Stickeralben in Kolumbien: Kleb' dir einen Drogenboss

Sportler, Manga-Helden und niedliche Tiere sind out: Die Kinder in Kolumbien sammeln neuerdings Sticker mit dem Konterfei des berühmtesten Drogenbosses in der Geschichte des Landes. Aber darf das Leben von Pablo Escobar in harmlose Alben geklebt werden? Die Behörden sind noch nicht sicher.

AFP

Medellín - Pablo Escobar war der Boss der Drogenbosse, Kolumbiens Staatsfeind Nummer eins und bis zu seinem Tod 1993 einer der meistgejagten Verbrecher der Welt: Er schaffte es in Medellín an die Spitze des mächtigen Kartells, das in den achtziger Jahren weltweit den Großteil des Kokainhandels kontrollierte und Kolumbiens zweitgrößte Stadt zum Synonym für Drogenterror machte. An seinem 44. Geburtstag starb er auf der Flucht im Kugelhagel der Polizei.

So berüchtigt Escobar zu seinen Lebzeiten war - so reizvoll scheint seine Geschichte heute zu sein. So reizvoll, dass in einigen Stadtteilen Medellíns seit zwei Wochen Escobar-Sticker die Runde machen. Sie werden von Kindern getauscht, gesammelt und in ein Album geklebt, das die Lebensgeschichte des Drogenbarons erzählt - in Anlehnung an die Telenovela des TV-Senders Caracol "Escobar, der Herr des Bösen".

Die Behörden der Stadt Medellín überlegen nun, den Verkauf der Alben und Klebebilder zu verbieten, wie die Zeitung "El Tiempo" schreibt. Es gebe bereits erste Kontrollen, um zu überprüfen, "bis zu welchem Punkt dieses Material legal oder illegal ist", sagte demnach Regierungssekretär Sergio Zuloaga.

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Kolumbien: Drogenboss als Sticker-Held
Das Album umfasst dem Bericht zufolge 16 Seiten und wird für 200 Pesos, umgerechnet etwa zehn Cent, an den Kiosken in Medellín verkauft.

