur rund jedes fünfte Kind unter drei Jahren in einer Krippe oder in der Kindertagespflege, also bei einer Tagesmutter.

Und so erleben Eltern Abenteuerliches auf der Suche nach einer Krippe für ihre Kinder. Fünf Mütter erzählen SPIEGEL ONLINE von ihren Erfahrungen. Alle wollen anonym bleiben, die meisten befürchten, dass ihre Chancen auf einen Betreuungsplatz andernfalls noch weiter sinken würden.

Die Großstadtmutter

Annabelle Richter* hat Pech gehabt. Ihre Tochter wurde im Oktober 2011 geboren. Das Kita-Jahr beginnt in ihrer Stadt im August. Bei der Vergabe der Plätze für 2012 war ihre Tochter noch kein Jahr alt und hatte schlechte Karten. "Die Einrichtungen wollen keine Kinder unter einem Jahr haben", erzählt sie.

Jetzt läuft die nächste Anmelderunde für August 2013. Dann ist Lisa fast zwei Jahre alt, und Annabelle Richter sollte schon längst wieder arbeiten. "Ich muss eigentlich im November anfangen", sagt sie. So lange hat sie Elternzeit beantragt, und so lange bekommt sie Elterngeld. Ob der Einstieg in den Job klappt und wie viele Stunden sie arbeiten kann, hängt davon ab, ob sie in den nächsten Wochen eine Betreuung für die Kleine findet.

Annabelle Richter wohnt in einer Großstadt in Nordrhein-Westfalen, dem Bundesland mit der deutschlandweit niedrigsten Betreuungsquote von Kindern unter drei Jahren: 2011 lag sie bei 15,9 Prozent. Der Bedarf ist offensichtlich höher: "Wir hatten uns nicht nur bei den städtischen Krippen, sondern auch bei den kirchlichen im Stadtteil beworben. Auf die zehn kirchlichen Plätze kamen 200 Anfragen." Annabelle Richter und ihr Mann suchen weiter. Falls sie keine Tagesmutter finden, bleibt ihnen nur Plan B: Sie steigt wieder voll in den Job ein, und ihr Mann versorgt die Kleine. "Ich bin bei uns die Hauptverdienerin."

Die Zwillingsmutter

Bei Maria Freitag* ist das Krippenproblem doppelt so groß: Sie hat Zwillinge. Die Mädchen kamen drei Monate zu früh auf die Welt. Als die größte Sorge ausgestanden war, wartete die nächste Herausforderung auf Freitag, die vor der Geburt der Kinder als Produktmanagerin in einer Wirtschaftsauskunftei arbeitete. "Ich wollte nach einem halben Jahr Elternzeit wieder Vollzeit arbeiten", sagt sie.

Freitag brachte früher das meiste Geld nach Hause. Tatsächlich stieg sie erst nach einem Jahr mit sechs Stunden pro Woche in den Job ein. Dank eines Chefs, der viel Verständnis hat und ihr ermöglichte, von zu Hause zu arbeiten. "Sechs Stunden hört sich nicht viel an. Aber ohne Betreuung und mit zwei Kindern arbeitest du sehr früh morgens oder in der Nacht."

Als ihre Mädchen zwei Jahre alt waren, wollte Freitag auf 20 Stunden erhöhen. Sie meldete ihre Töchter bei allen Kinderkrippen im Stadtteil an - ohne Erfolg. "Ich hatte mich besonders für eine katholische Krippe interessiert und bin dort extra in die Spielgruppe eingetreten. Aber das hat nichts gebracht", erzählt Freitag. Auf die sechs Plätze kamen 270 Anfragen. "Mein Problem ist, dass ich nicht nur einen, sondern zwei Plätze brauche. Das ist hoffnungslos." Freitag schaute sich daraufhin eine private Krippe an. "Die wollte 700 Euro pro Monat und Kind für einen 40-Stunden- Platz. Ich habe gut verdient, doch das ist wirklich nicht drin."

