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Aufrüsten nach Kölner Silvesternacht: "Die Angst darf keine Eigendynamik entwickeln"

Ein Interview von

Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof: "Als Menschen sind wir ja empathisch" Zur Großansicht
DPA

Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof: "Als Menschen sind wir ja empathisch"

Die Übergriffe der Kölner Silvesternacht haben Menschen deutschlandweit verstört. Warum eigentlich? Sozialpsychologe Ulrich Wagner über den richtigen Umgang mit Angst und den Trugschluss, dass Pfefferspray eine Lösung ist.

Zur Person
  • Laackman Fotostudios Marburg
    Ulrich Wagner, Jahrgang 1951, ist Professor für Sozialpsychologie an der Philipps-Universität Marburg im Fachbereich Psychologie und am Zentrum für Konfliktforschung. Er forscht zu Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung und Gewalt.
SPIEGEL ONLINE: Herr Wagner, mehr Menschen als üblich kaufen nach den Ereignissen der Kölner Silvesternacht Pfefferspray, immer mehr wollen einen Kleinen Waffenschein erwerben. Hilft das gegen die Angst?

Wagner: Mit der Angst ist es so: Wir weichen vor ihr zurück. Das heißt beispielsweise, Menschen, die nun im öffentlichen Raum Angst haben, meiden zu bestimmten Tageszeiten bestimmte Plätze. Wer jetzt Pfefferspray kauft, will wieder aktiv Kontrolle über die eigenen Handlungsmöglichkeiten gewinnen und die Angst in den Griff bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben überhaupt so viele Menschen nun Angst vor Übergriffen?

Wagner: Angst ist ja eigentlich ein vernünftiger Mechanismus. Wir haben ein unangenehmes Erlebnis und die Angst bringt uns dazu, uns zukünftig davor zu schützen. Wie ein Kind, das sich zum ersten Mal an einer Herdplatte verbrennt. Ein Problem ist, wenn diese Angst generalisiert wird. Kinder haben dann nicht nur Angst vor dem Ofen, sondern auch vor Dingen, die ähnlich aussehen. Darüber hinaus gilt: Wir müssen unangenehme Erfahrungen nicht selbst machen, um uns zu ängstigen. Als Menschen sind wir ja empathisch. Wenn wir die Berichte und Bilder aus Köln sehen, löst diese vermittelte Erfahrung stellvertretend bei uns Angst aus.

SPIEGEL ONLINE: Und diese Angst werde ich mit Pfefferspray wieder los?

Wagner: Nein, Sie werden sie los, wenn Sie sich der angstauslösenden Situation wieder aussetzen. Wenn Ihnen das Pfefferspray als Hilfsmittel dient, wieder abends auszugehen, gut. Ein Beispiel: Die Menschen haben nun nicht mehr vor dem Silvesterabend am Kölner Bahnhof Angst, sondern an jedem Tag und in jeder beliebigen deutschen Kleinstadt. Dabei ist es sehr unwahrscheinlich, dass an einem Donnerstagabend in einer Stadt wie beispielsweise Marburg so etwas geschieht. Wenn man es schafft, einige Male diese beängstigende Situation abends am Bahnhof auszuhalten, geht die Angst von selbst runter. Sie wird gelöscht.

SPIEGEL ONLNE: Ist diese Angst gefährlich?

Wagner: Es ist natürlich, Angst zu haben. Ich kann das nach der Silvesternacht auch verstehen. Wir sollten es aber nicht übertreiben. Diese Angst darf keine Eigendynamik entwickeln und Ausmaße annehmen, die unser Verstand eigentlich nicht mitmachen würde. Dagegen hilft nur: sich der beängstigenden Situation aussetzen, mit Freunden darüber reden, informieren, Gefühle kritisch reflektieren. Die Kehrseite von Pfefferspray und Co. ist doch, dass solche Formen der Selbstverteidigung möglicherweise die Gefährdung wieder erhöhen. In einer Situation wie der Kölner Silvesternacht mit Pfefferspray um sich zu sprühen, wäre sicherlich kontraproduktiv gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Auch das Vertrauen in Polizei und Rechtsstaat wurde erschüttert. Was muss nun passieren, um die Angst einzufangen?

Wagner: Wenn es bei uns Auseinandersetzungen gibt, ist der Staat gefragt. Vielen Leuten hat es jedoch Angst gemacht, zu sehen, wie machtlos die Polizei gegen den Mob war. Es ist wichtig, dass es nun überzeugende Forderungen aus der Politik gibt, das künftig zu verhindern. So etwas darf nicht wieder passieren. Die Kölner Exzesse müssen aufgeklärt werden, damit man mit dieser Information solchen Ereignissen zukünftig entgegenwirken kann. Die Täter müssen überführt und bestraft werden - wobei es aus psychologischer Sicht vor allem darauf ankommt, solche Strafen zügig umzusetzen. Wenn wir die Selbstverteidigung nun selbst in die Hand nehmen, birgt das immenses Eskalationspotenzial.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Wagner: Die Polizei hat eindeutige Vorgaben, was sie tun kann und was sie tun muss. Bürgerwehren und Leute mit Pfefferspray in der Tasche oder anderem Selbstschutzgerät haben das nicht.

Was ist der Kleine Waffenschein? Lesen Sie hier die wichtigsten Fragen und Antworten zu dem Thema .

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