Kölner Erzbischof Meisner kritisiert Abtreibung als "Super-GAU"

Es sind deutliche Worte: Der Kölner Kardinal Joachim Meisner hat die Abtreibung als "täglichen Super-GAU" verurteilt. Wer um die Zukunft Deutschlands besorgt sei, solle sich mehr um dieses Thema kümmern als um die Atomkraft.

Kardinal Meisner: "Gesellschaft auf einen Weg in das Unmenschliche geführt"
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Kardinal Meisner: "Gesellschaft auf einen Weg in das Unmenschliche geführt"


Hamburg - Es ist fast genau 30 Jahre her, als auf dem Titelbild des "Stern" 28 Frauen zu sehen waren, über ihnen der Aufschrei: "Wir haben abgetrieben!" Ein Tabubruch, der dazu beitrug, dass sich Frauen heute nicht automatisch strafbar machen, wenn sie ein Kind abtreiben.

Der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner hat nun die Abtreibungspraxis in Deutschland scharf kritisiert, es handele sich um den "täglichen, beschwiegenen Super-GAU". Wer um die Zukunft des Landes besorgt sei, "sollte sich mehr um dieses Thema kümmern als um die sogenannte Energiewende", schrieb Meisner in einem Gastbeitrag für die "Zeit"-Beilage "Christ und Welt", die am Donnerstag veröffentlicht wird.

Atomkraft stelle keine existenzbedrohende Gefahr mehr dar: "Wir steigen aus der Kernkraft aus, und die noch arbeitenden Meiler gehören zu den sichersten der Welt." Durch Schwangerschaftsabbrüche dagegen würden "jeden Tag mehr als zehn Klassenzimmer ausgelöscht".

Kinder würden in Deutschland "allgemein und vor allem in den Medien als Bedrohung empfunden für Wohlstand und Freiheit", kritisierte der Kölner Erzbischof. Die Liberalisierung des Abtreibungsparagrafen 218 im Jahr 1995 habe eine De-facto-Freigabe der Abtreibung bewirkt. Damit "haben wir die Gesellschaft auf einen Weg in das Unmenschliche, in die Barbarei geführt".

Grundsätzliche Kritik an Embryonen-Forschung

Meisner zeigte sich überzeugt, dass die Schwangerschaftsabbrüche die Ursache für ein weitverbreitetes Gefühl der Unsicherheit in Deutschland sind: "Die acht Millionen in den letzten Jahrzehnten im Mutterleib getöteten Kinder lasten auf unserem kollektiven Gewissen. Das stumme Warum in den Millionen Kinderaugen liegt bleischwer wie eine Grabesplatte auf unserem Bewusstsein."

Deutschland habe "den Faden des Lebens und damit die Nabelschnur zur Lebenssicherheit gerissen und gekappt", fügte Meisner hinzu. Das habe "mit der Schwächung des Glaubens zu tun, mit dem um sich greifenden Glaubensverlust bei vielen Mitbürgern, mit der Geschichte im vereinten Deutschland". "Wir haben die Nabelschnur der Schöpfung vergessen." Politiker verhielten sich beim Thema Abtreibung "wie die drei Affen: nichts sehen, nichts hören, nichts sagen".

Meisner kritisierte zugleich grundsätzlich jede Forschung an Embryonen: "Es schneidet ins Herz des Menschlichen, wenn es um Design-Babys geht, um die Schwächsten der Schwachen, um die Schutzbedürftigsten. Die Pränataldiagnostik, überhaupt die künstliche Befruchtung und ihre Auslese- und Selektionsmentalität züchten Leben und töten die Hoffnung."

wit/bim/AFP/dpa



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