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29. Oktober 2016, 19:33 Uhr

Waffenboom in Deutschland

Laien am Abzug

Von , Benjamin Braden (Video) und Christina Elmer (Grafik)

Der Handel mit Schreckschusspistolen und Reizgas boomt, die Zahl der Kleinen Waffenscheine steigt. Selbst bei Händlern hält sich die Freude über die große Nachfrage in Grenzen.

"Man weiß ja nie", sagt Oliver und zuckt mit den Schultern. In einer Plastiktüte klackern zwei Pfefferspraydosen. Vielleicht stoßen sie auch an den ebenfalls in der Einkaufstasche verstauten ausziehbaren Schlagstock. "Es geht um ein Gefühl der Sicherheit", sagt Oliver auf die Frage, warum er im Waffenhaus Eppendorf in Hamburg eingekauft hat.

Deutschland verändert sich, beobachtet Oliver, der seinen Nachnamen nicht veröffentlicht haben will. Als Belege nennt er die Übergriffe zu Silvester in Köln und Hamburg, spricht dann über Flüchtlinge in Luxusautos, er selbst fährt einen Kleinwagen. Mit ruhiger Stimme erzählt er von einem Land, das ungerechter werde - und unsicherer. Er selbst wohnt im schicken Winterhude. "Kein Bezirk, in dem der Ausländeranteil hoch ist." Trotzdem möchte Oliver sich wappnen, auch seine Freundin soll sich schützen können.

Der Kleine Waffenschein ist gefragt wie nie

Der Terror von Paris, Brüssel, Nizza, die Amoktat in München - diese Ereignisse haben bei vielen Deutschen das Sicherheitsgefühl erschüttert. Auch Flüchtlinge nehmen manche als Bedrohung wahr. Auf die Polizei, den Staat, wollen sie sich nicht mehr verlassen - und bewaffnen sich lieber selbst.

Der Kleine Waffenschein erlebt seit Beginn des Jahres einen anhaltenden Boom. Er ist angesichts eines relativ strengen Waffenrechts die süße Ausflucht für verunsicherte Deutsche. Waren im September 2015 rund 273.000 Kleine Waffenscheine registriert, gab es Ende September 2016 über 440.000, wie eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE ans Innenministerium deutlich macht:

Legal an eine scharfe Waffe zu kommen ist in Deutschland schwierig für Privatpersonen, man muss schon Sportschütze sein oder Jäger. Und auch dann darf man nicht mit der Waffe durch die Straßen spazieren, im Gegenteil. Es gelten strenge Transportregeln.

Schreckschusspistolen und Waffen der gleichen Kategorie dürfen Volljährige in Deutschland dagegen einfach kaufen, solange die Waffen ein Prüfsiegel der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) tragen. Dafür und fürs Aufbewahren daheim braucht man keinen Kleinen Waffenschein. Wer seine sogenannte PTB-Waffe auf die Straße mitnehmen will, braucht den Schein aber. Bei größeren Menschenansammlungen bleibt das Tragen dennoch verboten.

Jeder Volljährige kann den Kleinen Waffenschein bei der Waffenbehörde beantragen. 50 Euro Gebühr sind in Hamburg und Berlin fällig, in Köln 55 Euro, in München 100 Euro. Die Behörde prüft, ob jemand schon mal auffällig war, eine Drogenvergangenheit hat. Je nach Waffe kommen rund 150 Euro Verkaufspreis dazu, schon ist man ausgestattet - ohne je den verantwortungsvollen Umgang geübt zu haben.

Alle Bevölkerungsgruppen kaufen

Michael Hartmann, Besitzer des Waffenhauses Eppendorf, berichtet von einem Ansturm auf Gas- und Schreckschusswaffen, die er im Laden in einer abschließbaren Glasvitrine präsentiert. "Senioren und Frauen mit Kinderwagen kamen in meinen Laden und haben nach einer Gaswaffe gefragt. Ich hatte dieses Jahr Tage, da wurde so viel nachgefragt wie in manchen Vorjahresmonaten", sagt er. Hartmann selbst würde aber "niemals mit Schreckschusswaffe losziehen. Das ist wie Einkaufen bei Karstadt mit gesperrter Kreditkarte", sagt er. Nicht Erfolg versprechend.

