Knochenmark Schwule, Prostituierte und Häftlinge dürfen nun spenden

Knochenmarkspender werden dringend gesucht - nur schwul durften sie bisher auf keinen Fall sein. Die Regelung wurde in aller Stille geändert. Doch das Blut von Homosexuellen ist weiterhin nicht erwünscht.

Gewebeproben im Labor der DKMS in Dresden: Unerwünschtes Mark
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Gewebeproben im Labor der DKMS in Dresden: Unerwünschtes Mark

Von Veronika Wulf


"Blut geben rettet Leben" lautet ein Slogan des Blutspendedienstes des Roten Kreuzes. Wenn aber homosexuelle Männer, Prostituierte oder Häftlinge helfen wollen, dürfen sie es nicht: Ihr Blut ist unerwünscht. Auch von der Knochenmarkspende waren sie bisher ausgeschlossen.

Die Begründung: Durch ungeschützten Geschlechtsverkehr mit häufig wechselnden Partnern steigt das Risiko, sich mit HIV, Hepatitis B und C oder Syphilis zu infizieren. Und wenige Wochen nach einer Ansteckung kann eine Infektion noch nicht nachgewiesen werden. Dass man nicht schwul sein muss, um durch Betten zu wandern, oder dass man schwul und treu sein kann - geschenkt.

Homo- und bisexuelle Männer dürfen zumindest ihr Knochenmark jetzt abgeben. Sie und die anderen "Risikogruppen" werden nicht länger gleich bei der Registrierung ausgeschlossen. Das beschloss das Zentrale Knochenmarkspender-Register Deutschland (ZKRD) bereits am 18. Dezember. Das ZKRD hilft Patienten bei der Suche nach dem passenden Spender und legt zusammen mit seinen Kooperationspartnern die "deutschen Standards für die nicht verwandte Blutstammzellspende" fest.

Der Absatz, in dem das Registrierungsverbot für Schwule festgelegt war, sei schon seit langem kontrovers diskutiert worden, sagt Carlheinz Müller, der Geschäftsführer des ZKRD. Doch als er jetzt geändert wurde, gab es nicht mal eine Pressemitteilung. Auf der Webseite der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) musste man lange herunterscrollen, um von der neuen Regelung zu lesen: Sie wurde nur unter den "häufigen Fragen" verkündet.

Die "taz" vermutete deshalb am Mittwoch eine "Geheimhaltungsstrategie", die sie als "grotesk" kritisierte. Guido Ening, ein Sprecher der DKMS, weist diese Vorwürfe zurück. Es habe sich einfach zu wenig geändert, um es als große Meldung zu verkünden; die Gesetze zur Knochenmarkspende, etwa die Hämotherapie-Richtlinien der Bundesärztekammer, sind gleich geblieben. Zudem sei das Thema "diffizil und kompliziert" und deshalb nicht so leicht in einer Pressemitteilung zu erklären.

Tatsächlich ändert sich bei der Vergabe des Knochenmarks wenig. Die "Risikogruppen" dürfen spenden, aber nach wie vor bestimmen die Ärzte, welche Spende sie verwenden wollen. Sie können sich für die Stammzellen von Schwulen, Prostituierten oder Häftlingen entscheiden, wenn es keinen anderen Spender gibt. Die Ärzte müssen das in einer "Declaration of Urgent Medical Need" begründen und den Patienten darüber aufklären, dass der Spender zu einer "Risikogruppe" gehört. Solche Fälle gab es schon bisher; etwa wenn sich jemand registrieren ließ und später in Haft kam.

Nun werden die Ärzte wohl häufiger als bisher vor der Frage stehen, ob sie Spenden der "Risikogruppen" verwenden wollen. "Jeder Spender zählt", sagt DKMS-Sprecher Ening, daher sei das Verbot aufgehoben worden. Patient und Spender müssen zu fast hundert Prozent die gleichen Gewebemerkmale aufweisen. Die Wahrscheinlichkeit, seinen "genetischen Zwilling" außerhalb der Familie zu finden, sei "sehr gering", schreibt die DKMS auf ihrer Webseite.

Ein Drittel der Patienten bekomme Stammzellen von Verwandten, doch das sei nicht immer möglich. So findet laut DKMS jeder fünfte an Blutkrebs Erkrankte in Deutschland keinen Spender. "Die Registrierung bedeutet aber noch lange nicht, dass auch eine Transplantation stattfindet", sagt Ening. Fast fünf Millionen Spender aus der ganzen Welt seien in der DKMS registriert. Davon werde nur etwa ein Prozent jemals angefragt.

Blut spenden dürfen Schwule in Deutschland übrigens weiterhin nicht - anders als beispielsweise in Italien. Schwulenverbände fordern schon seit langem, auch dieses Verbot aufzuheben. Möglicherweise wird der Gerichtshof der Europäischen Union (EuGH) eine Änderung befördern. Ein Franzose hatte gegen das Verbot in seinem Heimatland geklagt, woraufhin der EuGH-Generalanwalt Paolo Mengozzi ihm im Juli vergangenen Jahres recht gab; das Urteil steht noch aus.

Anders als beim Knochenmark gibt es für Blut genügend Spender, die nicht zur "Risikogruppe" gehören. Zudem können Männer bis zu fünf Mal im Jahr Blut spenden, Frauen vier Mal. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, eines der sogenannten diagnostischen Fenster zu treffen, in denen eine Infektion noch nicht nachgewiesen werden kann. Knochenmark wird dagegen nur ein Mal entnommen. Davor können aufwendige Tests durchgeführt werden, um eine Infektion weitgehend auszuschließen.



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