Übergriffe in Köln Vorsicht vor der Angst

Nach den Straftaten vor dem Kölner Hauptbahnhof sind viele Menschen beherrscht von Wut und Vorurteilen. Diese Emotionen helfen weder den Opfern noch der Polizei, sie vermehren nur die Angst. Unsere Aufgabe ist jetzt eine andere.

Ein Kommentar von


Wenn jemand Opfer einer Straftat wird, ist es nicht wichtig, aus welchem Land der Täter kommt. Wichtig ist, dass die Gesellschaft den Betroffenen hilft. Nach den Übergriffen in der Silvesternacht in Köln wird zu viel über die Täter spekuliert und zu wenig an die Opfer gedacht.

Wenn jemand eine Straftat begeht, muss diese Person dafür zur Verantwortung gezogen werden - egal aus welchem Land sie kommt. Damit der Rechtsstaat dafür sorgen kann, müssen diese Menschen so gut es geht beschrieben werden. Dabei können auch Hautfarbe oder Akzent helfen.

Verschiedene Zeugen beschreiben die Täter der Silvesternacht als "keine mitteleuropäischen Leute", als "nordafrikanischer Herkunft". Der Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers spricht von Tätern, die "überwiegend aus dem nordafrikanischen beziehungsweise arabischen Raum" stammen.

Diese Informationen sind wichtig für die Polizei. Doch in der Bevölkerung scheinen diese Angaben hauptsächlich Angst, Wut und Vorurteile zu schüren. In E-Mails an SPIEGEL ONLINE fragen Leser, warum nicht offensiver darüber gesprochen wird, wie die Täter aussahen. In sozialen Netzwerken wird sogar von "Flüchtlingstätern" gesprochen. Das hilft keinem. Nicht den Opfern, nicht der Polizei, nicht den Menschen in diesem Land. Niemand, der nicht Zeuge oder Opfer dieser Taten war, kann zur Klärung dieser Vorfälle beitragen. Vorverurteilungen instrumentalisieren lediglich die Erlebnisse der Opfer.

Ein Albtraum für die Betroffenen

In der Silvesternacht auf dem Platz vor dem Kölner Dom wurden etliche Frauen angegangen, beschimpft, sexuell belästigt, bestohlen. Von wem sie angegriffen wurden, ist bis dato nicht klar. "Mir wurde unter mein Kleid und an mein Gesäß gegriffen", berichtete eine 22-Jährige im "Kölner Stadt-Anzeiger". Ein Vater erzählt, dass er in der Menge von seiner Partnerin, seinem kleinen Sohn und seiner 15-jährigen Tochter getrennt wurde: "Die Angreifer hatten ihr und meiner Lebensgefährtin an die Brust und zwischen die Beine gegriffen. Sie hatten versucht, in Jeans und den Slip zu kommen."

Keine Frage: Was sich in dieser Nacht abgespielt hat, ist für die Betroffenen ein Albtraum.

Auf Facebook und in E-Mails bezeichnen Leser uns als "widerliche Beschwichtiger und Realitätsverdreher" oder "linksverseuchtes Gutmenschenpack" und regen sich darüber auf, dass über "mutmaßlich rechtsextreme" Verbrechen geschrieben wird, jetzt aber wieder niemand aufsteht und sagt: "Die Ausländer waren's." Diesen Menschen kann man ganz leicht erklären, warum dies nicht geschieht: weil es Unsinn ist.

Weil Deutschland seit Generationen ein multikultureller Ort ist, weil es nichts über Nationalität oder Herkunft verrät, wenn ein Mensch "nordafrikanisch" aussieht oder "nicht mitteleuropäisch". Es gibt in Deutschland Zehntausende, die nicht aussehen wie das Klischee vom Deutschen und die doch seit Generationen hier leben, hier aufgewachsen sind, unsere Sprache sprechen, hier arbeiten, einen deutschen Pass haben. Ja, es gibt auch Flüchtlinge. Aber wer diese Menschen pauschal verdächtigt, hilft nicht bei der Aufklärung dieser Fälle, er spielt Rechten in die Hände.

Hinweise mit Vorsicht behandeln

Dabei geht es nicht darum, unbequeme Informationen unter den Tisch zu kehren, sondern die wenigen vorhandenen Hinweise mit Vorsicht zu behandeln. Das Vorgehen der Täter etwa, die sexuelle Belästigung und Herabwürdigung der Frauen auf offener Straße, könnte Hinweise auf den kulturellen Hintergrund geben. Diese Form des Übergriffs ist laut einer Studie der Vereinten Nationen in einigen Ländern des arabischen Raums verbreitet. Das Anmachen, Beleidigen oder auch das Grabschen an Hintern, Brust oder in den Schritt gehört dort mitunter zum traurigen Alltag.