aar/dpa

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1. Nein, das stimmt nicht...
Micael54 10.08.2012
Sorry, diese Geschichte ist absolut gemein. Ich bin mit einer Kolumbianerin verheiratet, wohne einige Wochen im Jahr in Kolumbien, habe viele kolumbianische Freunde. Die Kolumbianer, die ich kenne, haben mit Drogen absolut nichts am Hut. Sie leiden an diesem Drogen-Image. Das geht so weit, dass Kolumbianer hier in Spanien behaupten, sie seien aus Venezuela. Nur damit sie nicht auf diese scheiß Drogen angesprochen werden. „Die Kinder in Kolumbien sammeln neuerdings Sticker mit dem Konterfei des berühmtesten Drogenbosses”... das ist einfach nicht wahr. DIE Kinder in Kolumbien sind weit von Drogen entfernt. Das geht so weit, dass mich die 2 kleinen Mädchen im Haus kritisierten, weil ich so viel Schokolade esse und so viel Cola trinke. Andererseits bin ich immer wieder fasziniert, wie fleißig und tüchtig die in der Schule sind, wie diszipliniert und interessiert die in die Schule gehen. Denen das Image ihres Landes zu versauen, ist eine bodenlose Gemeinheit. „Stickeralben in Kolumbien... Kleb’ dir einen Drogenboss“. Das ist Werbetexten, aber nicht Journalismus. So eine Headline für Leser im entfernten Deutschland, die über Kolumbien wenig wissen, ist eine absolute Gemeinheit. Ich tippte oben das Suchwort „Kolumbien“ ein. Resultat: „Drogen in Kolumbien“, „Kolumbien-Reisen“, „Bürgerkrieg in Kolumbien“, „Entführungen in Kolumbien“. Wenn da ein deutscher Reporter in Kolumbien durch die Straßen geht, sieht der wirklich nichts anderes?
2. So stimmt's...
Micael54 10.08.2012
Hier ein Ausschnitt aus dem El-Tiempo-Artikel... Hier ein Ausschnitt aus dem El-Tiempo-Artikel... El material, de 16 páginas, se vende a 2.000 pesos en las tiendas de los barrios populares de Medellín como Santo Domingo Savio, Popular 1 y 2 y algunas zonas de Aranjuez, en el nororiente de la ciudad, tras el éxito de la serie del Canal Caracol Escobar, el patrón del mal. Los sobres con las láminas cuestan 300 pesos. So ein Album kostet also nicht 200 Pesos, sondern 2.000 Pesos. Zum Vergleich: Ein Herrenhaarschnitt kostet in Medellín um die 3.000 Pesos. 2.000 Euro sind also viel Geld für ein Kind in Kolumbien. Und ein Umschlag mit Bildern kostet 300 Pesos. Und das Zeug wird nur an einigen Kiosken in Medellín verkauft. Ich vermute, dass die Auflage niedrig ist. Genauso könnte man sagen, die Kinder in Deutschland essen Weißwürste und jodeln.
3. Vor allem...
marged 10.08.2012
...leiden die Kolumbianer unter der taeglichen Gewalt normaler Krimineller aber auch der des Staates in Form von Armee, Polizei und Paramilitaers sowie der Drogenmafia. Drogen und Drogenhandel bestimmen in grossen Teilen des Landes das taegliche leben! Das Image von Kolumbien ist voellig zu Recht katastrophal. Auch ich bin seit Jahren in Kolumbien verheiratet und keiner unserer kolumbianischen Bekannten will zurueck in seine Heimat. Einige scheuen sogar den Besuch oder, reisen heimlich ohne Vorankuendigung. Zu behaupten dort waere alles schick ist einfach unverantwortlich und tut denen, die darunter leiden ein grosses Unrecht an. Wir hoffen, dass aehnlich wie in anderen Laendern Suedamerikas, auch in Kolumbien eines Tages die korrupte und kriminelle Politikerkaste die Macht abgeben muss. Martin aus Norwegen
4. In den ärmeren Vierteln herrscht ja auch die meiste Kriminalität
dieter_2012 10.08.2012
da ist es doch verführerisch Kindern vorzugaukeln wie man sehr schnell an sehr viel Geld kommen kann. Ein Teil des Wohlstandes in Medellin beruht tatsächlich auf Drogenhandel, Geldwäsche und Schmuggel, obwohl ein Teil der Freiberufler, Geschäftsleute und hohe Funktionäre auch gut verdienen. Ein Magistrado, vergleichbar in Deutschland mit einem Richter am Landgericht, verdient z.B. 6.500 Euro (14 Mio. Pesos) brutto im Monat. Mit all dem hat die Mehrheit der Bevölkerung aber nichts zu tun. Ein Haarschnitt kostet im übrigen ab 6.000 Pesos aufwärts.
5. Ist das Journalismus?
Medellin 11.08.2012
Zitat von sysopSportler, Manga-Helden und niedliche Tiere sind out: Die Kinder in Kolumbien sammeln neuerdings Sticker mit dem Konterfei des berühmtesten Drogenbosses in der Geschichte des Landes. Aber darf das Leben von Pablo Escobar in harmlose Alben geklebt werden? Die Behörden sind noch nicht sicher. Kolumbien: Kinder sammeln Klebebilder von Ex-Drogenboss Escobar - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,849169,00.html)
Heute, 20 Jahre nach dem Tod von Pablo Escobar noch derartige Artikel zu veroeffentlichen und ein Land nur ueber eine derartig eingeschraenkte Berichterstattung in eine Ecke zu stellen ist ungefaehr so, als wenn die Weltpresse Deutschland in den 60ern als Nazi-Staat dargestellt haette. Es ist Schade, dass die Berichterstattung in Deutschland ueber Kolumbien scheinbar nicht von bestimmten schwarz-weiss Schemata lassen kann. Kolumbien und Medellin haben soviel mehr zu bieten, als 10-Cent Sammelbilder. Als eines der Laender in Suedamerika mit extrem dynamischer wirtschaftlicher Entwicklung - ist Kolumbien Vorreiter in vielen Themen, von sozialen Innovationen zu technologischen Grossprojekten. Die einseitige Berichterstattung in der deutschen Presse fuehrt leider nur dazu, dass Deutschland und die deutsche Wirtschaft heute bereits weit hinter anderen Laendern, wie den USA, Korea, China und der Schweiz zurueckfaellt, was zukunftsweisende Innovationen und Investitionen in diesem Andenstaat angeht. Kritische Themen sollten selbstverstaendlich nicht totgeschwiegen werden, aber eine verantwortungsvolle Presse sollte eine gesunde und realistische Balance finden zwischen echter Berichterstattung im Sinner einer realistischen Darstellung der Situation in einem Land und einer vollkommen einseitigen Darstellung von polemischen Themen.
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