Eigentlich hat Maria Freitag mit ihrem Chef vereinbart, im Januar 2013 auf 20 Stunden aufzustocken. Dann sind ihre Mädchen zweieinhalb. Doch auch diese Absprache wird sie ohne Betreuungsplatz nicht halten können. Ihren alten Job hat sie schon verloren. "Ich bin jetzt Mädchen für alles und arbeite den anderen zu."

Die Kleinstadtmutter

Sonja Mott* dachte, sie sei früh dran. Als ihr Sohn rund ein halbes Jahr alt war, telefonierte sie die Krippen in der hessischen Kleinstadt ab. Erik sollte ein Jahr später in eine Kindergruppe gehen. Die städtischen Kitas waren voll, es blieben die drei Krippenvereine. Sonja Mott trat in die Vereine ein, zahlte Mitgliedsbeiträge, setzte Erik auf Listen - und wartete. Der Sommer verging, der Winter auch, im Frühling wusste sie immer noch nicht, ob ihr Sohn im Sommer einen Platz bekommt.

Die eine Krippe bot nur Halbtagsplätze, was Mott wegen der Fahrtzeit zum Job nicht reicht. Die zweite Krippe ging in der Zwischenzeit fast pleite und forderte nun von den Eltern zinslose Darlehen. Bei der dritten Krippe rief sie ein paar Mal an und fragte nach. "Mir wurde gesagt, dass ich mich bitte nicht mehr melden soll. Wenn ich einen Platz hätte, würde ich bis Mitte Juni informiert. Sonst könnte ich davon ausgehen, dass es nicht geklappt hat." Sollte sie ihrem Chef also sagen: "Ich komme zurück, vielleicht aber auch nicht?"

Sonja Mott hörte nichts mehr von der Krippe. "Am meisten ärgerte mich, dass die sich gar nicht gemeldet haben und ich überhaupt nicht planen konnte."

Trotzdem trat sie nicht aus dem Verein aus. Denn inzwischen ist Sonja Mott wieder schwanger. Bei ihrem zweiten Kind will sie noch besser vorbereitet sein: Es kommt schon als Fötus auf die Krippenwartelisten.

Die Neuhinzugezogene

Fünf Jahre lang führte Sabine Tezaff* eine Fernbeziehung. Sie arbeitete als Lehrerin in Hessen, ihr Mann in Baden-Württemberg. Als ihr Sohn knapp eineinhalb Jahre alt war, ertrugen sie die Pendelei nicht mehr. Sabine Tezaff packte Kisten und zog in eine 30.000-Einwohner-Stadt in der Nähe von Stuttgart. "Schon in der ersten Woche nach dem Umzug habe ich mich bei der Stadtverwaltung nach Krippen erkundigt", erzählt sie.

Das Angebot war mager: Die städtischen und kirchlichen Einrichtungen boten rund 40 Plätze für Kinder unter drei Jahren. Baden-Württemberg steht, was die Betreuungsplätze angeht, deutschlandweit im Mittelfeld: 20,9 Prozent der unter Dreijährigen hatten 2011 einen Betreuungsplatz - 2,5 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Sabine Tezaff half das nicht. Die Warteliste in ihrer Stadt war lang, zum Zuge kamen vorrangig berufstätige Mütter. Als Arbeitssuchende hatte Tezaffs schlechte Chancen.

Sabine Tezaff verlängerte ihre Elternzeit. Im Oktober 2013 wird ihr Sohn drei und hat dann Anspruch auf einen Kindergartenplatz. Als Lehrerin wird sie aber schon mit Beginn des Schuljahres Anfang September anfangen zu arbeiten. "Maik wird wohl vorübergehend zu einer Tagesmutter müssen."

Die Alleinerziehende

Für Kristin Schneider* lief schon in der Schwangerschaft alles anders als geplant. Damals wurde ihr klar, dass sie ihr Kind alleine erziehen würde. Sofort fing sie an, sich um die Betreuung zu kümmern. In ihrem Heimatdorf in Baden-Württemberg gab es nur wenige Krippen, ein Platz sollte 500 bis 800 Euro im Monat kosten. "Das war zu teuer für mich", sagt sie.