Sind jetzt deshalb alle nordafrikanisch aussehenden Männer verdächtig? Rechtfertigt dieser pauschale Verdacht die geifernde Hetze im Netz? Nein. Die einzige Folge dieses Pauschalverdachts ist eine Vermehrung der Angst. Die Angst von Frauen, die an einer Gruppe von "nicht mitteleuropäisch" aussehenden Männern vorbeigehen. Aber auch die Angst von "nicht mitteleuropäisch" aussehenden Menschen in Deutschland, die fürchten, von anderen vorverurteilt und in Sippenhaft genommen, vielleicht angegriffen zu werden.

Aber hier geht es um die Aufklärung geschehener Verbrechen, nicht um fadenscheinige Rechtfertigungen für neue Anschläge.

Deshalb lautet die wichtigste Frage: Wie gelingt es, in einer so schwierigen Situation gemeinsam dafür zu sorgen, dass es etwas weniger Angst gibt?

Vielleicht können wir damit anfangen, aufzuhören, ohne Beweise ganze Menschengruppen zu verurteilen.

Zum Autor
Jeannette Corbeau
Benjamin Maack arbeitet als Redakteur im Ressort Panorama.

E-Mail: Benjamin.Maack@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 281 Beiträge
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Seite 1
lillykatze 07.01.2016
1. Danke
Dieser Text gefällt mir sehr gut und spiegelt ziemlich genau, was ich bei der ganzen Geschichte empfinde. Ich reise sehr viel durch Deutschland mit der Bahn. Schon seit Jahrzehnten gibt es Bahnhöfe, an denen ich nicht gerne alleine den Bahnsteig wechsle. Es ist also kein aktuelle Phänomen. Als Frau habe ich die Erfahrung gemacht, dass gerade auf Bahnhöfen, Hilfe zumeist von nicht europäischen Menschen kommt, wenn mich ein Mann bedrängt und verfolgt hat. Im Falle Köln kann ich nur auf eine Aufstockung der Polizeipersonals und möglichst ein paar ordentliche Verurteilungen hoffen. Ansonsten ist es ein weiterer Bahnhof, auf dem ich nicht gerne umsteige...
timofine 07.01.2016
2. Diesem Kommentar...
kann ich vollstens zustimmen!!! Mehr Worte braucht es nicht!!
Miere 07.01.2016
3. Vielleicht können wir gemeinsam damit anfangen ...
von unserer Landes- und Bundespolizei sowie den Security-Mitarbeiter der Bahn zu verlangen, dass sie es ernst nehmen, wenn Frauen angelaufen kommen und sagen, dass sie belästigt wurden, und dann sofort was unternehmen. Und zwar was Zielführendes, nicht nur angegriffene Frauen gemeinsam mit Tätern irgendwohin abdrängen. Davon unabhängig finde ich es aber peinlich, ablenkend und verharmlosend, wie in vielen Medien gleich der Fokus darauf geschoben wird, der Islam sei nicht frauenfeindlich, und niemand dürfe das behaupten. Als ob man nicht über echte Straftaten reden dürfte, ohne das hinzuzufügen.
53er 07.01.2016
4. Für diese Angst
haben Politik und Medien sowie eine -zunächst- verharmlosende und offensichtlich ahnungs-und machtlose Polizei schon selbst gesorgt. Wenn die Beschuldigungen in eine bestimmte Richtung gehen, wird schnell eine Mauer aufgebaut, aus Angst, es könnte zu einem "Flächenbrand" führen. Das ist aber der absoult falsche Weg, die Bürger fühlen sich nicht mehr ernst genommen sondern gegängelt und belehrt. In Köln gibt es dutzende Anzeigen mit Angaben zu einem übereinstimmenden Täterprofil. Welchen Aufenthaltsstatus diese Menschen haben ist dabei nicht von Belang und sollte auch nicht Anlass zu irgendwelchen Mutmaßungen geben. Es darf aber festgehalten werden, dass es sich zumindest in der Mehrzahl um nicht mitteleuropäisch aussehende Täter handelt, die in größerer Anzahl und (Vermutung von mir) diese Aktion in irgendeiner Weise abgesprochen haben. Allein die Menge der Straftaten sollte bei Polizei, Behörden und Politik alle Alarmglocken klingeln lassen und dem Herumlamentieren ein Ende bereiten. SPD, Grüne und Linke sollten endlich ihre rosarote Brille zur Seite legen und die meisten anderen Parteien nicht ihr Süppchen auf den Geschehnissen kochen. Wir haben Menschen im Land die unter den Augen der Polizei (vermutl. organisierte) abscheuliche Verbrechen begehen können. Dass es bei der Verfolgung zu "Kollateralschäden" kommen kann, ist nicht auszuschließen.
dirk1962 07.01.2016
5. Nicht ganz
Zustimmung, soweit es die Opfer betrifft, die müssen im Mittelpunkt stehen. Keine Zustimmung, das die Täter unklar sind. Es handelt sich doch offensichtlich um junge Muslime. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie gestern, oder vor drei Jahren schon zu uns gekommen sind. Bei einem Einzeltäter würde man zu Recht die Herkunft ausser acht lassen. Bei 1000 Menschen, die sich versammeln, um Erst zu randalieren und dann Frauen anzugreifen ist das schon etwas anderes.
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