"Das Bedürfnis der Gesellschaft nach Sicherheit hat stark zugenommen", sagt Jérôme Endrass. Er ist Professor für Forensische Psychologie an der Universität Konstanz und forscht dort unter anderem zur Waffenaffinität von Menschen. "Man ist immer weniger bereit, Unsicherheit zu tolerieren, das Gefühl auszuhalten, dass einem etwas zustoßen kann", sagt Endrass. Das könne ein Motiv unter mehreren für den Waffenkauf sein.

"Eine ganz neue Kundengruppe in Waffengeschäften"

Hartmann zeigt in seinem Hamburger Laden Exemplare, für die der Kleine Waffenschein gedacht ist: Die Walther P22, einreihiges Magazin mit acht Schuss, sieht einer scharfen Waffe des Herstellers täuschend ähnlich, ebenso die Schreckschusspistole P88 vom selben Hersteller. Wer sie durchlädt und den Schlitten nach hinten zieht, hört dasselbe metallische Klacken wie bei einer scharfen Waffe.

Die beiden Pistolen liegen schwer in der Hand. Um den Abzug zu bedienen, muss man fest drücken. Wer mit einer Schreckschusswaffe schießt, spürt einen leichten Rückstoß, laut ist es natürlich auch. Kaum vorstellbar, dass Ungeübte die Waffe zur Selbstverteidigung rechtzeitig ziehen, auch wenn ihr Einsatz dann erlaubt wäre:

Es tritt nur eine Druckwelle aus, dennoch können Waffen, für die der Kleine Waffenschein gedacht ist, schwere Schäden an den Augen verursachen, das Trommelfell zerreißen. Ein aufgesetzter Schuss aus nächster Nähe könnte tödlich sein, wenn wichtige Adern zerfetzt werden.

Den deutschen Waffenhandel kann die gestiegene Nachfrage freuen, doch auch hier wiegelt man ab. "Wir sehen gerade eine ganz neue Kundengruppe in Waffengeschäften, die zum ersten Mal kommt", sagt Ingo Meinhard, Geschäftsführer des Bundesverbands der Büchsenmacher und des Waffeneinzelhandels (VDB). Auch er besitzt einen Kleinen Waffenschein - und sagt: "Eine Schreckschusswaffe ist nicht für jeden geeignet. Man muss sie auch einsetzen können." Er würde in manchen Fällen zu einer Hochleistungs-LED-Taschenlampe mit Blitz-Modus raten, die Angreifer blendet.

Schützenvereine sind entsetzt über den Boom

Wer sich eine Schreckschusswaffe besorgt und glaubt, im Schützenverein lernen zu können, wie sie funktioniert, hat sich geirrt. Bei den Schützen sind die neuen Waffenbesitzer alles andere als willkommen. Wenn Besitzer eines Kleinen Waffenscheins etwa bei der Schützengemeinschaft Norderstedt in Schleswig-Holstein fragen, ob sie mal ihre Waffen ausprobieren dürfen, erhalten sie eine Absage. Der Vereinsvorsitzende Uwe Gluschitz: "Ich habe versucht, den Leuten klarzumachen, dass sie ihre Waffen weglegen sollen. Sie bringen keine Sicherheit."

Der Verein muss sich nach dem Schützen-Nachwuchs strecken, aber Menschen mit Kleinem Waffenschein will Gluschitz dennoch nicht auf dem Schießstand haben. "Er ist für Leute, die sich schon mit Waffen auskennen. Viele besorgen sich solche Waffen und wissen dann nicht, wie man damit umgeht", sagt Gluschitz.

"Was wir hier machen, ist ernsthafter Sport"

Abends ist hier reger Betrieb. Hinter den Kleinkaliberschützen fallen die leeren Patronenhülsen klirrend auf den Boden, am Langwaffenstand zielen zwei Großkaliberschützen auf 100 Meter entfernte Ziele. Es riecht nach Schießpulver, Schwaden vernebeln den Raum. Zwischen zwei ohrenbetäubenden Schüssen weist Gluschitz einen nachlässigen Schützen zurecht, die Sicherheitsregeln müssen beachtet werden. "Was wir hier machen, ist ernsthafter Sport", sagt Gluschitz. Ein Stück Papier mache noch lange keinen guten Waffenbesitzer.

Auch die Polizei rät von Schreckschusswaffen und Pfeffersprays ab. "Diese Gegenstände können dem Nutzer in einer Gefahrensituation entrissen und dann gegen ihn eingesetzt werden", heißt es von der Polizei Köln. Die Laien am Abzug könnten dann nicht nur andere gefährden. Sondern auch sich selbst.

Mitarbeit: Almut Cieschinger, Claudia Niesen

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