Kleiner Held in Nairobi "Du bist ein sehr böser Mann"

Die Situation im Westgate-Einkaufszentrum von Nairobi ist weiter hochangespannt. Doch schon werden die ersten Helden des blutigen Terroranschlags gefeiert. Es sind ein Elitesoldat - und ein vierjähriger Junge.

AFP

Nairobi - Die Geiselnahme im Westgate-Einkaufszentrum ist noch nicht beendet, da haben die britischen Medien neben Opfern und Tätern auch schon die ersten Helden ausgemacht: So berichtet die "Daily Mail" von einem Mitglied des britischen Special Air Service (SAS), das vor Ort bis zu 100 Menschen aus der Shopping-Mall gerettet haben soll.

Ein Foto zeigt den Soldaten in unmittelbarer Nähe zum Einkaufszentrum mit Schusswaffe im Hosenbund und zwei sichtlich schockierten blonden Frauen im Arm, die er offenbar gerade in Sicherheit bringt. Der namentlich nicht genannte Mann soll insgesamt zwölf Mal trotz heftiger Schusswechsel in das Gebäude gelaufen sein, um völlig verängstigte Besucher hinauszubegleiten.

Den Berichten zufolge war das SAS-Mitglied nicht im Dienst, sondern privat vor Ort. Er habe mit Freunden in Ruhe einen Kaffee im Einkaufszentrum trinken wollen, hieß es. Ein Bekannter des Mannes aus Nairobi sagte der "Daily Mail": "Was er getan hat war heldenhaft. Er ging zwölf Mal wieder rein und rettete 100 Menschen. Stellen Sie sich vor, zurückzugehen, wenn Sie wissen, was da drinnen los ist."

Am Samstag war das Westgate-Center von schwer bewaffneten Mitgliedern der somalischen Schabab-Miliz angegriffen worden. Mindestens 62 Menschen starben im Kugelhagel, 170 sind zum Teil schwer verletzt. Rund um das Gebäude spielten sich dramatische Szenen ab, schwerverletzte, schreiende Menschen flohen in alle Richtungen, Eltern rannten mit ihren Kindern in Panik über die Straßen. Geschätzt zehn bis 15 Terroristen nahmen Geiseln und verschanzten sich im Gebäude.

Die Situation ist seitdem extrem unübersichtlich, die Informationen, die aus Sicherheitskreisen und von der Regierung in Umlauf gebracht werden, scheinen wenig verlässlich. Am frühen Morgen westeuropäischer Zeit waren erneut Schüsse zu hören - nur wenige Stunden zuvor hatte die kenianische Regierung noch behauptet, das Geiseldrama sei beendet. Wenig später hieß es, die Einsatzkräfte hätten sechs Geiselnehmer getötet.

Die Kollegen des mutigen SAS-Soldaten erreichten die Shopping-Mall später. Sie unterstützen laut "Telegraph" die kenianischen Behörden bei ihrem Einsatz. Die älteste Spezialeinheit der britischen Armee war am Falkland-Krieg ebenso beteiligt wie am Golfkrieg und an der Operation "Enduring Freedom" in Afghanistan.

"Du bist ein sehr böser Mann"

Auch ein vierjähriger Junge schaffte es mit seinem beherzten Auftreten in die Schlagzeilen: Wie das Boulevardblatt "The Sun" berichtet, wurde die Mutter des kleinen Elliot Prior in einem Supermarkt des Einkaufszentrums angeschossen. "Du bist ein sehr böser Mann", beschimpfte der Kleine daraufhin den brutalen Angreifer, der laut "Independent" eine AK-47 auf ihn gerichtet hielt. "Lass uns gehen!", forderte der Vierjährige. Das Unerwartete geschah: Der Terrorist empfand offenbar Mitleid mit den Kindern, bot ihnen einen Schokoriegel an und ließ sie dann gemeinsam mit der Mutter ziehen.

Zum Abschied betonte er noch, die Dschihadisten wollten nur Kenianer und US-Amerikaner töten, keine Briten. Dann empfahl er der Frau, zum Islam zu konvertieren. "Vergebt uns, wir sind keine Monster."

Der 35-jährigen Amber Prior soll es der Zeitung zufolge noch gelungen sein, zwei weitere Kinder mit nach draußen zu nehmen - darunter einen verwundeten Zwölfjährigen, dessen Mutter getötet worden war.

Elliots Onkel Alex Coutts sagte der "Sun", seine Schwester und die Kinder hätten großes Glück gehabt. Laut seinem Bericht hätten die Terroristen allen Kindern erlaubt, den Supermarkt zu verlassen. "Amber entschied sich aufzustehen und ja zu sagen." Elliot habe dann angefangen, mit dem Mann zu streiten. "Er war sehr tapfer."