Also suchte sie nach Alternativen. Sie verließ ihr vertrautes Umfeld und zog in eine 300.000-Einwohner-Stadt, um eine "bessere Infrastruktur für die Kinderbetreuung zu haben". Nach einem Jahr Elternzeit bekam sie einen Betreuungsplatz und konnte in ihren Job zurück.

Den meisten Frauen in dieser Situation gelingt das nicht: Mehr als drei Viertel der alleinerziehenden Mütter mit Kindern unter drei Jahren sind nicht erwerbstätig "und auf Transferleistungen angewiesen", heißt es in einem aktuellen Bericht des Bundesfamilienministeriums.

Dass Kristin Schneider der Wiedereinstieg in den Job so gut gelang, verdankt sie ihrer Weitsicht: Sie hatte ihr Kind bei den Stadtteilkrippen angemeldet, als sie im sechsten Monat schwanger war.

* Namen von der Redaktion geändert

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 166 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ServicePackXXL 05.11.2012
1. sowas kommt von sowas her
Zitat von sysopDPAEltern müssen monatelang suchen, ihre Elternzeit verlängern, improvisieren, sogar umziehen: Ab Sommer 2013 gibt es einen Rechtsanspruch auf Krippenplätze für Kinder ab eins - die Realität ist davon weit entfernt. Fünf Mütter erzählen von ihren grotesken Erfahrungen bei der Suche nach Betreuung. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/kita-ausbau-muetter-erzaehlen-von-ihrer-suche-nach-einem-krippenplatz-a-862967.html
kaum verwunderlich, warum es hierzulande immer weniger kinder gibt!
dirsch 05.11.2012
2. armes Deutschland
so gesehen, ist ein Kind schon eine Art Risiko-Faktor... Geboten wird den Eltern nahezu nichts, womit sie rechnen oder auch nur grob planen können. Gleiczeitig heißt es seitens (potentieller) Arbeitgeber oder "vom Staat", dass man flexibel sein soll. Ja wie denn? Schön auch die Geschichte eines Bekannten: lt. Gemeinde gibt es Krippenplatz nur, wenn sie eine Arbeit nachweisen können und bei Bewerbungen hieß es seitens der möglichen Arbeitgeber: ach sie haben ein Kind - dann weisen sie uns doch bitte einen Krippenplatz nach. Also wie rum denn nun? Immerhin war ein Kind allein noch nicht alleiniges Ausschlußkriterium.
holi24 05.11.2012
3. Deckt sich
Genau mit den Erfahrungen aus meinem privaten und Arbeitsumfeld!! Komisch, dass Frauen anstatt 700€ zu bezahlen "lieber" zu Hause bleiben. Interessant auch, dass es immer noch Politiker gibt, die sich darüber wundern, dass Frauen in D weniger verdienen als Männer. Liegt das nun an den Bösen, frauenfeindlichen Konzernen oder daran, dass die Politik seit Jahrzehnten keine vernünftige Kinderbetreuung bereitstellt?! Brave Frau zu Hause am Herd passt halt auch besser zum Weltbild unserer meist älteren, konservativen und vor allem männlichen Politiker.
Ingmar E. 05.11.2012
4.
Da fragt man sich was die Feministinnen im Westen in den ganzen Jahrzehnten überhaupt gemacht haben? Medienpräsenz und Ämter sind ein bißchen wenig, wenn man der Arbeiterin und Angestellten nicht helfen will/kann. Und warum machen die Firmen nicht mehr Betriebskindergärten auf, wenn sie Fachkräfte brauchen?
spontifex 05.11.2012
5. Wilde Tiere
Zitat von ServicePackXXLkaum verwunderlich, warum es hierzulande immer weniger kinder gibt!
Leute, die Kinder bekommen, nur um sie möglichst schnell und lange irgendwo parken zu können, sind sowieso nicht zu retten.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.