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Straffällige Nordafrikaner: "Diese Jugendlichen haben gar keine anderen Möglichkeiten"

Ein Interview von

Einwanderer aus Nordafrika stehen seit den Silvester-Übergriffen unter Generalverdacht. Vielen bleibt nichts anderes, als zu stehlen, sagt der Düsseldorfer Sozialarbeiter Samy Charchira. Er fordert: Deutschland muss mehr für die jungen Männer tun.

SPIEGEL ONLINE: Herr Charchira, seit den Übergriffen an Silvester tobt eine Debatte über straffällige Einwanderer aus Staaten wie Tunesien, Algerien und Marokko - und viele Menschen haben nun den Eindruck, Nordafrikaner seien besonders kriminell. Was ist da dran?

Charchira: Es wäre bedenklich, wenn wegen der Vorfälle in Köln jetzt einzelne Gruppierungen in Sippenhaft genommen werden. Düsseldorf, wo ich arbeite, ist so was wie das Zentrum für marokkanisches Gemeindeleben in Nordrhein-Westfalen - und trotzdem gibt es keine abgeschotteten Viertel. Im Gegenteil: Die nordafrikanische Gemeinde dort ist über Jahrzehnte gewachsen und sehr tolerant.

SPIEGEL ONLINE: Aber warum gibt es nun solche Probleme?

Charchira: Seit drei, vier Jahren kommen immer mehr Maghrebiner aus anderen europäischen Ländern zu uns - aus Spanien, Italien, Frankreich. Die meisten von diesen jungen Leuten sind seit Jahren illegal in Europa unterwegs, wobei viele in die Kriminalität abrutschen. Und weil sie in Ländern wie Italien besonders schlecht behandelt werden, ziehen sie weiter und stranden dann zum Beispiel in Düsseldorf.

SPIEGEL ONLINE: Wie werden sie hier aufgenommen?

Charchira: Auch in Deutschland werden sie fast nie als Flüchtlinge anerkannt und bekommen deshalb große Schwierigkeiten. Sie haben keine Sprachkenntnisse, kein Einkommen, keine Unterkunft, keine Freunde. In den Moscheen und bei Vereinen bekommen sie dann zumindest etwas zu essen und können mit Landsleuten in ihrer Muttersprache sprechen. Aber eine Perspektive haben sie trotzdem nicht...

SPIEGEL ONLINE: ...was auch daran liegt, dass viele nordafrikanische Staaten straffällige Auswanderer nicht wieder aufnehmen wollen - und sie deshalb nicht in ihre Heimatländer abgeschoben werden können (Mehr dazu lesen Sie im aktuellen SPIEGEL).

Charchira: Genau, weil die Identität dieser Jugendlichen oft nicht festgestellt werden kann. Und dann geraten sie bei uns auf die schiefe Bahn, weil sie gar keine anderen Möglichkeiten haben.

Zur Person
  • SPIEGEL ONLINE
    Samy Charchira, Jahrgang 1972, arbeitet als Sozialpädagoge im Düsseldorfer Stadtteil Bilk vor allem mit jungen Einwanderern aus nordafrikanischen Staaten. Der in Marokko aufgewachsene Familienvater ist Mitglied der Deutschen Islamkonferenz und sitzt im Vorstand des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Nordrhein-Westfalen.
SPIEGEL ONLINE: Was muss geschehen, um diese Entwicklung zu stoppen?

Charchira: Zunächst muss die Grundversorgung gesichert werden, damit sie schon mal nicht fürs Mittagessen stehlen müssen. Im Moment bekommen diese Jugendlichen aber nichts, weil sie offiziell ja gar nicht existieren. Deshalb wissen wir auch fast nichts über sie und können kaum angemessen auf ihre Probleme reagieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie ließe sich das ändern?

Charchira: Indem wir mit ihnen reden! Wir müssen Streetworker und Sozialarbeiter zu ihnen schicken, Strukturen für sie aufbauen, Hilfsangebote schaffen. Dann würden wir ziemlich schnell feststellen, dass ein großer Teil dieser Jugendlichen sehr gute Chancen auf eine wirkliche Integration hätte. Gerade von den 17- oder 18-Jährigen könnten wir noch viele erreichen.

SPIEGEL ONLINE: Und die anderen?

Charchira: Um diejenigen, die daran nicht interessiert sind und nur Geld machen wollen, müssen sich die Strafverfolgungsbehörden kümmern. Wer partout Hilfe ablehnt und kriminell bleiben möchte, ist ein Fall für die Polizei. Das ist wichtig für den Schutz aller Beteiligten, vor allem auch der anderen Immigranten.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Charchira: Ihre ersten Opfer suchen sich diese straffälligen Jugendlichen immer in der maghrebinischen Gemeinde, in die Altstadt oder zum Hauptbahnhof ziehen sie später. Und wenn sich ein Landsmann gegen Übergriffe oder Diebstahl wehrt, bekommt er das hart zu spüren. Neulich erst haben sie das Café eines Marokkaners im Stadtteil Bilk, der eine Gruppe vor seinem Laden vertreiben wollte, mit Ziegelsteinen beworfen.

SPIEGEL ONLINE: Greift die Polizei nicht ein?

Charchira: Die betroffenen Anwohner haben jedenfalls das Gefühl, dass man sie alleine lässt. Manche glauben sogar, die Polizei verfahre nach dem Motto: "Lass die Ausländer das mal unter sich ausmachen!"

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nach staatlichem Versagen.

Charchira: Ich plädiere sehr dafür, dass die Polizei sich bei diesem Problem stärker engagiert. Es kann ja nicht sein, dass die Betroffenen sich selbst um die Sicherheit im Stadtteil kümmern und dann auch noch von den Tätern angegriffen werden. Und wer abends durch Bilk geht, kann diese Leute beim Dealen und Randalieren beobachten - warum lässt die Polizei das jahrelang zu?

SPIEGEL ONLINE: Sind sexuelle Übergriffe, wie es sie an Silvester etwa in Köln gab, auch schon seit Längerem ein Problem?

Charchira: Nein, dieses Phänomen ist offenbar neu. Auch die Jugendlichen, mit denen ich seitdem gesprochen habe, können das nicht nachvollziehen.

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