"Weiße Witwe" im Westgate-Center?

An dem Terrorangriff auf das Westgate-Center waren der kenianischen Regierung zufolge auch Ausländer beteiligt. Unter den Terroristen seien "zwei oder drei" junge Amerikaner im Alter von etwa 18 und 19 Jahren gewesen, sagte Kenias Außenministerin Amina Mohamed in einem Interview des US-Senders PBS. Sie seien somalischen oder arabischen Ursprungs. "Aber sie lebten in den USA, in Minnesota und an einem anderen Ort", ergänzte die Ministerin.

Auch eine Britin soll beteiligt gewesen sein. Gerüchten zufolge handelt es sich bei ihr um die "weiße Witwe", die Terrorverdächtige Samantha L., Witwe des Selbstmordattentäters Germaine Lindsay, der 2005 bei einem Sprengstoffanschlag mehr als 50 Menschen in einem Londoner Zug tötete. L. soll sich laut BBC zuletzt in Ostafrika aufgehalten haben und wird von der kenianischen Polizei gesucht wegen Verbindungen zu Terrorzellen.

Die Islamisten von al-Schabab dementierten diese Meldungen inzwischen über einen ihnen zugerechneten Twitter-Account. "All jene, die die Angreifer als US-Amerikaner oder Briten bezeichnen, sind Leute die nicht wissen, was im Westgate-Gebäude vor sich geht."

Wieso es den Einsatzkräften noch immer nicht gelungen ist, die Geiselnehmer zu überwältigen, bleibt unklar. Tyler Hicks war als Fotograf für die "New York Times" vor Ort. Er sagte dem Sender CNN, die Sicherheitskräfte wüssten nicht, wie viele Geiseln oder Geiselnehmer sich im Gebäude befinden. Die Situation sei sehr schwierig, es gebe innerhalb des weitläufigen Centers nur wenige Orte, wo man sich verstecken oder in Deckung gehen könne. "Du kannst da nicht einfach reingehen, das sind Leute, die skrupellos Zivilisten töten."

Weiter unklar war auch am Dienstag, in welcher Form die lokalen Sicherheitskräfte von Israel unterstützt werden. Einer der Besitzer des Westgate-Centers stammt aus Israel. Am Wochenende hieß es, israelische Experten würden die Kenianer strategisch beraten. Vor Ort ist die kenianische Eliteeinheit Recce, die von israelischen Spezialisten ausgebildet wird.

In den vergangenen zehn Jahren arbeiteten Kenia und Israel immer wieder eng zusammen, vor allem bei der Bekämpfung des islamischen Terrorismus in Ostafrika. Einzige Hoffnung für die Angehörigen der Vermissten vermittelt derzeit ein Tweet der Islamisten: "Die Geiseln, die in Westgate von unseren Mudschahidin gefangen gehalten werden, leben noch. Sie sehen zwar beunruhigt aus, aber sie leben noch."

ala/dpa

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insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
tim-quasineutral 24.09.2013
1.
Lasst die Geiseln gehen und ergebt euch eurem Schiksal: Tod oder Verhaftung. Aber lasst die Geiseln frei. Furchtbar, dieser Terror. Kein Mensch will diese Gruppe oder nur sehr wenige. Dafür terrorisieren sie Somalia und nun auch Kenia. Sicher hat das auch was mit der Armut in Somalia zu tun. Aber nur aus Armut, wird man nicht zum muslimischen Terroristen.
crimesceneunit 24.09.2013
2. ist ja löblich, dass er das für die...
Menschen tat! aber eine frage: laufen sas-mitglieder in ihrer freizeit immer mit knarre rum? oder ist das in afrika usus wenn man zum kaffee-schlürfen geht? ;)
andersganders712 24.09.2013
3. optional
Grauenhaft was sich dort abspielt. Aber schön zu lesen, dass es noch wahre Helden gibt, selbst wenn sie es von "Berufung" sind.
tom.le 24.09.2013
4. Menschenrechte verwirkt
Die Terrorristen haben die eigenen Menschenrechte verwirkt. Sie sind in der Tat Bestien. Mit ihnen sollte man genauso umgehen wie mit tollwütigen Tieren. Menschenrechte gelten nur für Menschen.
angnaria 24.09.2013
5. ach Gott
Zitat von sysopBulls Press/ Barcroft MediaDie Situation im Westgate-Einkaufszentrum von Nairobi ist weiter hochangespannt. Doch schon werden die ersten Helden des blutigen Terroranschlags gefeiert. Es sind ein Elitesoldat - und ein vierjähriger Junge. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/kleiner-held-in-nairobi-du-bist-ein-sehr-boeser-mann-a-924219.html
Was für eine billige Propaganda um vom völligen Versagen des Sicherheitsapparates abzulenken.
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